Der Idi Amin von Surinam

Von Jeroen Kuiper ·

Im südamerikanischen Surinam begann Ende November der Prozess gegen den ehemaligen Militärdiktator Desi Bouterse. Er soll für den Mord an 15 Intellektuellen im Jahr 1982 verantwortlich sein. Der ehemalige Staatschef hat noch immer viel Macht.

Surinam, wo war das noch mal? Es ist das mittlere der drei Guyanas, aber das hilft wahrscheinlich auch nicht viel. Surinam liegt im nördlichen Teil Südamerikas, nördlich von Brasilien. Die Bevölkerung, etwa 490.000 EinwohnerInnen, ist eine bunte Mischung aus Nachkommen afrikanischer SklavInnen, indischer Vertragsarbeiter und noch mehr Vertragsarbeitern aus der ehemaligen holländischen Kolonie Indonesien. Dazu kommen jede Menge Händler und Händlerinnen aus China und Libanon.
Die Kolonie wurde 1975 unabhängig von den Niederlanden – wo heute etwa 400.000 Menschen aus Surinam leben. Die junge Republik steht nun kurz vor dem wichtigsten Gerichtsprozess ihrer Geschichte. Der ehemalige Militärbefehlshaber Desi Bouterse, der sich 1980 an die Macht putschte, muss sich seit dem 30. November mit 24 anderen Verdächtigten für 15 Morde verantworten. Es sind die so genannten Dezembermorde. In der Nacht vom 8. zum 9. Dezember 1982 wurden 15 surinamische Rechtsanwälte, Journalisten und Militärs im ehemaligen holländischen Fort Zeelandia im Zentrum der Hauptstadt Paramaribo erschossen.
Warum genau, ist noch immer unklar. Aber Irene Gonçalves, Schwester des erschossenen Rechtanwalts Kenneth Gonçalves, hat eine Ahnung. „Kenneth war Rechtsanwalt. Er hat Bouterse 1981 und 1982 mehrere sehr kritische Briefe geschrieben, in denen er davor warnte, das Grundgesetz außer Kraft zu setzen, was Bouterse damals tat. Dieser hat nie auf die Briefe reagiert, aber vielleicht waren sie der Grund, warum mein Bruder erschossen wurde.“
Nach der Hinrichtung der 15 kritischen Surinamer durfte Gonçalves die Leiche ihres Bruders sehen. „Seitdem bin ich nicht mehr schnell schockiert. Er sah schrecklich aus. Kenneth hatte vier Schusslöcher im Kopf und weitere zwölf in seinem Körper. Seine Nase war gebrochen, sein Bein vielleicht auch.“
Genau ein Vierteljahrhundert nach den Morden beginnt endlich der Prozess gegen die Verantwortlichen. Gonçalves hofft, dass mit dem Prozess auch ein dunkles Kapitel der surinamischen Geschichte abgeschlossen werden kann. „Die surinamische Gesellschaft braucht endlich Klarheit darüber, was damals passiert ist. Ich hoffe so, dass Bouterse endlich enttarnt wird. Dieser Mann ist ein sehr schlechter Mensch. Ich nenne ihn immer den surinamischen Idi Amin.“

Obwohl die Dezembermorde schon seit 25 Jahren wie ein dunkler Schatten über Surinam liegen, haben sich in den letzten Jahren immer weniger Menschen für den Prozess interessiert. Teilweise ist dies durch Angst zu erklären. Bouterse hat noch immer viel Macht in Surinam. Er ist der Leiter der NDP (Nationale Demokratische Partei), einer so genannten revolutionären Partei. Die NDP ist noch immer die größte im Land, aber wird von den anderen Parteien mittlerweile ignoriert und ist so außerhalb der derzeitigen Regierungskoalition geblieben.
Bouterse ist ein Populist, der in Holland wegen Kokainschmuggels zu elf Jahren Haft verurteilt wurde. Eben weil er all die Jahre so viel Macht behalten hat, trauten die Menschen sich kaum über die Morde zu sprechen. Dies ist bis heute so geblieben. Manche seiner AnhängerInnen drohen mit Unruhen während des Prozesses. Zeugen und Minister sind mit dem Tod bedroht worden. Die Bevölkerung kann sich den allmächtigen Bouterse einfach nicht hinter Gittern vorstellen. Die Angst, öffentlich über die Dezembermorde zu sprechen, hat dazu geführt, dass die jüngere Generation kaum von den Dezembermorden weiß. Mit seinen populären Sprüchen ist der Ex-Diktator gerade bei Jugendlichen sogar ziemlich beliebt.

Die Zeit scheint sich aber langsam, doch endgültig gegen Bouterse zu wenden. Er zeigt sich kaum noch in der Öffentlichkeit, meistens ist er im surinamischen Amazonasdschungel verschollen, wo er ein Haus hat. Trotzdem gibt er sich immer noch betont gelassen. So erschien er nicht zum Auftakt des Prozesses, was einen klaren Affront gegen die Familien der damaligen Opfer darstellt.
Sein Verteidiger Irwin Kanhai ärgert sich über die „niederländische Einmischung im Prozess“. Kanhai: „Schon das Wort ‚Dezembermorde‘ ist eine holländische Erfindung.“ Erfindung? Kanhai bezweifelt aber doch nicht, dass am 9. Dezember 1982 15 Surinamer ermordet wurden? „Ach, ich weiß es nicht. Es ist schon so lange her. Ich weiß nicht, ob es Morde waren.“

Der Autor ist niederländischer Journalist, lebt in Deutschland und bereiste kürzlich Surinam.

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