Der Hunger nach Garnelen

Die industrielle Garnelenproduktion hat sich auch in Zentralamerika, vor allem in den Ländern Guatemala und Honduras, ausgebreitet. Der globale Supermarkt zerstört damit Mangrovenwälder, Artenvielfalt und die Lebensgrundlage der Küstenbevölkerung.

In San Lorenzo, Honduras, befindet sich die größte Verpackungsfabrik für Garnelen in Lateinamerika.

"Sie sagen, dass es Entwicklung ist, aber es ist keine Entwicklung, sondern Tod und Zerstörung.“ Das meint ein Fischer aus Guatemala, dessen Familie früher gut vom täglichen Fang lebte. Heute reicht er kaum noch für den Eigenbedarf. Einnahmen etwa für Kleidung und Medikamente können durch den Verkauf auf dem lokalen Markt immer weniger erzielt werden. Garnelen und Fische sind in den Gewässern an der Pazifikküste rar geworden. Andererseits sind Garnelen, auch Shrimps genannt, mittlerweile ein fester Bestandteil des Sortiments westlicher Supermärkte. Galt die Delikatesse noch vor einigen Jahren als teures Luxusprodukt, so hat intensive Zucht zu einem starken Preisverfall geführt. Die Nachfrage nach Garnelen ist bei uns kontinuierlich gestiegen.

Der Befund von Jorge Varela, dem Umweltaktivisten aus Honduras, fällt nüchtern aus: „Die Bevölkerung des globalen Südens subventioniert die Lebensmittel für die Länder des Nordens.“ Er und seine MitstreiterInnen der Organisation „Coddeffagolf“ (Komitee zur Verteidigung und Entwicklung der Flora und Fauna des Golfs von Fonseca) kämpfen seit Jahren für eine Verbesserung der Bedingungen im Rahmen der industriellen Schrimpsproduktion.

In den verflochtenen Wurzelsystemen der Mangrovenwälder entlang der subtropischen und tropischen Küsten befinden sich die Laichplätze von Fischen, Krebsen und tropischen Garnelen. Hier beginnt ihr Lebenszyklus. Für die Selbstversorgung und die lokalen Märkte ist die traditionelle Garnelenfischerei in vielen Ländern von existenzieller Bedeutung.

Allerdings begann mit der Blauen Revolution in den 1980er Jahren ein neues Kapitel der industriellen Massenproduktion, die besonders auf die Mangrovenwälder zielte. Weltbank und IWF förderten den Ausbau der küstennahen Aquakulturen. Die Versprechungen der nationalen Regierungen von wirtschaftlichem Aufschwung und Armutsbekämpfung haben sich jedoch nicht erfüllt. Drei Jahrzehnte später hat die multinationale Garnelenindustrie große Teile der Mangroven abgeholzt, die Fischerei geschädigt und die lokalen Märkte geschwächt.

Für die riesigen Zuchtbecken holzen die Konzerne weite Küstenteile in Asien, Süd- und Mittelamerika und neuerdings Afrika ab. Auch an der Pazifikküste von Guatemala und Honduras haben sich zahlreiche Shrimpsfarmen und Verarbeitungsindustrien niedergelassen.

Im guatemaltekischen Fischerdorf Champerico befindet sich eine der Shrimpsfarmen. In den 34 Becken werden über 200.000 Garnelen pro Hektar gezüchtet. Um die Gesundheit der Tiere zu gewährleisten, werden täglich 30 – 50 Prozent des Beckenwassers ausgetauscht. Der hohe Bedarf lässt den Wasserspiegel der Mangrovenwälder sinken und den Salzgehalt ansteigen. Aus Angst, den gesamten Shrimpsbestand durch Seuchen zu verlieren, setzen die Farmenbesitzer große Mengen an Chemikalien und Antibiotika ein. Mehrere Präparate sind mittlerweile in der EU verboten, da sie Krebs und Mutationen erzeugen können. Der ständige Wasseraustausch schwemmt die Substanzen in die Natur. Viele der Mittel töten oder schädigen Fische, Vögel, Krebse und Pflanzen.

In Honduras ist die Situation noch dramatischer. Im Golf von Fonseca leben knapp 700.000 Menschen. Die an der Pazifikküste liegende Bucht ist zum produktivsten Zuchtgebiet Mittelamerikas aufgestiegen. 252 Farmen bewirtschaften eine Fläche von knapp 19.000 Hektar. Nach Kaffee sind die Garnelen zum zweitwichtigsten Exportgut aufgestiegen. Hierfür sind nahezu 70% der Mangroven im Golf zerstört worden.

Angesichts der hohen Gewinne des Geschäfts werden die Grenzen zur Illegalität schnell überschritten. Obwohl laut Fischereigesetz von 1958 die industrielle Shrimpszucht aufgrund der Abholzung und Kontamination gesetzeswidrig ist, werden weiterhin Konzessionen vergeben, und die industrielle Zucht wird selbst in Naturschutzgebieten geduldet.

Wird eine Shrimpsfarm nach einigen Jahren aufgegeben, sind Verschmutzung und Verdichtung des Bodens gravierend. Die natürliche Regeneration der chemisch angereicherten und versalzten Areale ist kaum möglich. Trotz der verheerenden Auswirkungen ist die finanzielle und politische Unterstützung des Wirtschaftszweiges ungebrochen. Es existiert eine enge Zusammenarbeit zwischen Regierung bzw. Ministerien, Unternehmen und Geldgebern.

Der Staat verabschiedete bereits in den 1980er Jahren eine Richtlinie, um die Ansiedlung international tätiger Unternehmen zu fördern. Sie setzt niedrigere Steuer- und Zollsätze unter anderem für die Einfuhr von Maschinen, Ersatzteilen, Rohstoffen und Verpackungen fest. Aber nur die Shrimpsindustrie profitiert von den Vergünstigungen.

„Diese Widersprüche“, erklärt Jorge Varela, „sind Ausdruck der Korruption bei Regierungen und Unternehmen.“ Sie verhindere die Einhaltung nationaler und internationaler Gesetze und betreffe auch die Besitzverhältnisse. „Obwohl die Verfassung von Honduras ausländischen Besitz in Grenz- und Küstenregionen verbietet, gehören die Shrimpsfarmen mehrheitlich Firmen aus Spanien, den USA und aus anderen Ländern.“

Ein Argument zur Bevorzugung dieser Unternehmen bei Steuer- und Umweltauflagen ist offiziell immer die Schaffung von Arbeitsplätzen. Die Jobs sollen die Armut im Golf mindern und der gesamten Wirtschaft Aufschwung verleihen. Beides ist nicht eingetreten. Ein Großteil der Gewinne aus der industriellen Zucht fließt ins Ausland.

Zudem belegen Umwelt-Organisationen wie Tropico Verde, Coddeffagolf und Greenpeace in ihren Studien, dass auf einer Farmfläche von zehn Hektar höchstens ein Angestellter arbeitet. Vor der Abholzung der Mangroven verdienten sich dort über 100 Familien ihren Unterhalt durch Fischfang. Jobs gibt es für einen Teil jener Menschen, die nicht mehr als Fischer ihr Auskommen finden, in Verpackungsfabriken für Garnelen. Die größte Lateinamerikas befindet sich in Honduras, in San Lorenzo. Auch dieses Unternehmen profitiert von den Steuer- und Zollvergünstigungen. Die ArbeiterInnen, die in den gekühlten Hallen am Fließband stehen, werden saisonal für wenige Monate eingestellt.

Ein ehemaliger Angestellter bestätigt die Kritik an den Arbeitsbedingungen, zu denen niedrige Löhne, zeitbegrenzte Verträge, Gesundheitsrisiken und (sexuelle) Belästigungen zählten.

Zelaya Giron, Direktor vom Dachverband der Shrimpsindustrie ANDAH, verweist auf die nachhaltige Entwicklung im Shrimpssektor und die Verbesserung der Umweltsituation im Golf. Die Fahrt durch die kontaminierten Gebiete zu den Aufbereitungsbecken der Verpackungsfabrik zeigt jedoch das Gegenteil. Die „Reinigung“ der Abwässer soll durch Ablagerung der angereicherten Partikel erfolgen. Doch nachts öffnen sich die Schleusen und das Schmutzwasser wird in die Mangroven abgelassen. Die Menschen, die in der Nähe der Anlage leben, leiden an Hautkrankheiten, Durchfall und Kopfschmerzen.

Der Widerstand gegen die Auflösung regionaler Wirtschaftskreisläufe und die Zerstörung der Mangroven ist ungebrochen. Zahlreiche Konflikte zwischen Shrimpsindustrie und GegnerInnen prägen die Vergangenheit des Golfes. Einige Fischer wurden bereits in der Nähe der Farmen ermordet. Mit Demonstrationen und politischen Aktionen machen die Menschen auf ihre Situation aufmerksam und fordern die Aufklärung der Morde.

Die EU importiert 65 Prozent der Shrimps aus dieser Region, die USA 30 Prozent. Nur fünf Prozent bleiben in Zentralamerika. Das Unternehmen COSTA in Emden, das zur Oetker-Gruppe gehört, bezeichnet sich selbst als „führenden Anbieter von tiefgekühlten Meeresspezialitäten“ in Deutschland. Ein Interview verweigerte der Konzern. Schriftlich teilte man mit: „COSTA lehnt den Einsatz von Chemikalien in der Shrimpszucht grundsätzlich ab (…) In den Betrieben der Lieferanten wird das Personal überdurchschnittlich bezahlt; auch die Sozialleistungen sind überdurchschnittlich.“ Die honduranische und guatemaltekische Wirklichkeit sieht anders aus.

Dieser Beitrag wurde redaktionell auf Grundlage des Dokumentarfilms „Der Garnelenring“, von ­Dorit Siemers und Heiko Thiele, 2005 (Bezug: liste@zwischenzeit-muenster.de, EUR 16,-) sowie ­eines Interviews von Luz Kerkeling mit Jorge ­Varela, ILA, Juli/August 2011, erstellt.

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