Dicht vernetzt

„Public Viewing“ auf Griechisch: Streikende LKW-Fahrer sehen sich in Athen statt Fußball eine Parlamentsdebatte an.

Schöne neue Nachrichtenwelt! Viele Menschen sehen in der digitalen Revolution, die Handys bis in die ärmsten Dörfer und das Internet mit seinen Blogs und sozialen Netzwerken auch in die Länder des Südens brachte, das Ende der Informationsmonopole nahen. Die eiserne Regel, wonach Nachrichten im reichen Norden der Welt gemacht und dann global konsumiert werden, scheint überholt zu sein. Anstelle von wenigen Nachrichtenagenturen, TV-Sendern und tonangebenden Zeitungen können nun die BürgerInnen selbst und untereinander für sie relevante Nachrichten austauschen. Sie können, wie es von Nordafrika über den Iran bis China schon in vielen Weltregionen geschah, den Protest gegen die Mächtigen mit den neuen Medien organisieren.

Nicht wenige BloggerInnen und Tweeter landeten dafür im Gefängnis. Denn es gilt noch, was der 1998 verstorbene Mediensoziologe Niklas Luhmann Jahre davor zu bedenken gab: Die Zivilgesellschaft bildet eine Gegenöffentlichkeit, die von den Regierenden nicht selten als Feind wahrgenommen wird. Besonders von ideologisch einzementierten „Bewegungsparteien“ beherrschte Staaten – in den Sinn kommen da sofort islamisch-fundamentalistische Regime, aber auch China – würden eine volle Medienfreiheit nicht akzeptieren. Nicht nur diese fürchten offenbar eine drohende „Informations-Anarchie“. Vom anderen Ende der Gesellschaft aus betrachtet, aus der Warte der Unbeachteten und Marginalisierten, bietet sich dagegen die Chance, die eigene Stimme zu erheben und weltweit gehört zu werden.

Die „schöne neue Welt“ könnte aber auch eine schreckliche werden, wie im gleichnamigen Roman von Aldous Huxley. PessimistInnen malen sich auch für die Entwicklung der Medien eine negative Utopie aus. Uns drohen totale Überwachung durch Geheimdienste und mit ihnen kooperierende Riesenkonzerne, die statt aktiver BürgerInnen, die kritische Fragen stellen, lieber brave KonsumentInnen von Sportnachrichten und Unterhaltung haben wollen. Noch haben es die Menschen in der Hand, ob sie, global immer dichter vernetzt, so etwas wie eine mündige Weltgesellschaft aufbauen werden oder ob sie, vom medialen Überangebot des Immergleichen erschlagen, auf Dauer „overnewsed, but underinformed“ bleiben.

Erhard Stackl

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