Die ABC-Strategie

Von Patricia Otuka-Karner ·

Durch Enthaltsamkeit, Treue und Kondome soll die Aids-Rate in Afrika beträchtlich gesenkt werden. Doch das C, die Kondome, bieten Anlass für heftige Diskussionen und Kontroversen.Eine Bestandsaufnahme am Beispiel des Vorzeigelandes Uganda.

Abstain from Sex (Enthaltsamkeit), Be faithful if you do not abstain (Treue), use a Condom if you are not faithful (Kondom), die Schlagwörter der HIV/Aids-Prävention, wurden bereits 1992 vom philippinischen Gesundheitsminister Juan Flavier als solche definiert, im Versuch, einen Kompromiss zwischen den Lehren der katholischen Kirche und der Regierung zu finden.

Der ABC-Ansatz wird vor allem mit Uganda in Verbindung gebracht und gilt als maßgeblich für den Erfolg des ostafrikanischen Landes, die Fälle von Neuinfektionen in den 1990er Jahren drastisch reduziert zu haben. Allerdings wurden die Grundsätze des „ABC“ von Anfang an weltweit in der Präventionsarbeit umgesetzt. In Uganda wurde die Wichtigkeit des ABC-Slogans als soziale Waffe im Kampf gegen HIV/Aids erst 2004 von Präsident Yoweri Museveni betont. Die einzelnen Komponenten waren jedoch schon früh fixe Bestandteile des übergreifenden Ansatzes.

Wurde das C im ABC von einigen AkteurInnen in der Aids-Bekämpfung zu „correct and consistent use of condoms“ (korrekter und konsequenter Gebrauch von Kondomen) erweitert, schränken andere große Spieler in der Präventionsarbeit wie PEPFAR („President’s Emergency Plan for AIDS Relief“, USA) diese Komponente maßgeblich ein, indem sie sie lediglich auf Risikogruppen wie SexarbeiterInnen anwenden. George Kanyomoozi, Berater der ugandischen Frauenrechtsorganisation Action for Development in Sachen HIV/Aids, meint: „Die ABC-Strategie funktioniert, ist aber nicht perfekt. Ich würde zum Beispiel einen stärkeren Fokus auf den Verkauf von Kondomen statt auf Abstinenz legen.“

Das Durchschnittsalter von Mädchen für den Beginn sexueller Aktivität ist zwölf Jahre. Für Burschen liegt es bei 14. „Es wäre also wichtig, wenn die Strategien mehr auf die Risken abstellten, statt Abstinenz zu betonen. Selbst die Jugend dazu aufzufordern, später sexuell aktiv zu werden, ist eher unrealistisch. Am besten wäre es zu forcieren: ‚Wenn du Sex hast, dann verwende ein Kondom‘“, meint ­Kanyomoozi.

Uganda galt lange als das Vorzeigeland Afrikas im Kampf gegen HIV und Aids. Auch andere Länder versuchten, die Ansätze die hier funktioniert haben, zu übernehmen. Dabei kommt es vielmals zu eigenen Interpretationen, wie Professor Vinand Nantulya, Chairman der Uganda AIDS Commission, in seiner Stellungnahme zum Weltaidstag am 1. Dezember 2011 betonte. „Was wir heute vorfinden, ist ein Kampf zwischen A und C. Dabei wird C vor allem mit der Propagierung von Promiskuität gleichgesetzt und A von den Gegnern als politische Ideologie der extremen Rechten dargestellt, die religiösen Fundamentalisten die Möglichkeit bietet, anderen ihre eigenen Keuschheitsgelübde aufzuzwingen.“

Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kollegen von der Harvard School of Public Health, Edward Green, hat Nantulya eine Studie in diversen afrikanischen Ländern von Uganda über Kenia bis Malawi und Sambia durchgeführt. Eines der Hauptresultate war, dass in Ländern wie Uganda, in denen die Infektionsrate merklich zurückgegangen ist, vor allem eine Verhaltensänderung dafür verantwortlich war: Der Schlüsselfaktor war der Rückgang der Zahl der Sexkontakte pro Person.

Einer der Hauptkritikpunkte an ABC ist, dass die Mehrheit der betroffenen Frauen in Afrika auf Grund der kulturellen, traditionellen patriachalischen Strukturen kaum Mitspracherechte hat und weder über den Gebrauch von Kondomen bestimmen, noch sich auf die Treue ihrer Ehemänner verlassen kann. Ugandas Erfolg der frühen Jahre beruht vor allem auf der Komponente B, dem Prinzip, einem Partner treu zu sein bzw. der Idee von „zero grazing“. Dieser Begriff aus der Viehaltung bedeutet, übersetzt auf die HIV/Aids-Prävention, die Zahl der SexualpartnerInnen zu beschränken und das „Abgrasen“ von weiblichen Sexualobjekten einzustellen sowie später sexuell aktiv zu werden und dann in einer monogamen oder auch polygamen Beziehung treu zu sein.

Auf die Frage, ob sie ihren HIV-Status kennt, lächelt Esther Kyomukama verschämt und schüttelt den Kopf. „Nein, ich war nie bei einem HIV-Test. Ich glaube, dass auch mein Mann nicht weiß, ob er positiv ist. Fragen kann ich ihn aber natürlich nicht.“ Die 19-jährige Esther Kyomukama ist eine von Millionen von Frauen aus Subsahara-Afrika, die bereits als junge Mädchen verheiratet wurden. Sie lebt in Kichwamba, einem kleinen Dorf im Westen Ugandas. Ihr Mann ist als Fernfahrer viel unterwegs und sie mit den Kindern alleine. Auch den Status der Kinder hat sie nie testen lassen. Es sei ihr zu riskant, das Ergebnis zu erfahren und dann womöglich von ihrem Ehemann verlassen zu werden. „Wir haben hier im Dorf so viele Aids-Waisen. Die Krankheit ist nach wie vor sehr real und viele Menschen sterben. Wenn eine Frau krank wird, sucht sich ihr Mann oft eine neue Frau oder er hat auch gleichzeitig schon eine Zweit- oder Drittfrau.“

Esther ist kein Einzelfall, nur zwei von zehn ugandischen Frauen und Männern kennen ihren Status. 43 Prozent der Neuinfektionen 2008 betrafen außerdem angeblich in monogamen Beziehungen Lebende. Während einer Pressekonferenz anlässlich der 16-tägigen Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen im vergangenen Frühjahr betonte die Direktorin von MEMPROW (Mentoring and Empowerment Programme for Young Women), Hilda Tadria: „Die HIV-Neuansteckungen sind in Uganda wieder im Steigen. Vor allem in Beziehung lebende Paare zwischen 25 und 45 sind betroffen.“ Woran das liegt, lässt sich ihrer Meinung nach leicht beantworten. „Junge Frauen trauen sich nach wie vor nicht, ‚nein‘ zu sagen. Die meisten Frauen stecken sich in ihrem eigenen Schlafzimmer mit HIV an. Ihre Männer betrügen sie und bringen die Krankheit ins gemeinsame Heim.“

Nichregierungsorganisationen spielen eine wichtige Rolle im Kampf gegen HIV/Aids. Die Uganda Health Marketing Group (UHMG) macht mit ihrer Kampagne „One Love – Get off the Sexual Network“ auf die Bedeutung der sexuellen Netzwerke für die Verbreitung von HIV aufmerksam. Mit sexuellen Netzwerken sind unsichtbare, ineinander verwobene Strukturen des Sexualkontaktes gemeint. In Malawi etwa liegt der Durchschnitt zwar bei nur zwei SexualpartnerInnen, doch zwei Drittel von ihnen sind durch übergreifende oder andauernde Beziehungen miteinander verknüpft, wie Green in seinem Artikel betont.

Swasiland und Botswana haben dazu Kampagnen gestartet. „Die Reduzierung von Sexualpartnern ist der Kern der erfolgreichen ABC-Strategie. Der Kampf zwischen A und C lenkt vom wesentlichen, nämlich B, ab“, betont Professor Nantulya.

Mit dem steigenden Einfluss der Religionsgemeinschaften auf Fragen der HIV-Prävention und der Bindung von finanziellen Mitteln an den A-Fokus nehmen Falschinformation und Moralisierung zu. Die ugandische Gesundheitsministerin Christine Ondoa Dradidi meinte im vergangenen August, dass Gebete HIV/Aids heilen können. „Ich bin sicher und habe Beweise, dass jemand, der positiv war, durch Beten negativ wurde.“ Sie betont, sie kenne drei solcher Fälle, die sie selbst im Krankenhaus in Arua, West Nile, behandelt habe.

Die Moral aus der Geschichte ziehen viele der selbst ernannten Pastoren, die vor allem evangelikale Kirchengemeinschaften vertreten. Sie behaupten, HIV/Aids könne geheilt werden, und daher müssten die Betroffenen einfach genug beten. Schaffen sie das nicht selbst, stünden die Pastoren gegen ein Entgelt zur Verfügung. Der Berater George Kanyomoozi betont: „Die Kirchen sind oft verblendet. Sie denken, dass ihre Mitglieder abstinent leben und treu sind, was sie aber nicht sind. Der Gebrauch von Kondomen wird in den Kirchen nicht diskutiert, da Abstinenz vorausgesetzt wird. Jenen, die doch HIV-positiv sind, wird so genannter psychologischer Beistand geboten, indem ihnen ein Platz im Himmel versprochen wird oder, in schlimmeren Fällen, eine Wunderheilung.“ Frauen wie Esther, denen es nach wie vor an fundierter Information und vor allem an einer Position als Entscheidungsträgerin fehlt, werden zu leichten Opfern für die Kirchen. Die Medien sind voller Beispiele, wo verzweifelte Kranke in der Hoffnung auf Heilung selbst ihre Autoschlüssel an ihre Pastoren übergeben.

Patricia Otuka-Karner ist Theaterwissenschaftlerin, forscht zu afrikanischen Kulturen und berät die ugandische Frauenrechtsorganisation ACFODE (www.acofde.org) bei der Umsetzung eines Projektes zur Prävention von sexualisierter Gewalt.

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