Die afrikanischen Löwen

Von Dominic Johnson · · 2011/11

Das Afrika des 21. Jahrhunderts wandelt sich schnell. Den Wandel betreibt eine neue globalisierte afrikanische UnternehmerInnenschicht, die afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme sucht – meist im engen Zusammenspiel mit ehemaligen Demokratie- und Befreiungsbewegungen.

Yérim Sow ist ein vielbeschäftigter Mann. Der senegalesische Baumogul ist erst 45 Jahre alt, aber er hat bereits mehr erreicht als die meisten PolitikerInnen seines Landes: Seiner staubigen, heißen Hauptstadt Dakar hat Sow ein glitzerndes neues Shopping- und Freizeit-Center direkt am Atlantik nach südafrikanischem Vorbild gegeben, mit Einkaufszentren und Luxushotels; er hat mit klugen Investitionen im Telefonsektor der Elfenbeinküste ein Millionenvermögen verdient und ist damit in andere westafrikanische Länder expandiert; seine Firmen bauen Mineralwasserfabriken und halten Anteile an Banken und Fluglinien.

Bestens vernetzt in der politischen Szene des frankophonen Westafrikas, ist Yérim Sow einer der herausragenden Vertreter einer neuen UnternehmerInnengeneration, die Afrika umkrempelt. Von Senegal bis Südafrika, von Ägypten bis Angola, von Marokko bis Mosambik sind sie auf dem Vormarsch: ehrgeizige, oft ziemlich junge Geschäftsleute, die sich auf dem globalen Parkett ebenso selbstsicher bewegen wie in den Hinterzimmern afrikanischer Machtpolitik. Sie, und nicht ausländische InvestorInnen, bestimmen das ökonomische Gesicht des „neuen Afrikas“ des 21. Jahrhunderts.

Dass Afrika sich ungestüm entwickelt und modernisiert, ist für jeden offenkundig, der regelmäßig afrikanische Hauptstädte bereist. Die Verkehrsstaus werden dichter, die Hochhäuser höher, der Luxus wird unverschämter, die in die Städte hereinströmende Armut offensichtlicher. Der Kontinent drängt mit Riesenschritten in die globalisierte Moderne, in der die eine Milliarde AfrikanerInnen möglichst alle und möglichst gleichzeitig an den neuen Chancen teilhaben wollen, die der Anschluss an die Welt bietet. Das sorgt für extreme soziale Spannungen, die zuweilen in Unruhen münden – und bietet außergewöhnliche Möglichkeiten für die, die etwas zu verändern wissen. Und das sind meistens nicht die PolitikerInnen.

Lag die jährliche Wirtschaftswachstumsrate Afrikas im Fünfjahreszeitraum ab 1990 noch bei 1,3 Prozent – und damit negativ pro Kopf – stieg sie in den fünf Jahren ab 1995 auf 3,7 Prozent, in den fünf Jahren ab 2000 auf 4,1 Prozent und in den ersten drei Jahren nach 2005 auf 5,6 Prozent. Die Weltwirtschaftskrise ab Herbst 2008 versetzte Afrikas Boom einen herben Dämpfer, und 2009 lag Afrikas Wirtschaftswachstumsrate mit 1,9 Prozent sogar unter dem Bevölkerungswachstum, was eine gefühlte Rezession bedeutete. Aber bereits ab 2010 werden wieder deutliche Erholungen registriert, beziehungsweise prognostiziert: 4,3 bis 4,5 Prozent im Jahr 2010, über 5 Prozent im Jahr 2011, eventuell auch sechs Prozent, und in den kommenden Jahren soll sich das fortsetzen. Einzelne Länder erzielen dabei regelmäßig zweistellige Wachstumsraten; der Gigant Nigeria liegt derzeit bei 9 Prozent.

Dass ein so starkes Wachstum innerhalb von kürzester Zeit einen ökonomischen Quantensprung herbeiführen kann, der den Kontinent dauerhaft aus der Armutsfalle hebt, ist allerdings weltweit noch nicht wirklich begriffen worden. Die Mehrzahl der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt liegt inzwischen in Afrika, nicht mehr in Asien. Und dies ist weder Entwicklungshilfegeldern geschuldet noch einer kurzfristigen Blase von Rohstoffpreiserhöhungen. Es liegt daran, dass eine neue afrikanische Mittelschicht begonnen hat, sich den Bedürfnissen der eigenen Gesellschaften zuzuwenden und dafür eigene Lösungen anzubieten. Immer mehr afrikanisches Kapital verbleibt inzwischen in Afrika; die Investitionsquote des Kontinents liegt heute bei rund 20 Prozent, etwa bei dem Niveau, das Asiens „Tigerstaaten“ zu Beginn ihres Sprungs nach vorn an den Tag legten. Schon macht das Wort von Afrikas „Löwenstaaten“ die Runde.

Die „Löwen“ sind oftmals im engsten Umfeld ehemaliger Befreiungs- und Demokratiebewegungen entstanden, die entweder in den Ruinen abgewirtschafteter postkolonialer Diktaturen irgendwann die Macht ergreifen konnten oder mit dem Selbstverständnis des bewaffneten Kampfes ihre Staaten in die Unabhängigkeit geführt haben. Südafrika und Nigeria, ohnehin die beiden ökonomisch wichtigsten Länder Afrikas südlich der Sahara, sind dafür die Paradebeispiele. In Südafrika hat der regierende ANC (Afrikanischer Nationalkongress) durch seine Politik der „positiven Diskriminierung“ zugunsten der Schwarzen – „Black Economic Empowerment“ – eine staatlich geförderte schwarze Geschäftselite herangezüchtet. „Black Economic Empowerment“ verpflichtet Firmen im Besitz von Weißen, Kapitalanteile an Schwarze zu übertragen, und gibt schwarz geführten Unternehmen Vorteile bei staatlichen Ausschreibungen. Unternehmen im Besitz der ANC-nahen Elite wie die Shanduka Group des einstigen Gewerkschaftsführers Cyril Ramaphosa, oder auch Unternehmen im Besitz von Söhnen des ehemaligen Befreiungshelden Nelson Mandela und des heutigen Präsidenten Jacob Zuma sind nicht nur in Südafrika, sondern auch in Afrika insgesamt immer einflussreicher und geben in Politik und Wirtschaft den Ton an.

In Nigeria hat die Politik des „Nigeria Local Content“, der im von ausländischen Multis dominierten Ölsektor die Beteiligung einheimischer Unternehmen vorschreibt, eine ähnliche Wirkung. Unzählige Ölfirmen im Besitz von NigerianerInnen sind seit dem Ende der Militärherrschaft 1999 entstanden, meist im engsten Umfeld der Regierungspartei PDP (Demokratische Volkspartei), und kein ausländischer Partner kann sie mehr ignorieren. Aber auch in anderen Sektoren hat Nigerias eigene Privatwirtschaft enorm an Gewicht gewonnen. Der Nigerianer Aliko Dangote, Chef der Dangote-Firmengruppe, gilt als reichster Unternehmer ganz Afrikas mit Interessen quer durch den Kontinent; sein auf Baufirmen zentriertes Imperium warf dieses Jahr eine Dividende von umgerechnet 350 Millionen Euro ab, und die Firmenleitung entschuldigte sich Anfang Oktober bei den Aktionären, dass sie entgegen den Bestrebungen doch nicht wesentlich höher sei als im Vorjahr 2010.

Ein verbindendes Element, das dem Aufstieg vieler dieser neuen Mogule zugrunde liegt, ist der Mobilfunksektor. Das Mobiltelefon, wohl der wichtigste einzelne Faktor der gesellschaftlichen Veränderung in Afrika in den letzten Jahrzehnten, ist ja als Massenprodukt im Prinzip eine afrikanische Erfindung: Der aus Ruanda stammende und im Kongo aufgewachsene Geschäftsmann Miko Rwayitare erfand 1986 unter der Mobutu-Diktatur im damaligen Zaire das erste Mobiltelefon Afrikas, damals noch von der Größe eines Ziegelsteins, und erkannte anders als die Erfinder dieser Technologie in den USA das Potenzial der Massenware in diesem Gegenstand. Als erste afrikanische Mobilfunkfirma gründete Rwayitare die zairische „Telecel“, die er im Jahr 2000 – damals aufgrund der Kongokriege bereits im südafrikanischen Exil – für die damals fantastische Summe von 413 Millionen US-Dollar an die ägyptische Orascom verkaufte.

Orascom wurde später einer der wichtigsten Mobilfunkanbieter Afrikas, in Zusammenarbeit mit Yérim Sow in Senegal, der auch bereits mit Rwayitare zusammengearbeitet hatte. In Südafrika war da bereits 1994 nach Ende der Apartheid die Telekomfirma MTN entstanden, später unter Leitung der ANC-Größe Cyril Ramaphosa; MTN mit seiner ANC-Nähe stieg später zum führenden Telekommunikationsunternehmen Afrikas auf, ursprünglich in Kooperation mit Unternehmen aus dem Umfeld von Ruandas Regierungspartei RPF (Ruandische Patriotische Front). Eine weitere afrikanische Mobilfunkkreation mit großem Erfolg war die vom sudanesischen Unternehmer Mo Ibrahim gegründete Celtel, die noch vor MTN grenzüberschreitendes Roaming in Afrika einführte und damit als erste ein wahres „Volksnetz“ anbieten konnte. Im Jahr 2005 verkaufte Mo Ibrahim, global für seine Leistung geehrt, seine Celtel für 3,4 Milliarden Dollar nach Kuwait, von dort ging das Unternehmen fünf Jahre später für 10,7 Milliarden Dollar nach Indien, ein gutes Beispiel für die gigantischen Profite, die mit afrikanischen Geschäften zu machen sind.

Ohne das Handy, das inzwischen wohl alle AfrikanerInnen in Reichweite eines Netzempfangs besitzen, wäre das „neue Afrika“ undenkbar. Es hat unzählige Weiterentwicklungen nach sich gezogen. „Mobile Banking“, das Geldüberweisungen per Handy erlaubt, wurde in Kenia entwickelt und wird in anderen Ländern immer populärer. Afrikanische Unternehmen verkabeln mittlerweile den Kontinent und legen Unterwasseranschlüsse nach Asien und Europa. Es ist der Wunsch nach Ausbruch aus der Isolation und nach Anschluss an die Welt, der Afrikas neue Unternehmerschicht treibt – und das funktioniert nur, wenn die Massenmärkte erschlossen werden. Insofern ist Afrikas Modernisierung auch ein Motor der gesellschaftlichen Integration und der Verringerung der sozialen Kluft zwischen Reich und Arm. Jedenfalls vom Anspruch her.

Dominic Johnson ist Afrika-Redakteur der Berliner Tageszeitung taz.

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