Der große Wandel

Warum die Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) gemeinsam mit dem Pariser Klimaschutzabkommen das Zeug zum großen Wurf haben.

Von Irmgard Kirchner
© Illustration: Thomas Kussin

Stichtag 4. November: Das im vergangenen Dezember ausverhandelte UN-Klimaschutzabkommen von Paris tritt in Kraft. Während der letzten Monate ging es Schlag auf Schlag. Nach den USA und China im September trat am 2. Oktober auch das als Hauptbremser kritisierte Indien bei. Am 4. Oktober schließlich bestätigte das Europäische Parlament den Vertrag mit 610 Pro- und 38 Kontra-Stimmen. Die beiden Voraussetzungen für das Inkrafttreten – Beitritt von 55 Ländern, die 55 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verursachen – sind somit erfüllt.

Das Pariser Klimaabkommen und die Agenda 2030, mit der im September 2015 die Generalversammlung der Vereinten Nationen 17 neue Ziele zur nachhaltigen Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) beschlossen hat, bilden zusammen ein Regelwerk, das eine globale Transformation in Richtung Nachhaltigkeit befördert. Ihre Wirkung können sie nur gemeinsam entfalten, weil die ökologische mit der sozialen Frage untrennbar verbunden ist. Der renommierte deutsche Entwicklungsforscher Dirk Messner sieht in den beiden Abkommen die Grundlagen für einen globalen Gesellschaftsvertrag für Nachhaltige Entwicklung: Sie können einen Weg weisen, wie Gerechtigkeit im Rahmen der planetaren Ressourcengrenzen verwirklicht werden kann (vgl. Interview mit Helga Kromp-Kolb auf Seite 36). Und hier wird es eng.

Menschenzeitalter. GeologInnen rufen nach dem Holozän, in dem wir uns seit etwa 12.000 Jahren befinden, ein neues Erdzeitalter aus, das Anthropozän. Das Menschenzeitalter wird als solches klassifiziert, weil in ihm der Mensch dauerhafte und unumkehrbare Einflüsse auf den Planeten ausübt. Auf jeden Fall bleibt uns nicht mehr viel Zeit für eine selbst gesteuerte Transformation in Richtung Nachhaltigkeit. Messner sieht eindeutige Belege, dass diese bereits im Gange ist: Von der Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus bis zu einem Bericht des IWF von 2015, in dem die Höhe der Subventionierung fossiler Energieträger und die dadurch angerichteten Schäden auf globaler Ebene penibel ausgerechnet werden.

Angst und Verunsicherung. Doch wie bei allen großen Umbrüchen, die in der Geschichte stattgefunden haben, entstehen dabei auch Angst und Verunsicherung und eine gegenläufige Bewegung: Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Autoritätsglaube und Klimaskepsis sind auch in diesem Zusammenhang zu verstehen. Es passt ins Bild, dass die vier österreichischen FPÖ-Abgeordneten im Europaparlament einhellig gegen den Pariser Klimavertrag gestimmt haben. Die Ängstlichen und Verunsicherten wollen die Botschaft der Veränderung nicht hören. Lieber diffamieren sie die Boten als grünlinke Gutmenschen und Medien als Lügenpresse. Jetzt geht es darum, die breite Öffentlichkeit, auch die Ängstlichen und Verunsicherten, davon zu überzeugen, dass im Rahmen der angestrebten globalen Gerechtigkeit auch auf sie nicht vergessen wird. SDGs und Pariser Klimavertrag müssen politisch zur Chefsache werden, unter Einbeziehung aller Politik- und Gesellschaftsbereiche. Die beiden Regelwerke haben das Zeug dazu, nicht nur ein globales Modernisierungs-, sondern auch ein Gerechtigkeits- und Friedensprojekt zu sein.

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