Der gescheiterte Präsident

Er wurde zum Sinnbild einer traurigen Ära Afghanistans. Ali Ahmad Safi traf den ehemaligen afghanischen Präsidenten Hamid Karzai in Wien.

13 Jahre lang prägte er die Politik Afghanistans, bis heute sorgt er immer wieder für Kontroversen: Hamid Karzai.© Dominik Asbach / laif / picturedesk.com

"Trotz 15 Jahren massiver US-Präsenz gibt es in Afghanistan heute Unsicherheit, Extremismus, Gewalt und Terrorismus“, betont Hamid Karzai. Im Jänner besuchte der frühere afghanische Präsident aus Anlass eines Vortrages an der Diplomatischen Akademie Wien. Das Südwind-Magazin nutzte die seltene Chance, mit dem ehemaligen Staatsmann zu sprechen.

Karzai geht im Interview mit den USA scharf ins Gericht: So wirft er etwa den Vereinigten Staaten (als auch Pakistan) vor, religiösen Extremismus für politische Zwecke zu instrumentalisieren und dadurch gegen Frieden und Stabilität in Afghanistan zu arbeiten.

Karzai als großer Kritiker des Westens. Das war nicht immer so.

Partner der USA. Karzai wurde 1957 in eine Familie des mächtigen paschtunischen Polpazai-Clans in Karz in der südlichen Provinz Kandahar geboren. Er regierte Afghanistan von 2001 bis 2014.

Bald nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA landeten US-Truppen am Hindukusch. Karzai arbeitete mit Washington zusammen und wurde nach dem Ende der Taliban-Herrschaft für sechs Monate zum Präsidenten einer provisorischen Regierung ernannt. Im Juni 2002 wurde er von der Loja Dschirga (der traditionellen Großen Ratsversammlung) zum Chef einer Übergangsregierung gewählt. Schließlich regierte er zehn Jahre lang als der erste vom Volk gewählte Präsident Afghanistans (2004 bis 2014).

Anfangs ein treuer Verbündeter des Westens, bezog er mit dem wachsenden Einfluss der Rebellen unter Führung der Taliban zunehmend anti-amerikanische Positionen.

Seine Präsidentschaft wird im Nachhinein sehr negativ beurteilt: Politische Beobachter sind sich einig, dass Karzai durch seine mangelnden Führungsqualitäten und seine korrupte Clique einen Teil dazu beitrug, dass Afghanistan Chancen auf Frieden, Entwicklung und Stabilität verspielte.

Die USA und Europa investierten nach dem Beginn des „War on Terror“ Milliarden US-Dollar, trotzdem ist Afghanistan eines der ärmsten, unsichersten und am stärksten von Terrorismus betroffenen Länder der Welt.

Es war unter der Regierungszeit Karzais, dass Afghanistan zum Inbegriff eines politisch korrupten, gescheiterten Staates wurde.

Auf internationaler Ebene wurde Karzai dementsprechend wahrgenommen. Karzai habe, so lautet immer wieder ein Vorwurf, während seiner Präsidentschaft Milliarden Dollar an Hilfsgeldern vergeudet.

Was sagt er selbst dazu? Er weist die Vorwürfe zurück: Afghanistan könne nicht durch Auslandshilfe zu Wohlstand kommen, sondern nur durch Wirtschaftswachstum und die Entwicklung der Infrastruktur, argumentiert er gegenüber dem Südwind-Magazin.

Der Großteil der Auslandshilfe wäre für wenig durchdachte Projekte verwendet worden, kurzfristige Initiativen der Geberländer, die nur wenig dazu beigetragen hätten, Afghanistan voranzubringen. „Kaum landete das Geld in unseren Taschen, war es auch schon wieder weg“, so Karzai zum Südwind-Magazin.

Was ihm PolitologInnen schon anrechnen: Karzai setzte sich als Präsident stets für Meinungsfreiheit und politischen Pluralismus ein. Es gelang ihm auch, sowohl religiöse als auch unterschiedliche politische Gruppierungen – von kommunistischen zu liberalen – in den politischen Dialog einzubeziehen.

Weiterhin präsent. Nach der Übergabe der Macht an seinen Nachfolger Ashraf Ghani im September 2014 war er in der Politik des Landes weiter präsent. Seine engsten Verbündeten gründeten oppositionelle Gruppen, die durch Kritik an Sicherheitsmaßnahmen und Korruption Druck auf die Regierung ausübten.

Karzais Aktivitäten gaben seither immer wieder Anlass zu Kontroversen; Kritik zog er insbesondere auf sich, als er die aufständischen Taliban als seine „Brüder“ bezeichnete. „Ja, ich nenne die Taliban Brüder, weil sie unsere Landsleute sind“, bekräftigt Karzai in Wien.

Das kommt nicht immer gut an. Bei seinem Vortrag in der Diplomatischen Akademie fällt ihm ein junger Afghane zornig ins Wort: „Warum bezeichnen Sie die Taliban als Ihre Brüder? Ich habe drei Jahre in der Armee gedient. Warum haben Sie mir dann Waffen gegeben, um meine Brüder zu töten? Warum sollte mein Bruder mich töten?“.

Der vehemente Protest des jungen Afghanen im Publikum steht stellvertretend für die Frustration, die Millionen AfghanInnen innerhalb und außerhalb des Landes gegenüber dem ehemaligen Präsidenten empfinden.

Kooperation statt Konflikt. Mit seinen öffentlichen Auftritten seit dem Ende seiner Regierungszeit verfolgt Karzai laut eigenen Angaben eine Mission: Er will aus dem Krisenherd Afghanistan ein Land mit Perspektive machen, und zwar durch internationale Zusammenarbeit und Entwicklung.

Von den USA fordert er eine Kehrtwende ein: Nicht zuletzt durch die US-Politik wäre sein Land nun zu einem Brennpunkt regionaler und internationaler Konflikte geworden.

„Wir werden Sie nicht auffordern, Afghanistan zu verlassen, aber wir wollen nicht, dass Sie weiter das tun, was Sie uns angetan haben“, so Karzai in Richtung USA.

Die Vereinigten Staaten und die internationale Gemeinschaft seien zwar im Namen des „Kriegs gegen den Terror“ nach Afghanistan gekommen, hätte diesen Krieg aber nicht wirklich geführt, so der ehemalige Staatsmann.

Während seiner gesamten Regierungszeit hätten die USA die Forderung ignoriert, sich um die Rückzugsgebiete von Terroristen in Pakistan zu kümmern, und stattdessen afghanische Dörfer und Häuser unter Beschuss genommen.

Und er verdächtigt die USA, dem sogenannten Islamischen Staat (IS) die Gelegenheit verschafft zu haben, sich in Afghanistan zu etablieren. Der IS hat sich zu einigen der blutigsten Anschläge bekannt, die in letzter Zeit in Afghanistan verübt wurden.

Von der Europäischen Union und von Österreich erhofft sich Karzai eine unabhängige Position zu Afghanistan und eine Rolle als Brückenbauer, etwa zwischen den USA und Russland oder zwischen Iran und den USA.

Ob seine Forderung starkes Gehör finden, ist allerdings mehr als fraglich. 

Ali Ahmad Safi ist Publizist und Wissenschaftler. Der gebürtige Afghane lebt in Wien.

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