„Die Antwort liegt im Kollektiv“

Von Christine Tragler · · 2026/Mar-Apr
© APA-Images / AFP / Javier Torres

Besetzte Unis, Frauenstreiks, Demos für legale Abtreibung: In ihrem Buch „Revolution der Frauen“ beschreibt die Journalistin Sophia Boddenberg die Wirkmächtigkeit feministischer Bewegungen in Südamerika und reflektiert darüber, was Europa sich davon abschauen kann.

Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen: Wie kam es zu diesem Untertitel?

Es ging mir darum, zu zeigen, dass dort gerade unglaublich viele Dinge passieren, von denen wir in Europa viel lernen können. Ich habe lange überlegt, ob ich als deutsche weiße Frau dieses Buch aus meiner Perspektive schreiben sollte. Ich möchte mir nicht anmaßen, Menschen eine Stimme zu geben, die ja ihre eigene Stimme haben und diese zu erheben wissen. Ich möchte vielmehr eine Vermittlerin sein, eine Brücke bauen, um Kanäle zu öffnen zwischen den Kollektiven und Kämpfen dort und jenen hier in Europa, die durchaus unterschiedlich sind.

Worin unterscheidet sich der feministische Protest in Chile und anderen südamerikanischen Ländern von feministischen Bewegungen in Europa?

Ich war Anfang 20, als ich 2014 meine ersten feministischen Erfahrungen in Chile sammelte – bei Protesten, an den Unis und bei Versammlungen, also den Asambleas. Sie waren getragen von der Wut der Frauen, die aber oft künstlerisch kanalisiert wurde, in Theater, Musik und Performances. Das fand ich von Beginn an sehr beeindruckend. Dazu kommt die Diversität: Indigene, Menschen mit afrikanischen Wurzeln, ländliche Bevölkerung, städtische Communities – diese Vielfalt durchzieht die feministische Bewegung.

Und was hält sie zusammen?

Der Feminismus, den ich erlebt habe, wächst „von unten“ und entstand aus sozialen Protestbewegungen gegen die unerträgliche Gewalt, die hohe Feminizidrate. Frauen entwickelten Strategien, um sich zu schützen. Natürlich fließt da auch Theorie ein – es gibt viele Theoretikerinnen, etwa die argentinisch-brasilianische Anthropologin Rita Segato – aber der Ursprung der Kraft dieser Bewegungen liegt in den Erfahrungen der Frauen selbst.

Soy porque somos, also übersetzt: Ich bin, weil wir sind, heißt ein kolumbianisches Kollektiv, das auch im Buch vorkommt. Welche Rolle spielt da die Idee des kollektiven Körpers?

Diese Vorstellung, dass das Individuum nur im Kollektiv existiert, begegnet mir häufig in Weltanschauungen – sowohl bei indigenen als auch bei afro-deszendenten Menschen. Sie erleben viele Formen der Unterdrückung und kämpfen dagegen gemeinsam – von der Bewegung der Landarbeiter:innen in Brasilien bis zu Revolutionsbestrebungen ehemaliger versklavter Menschen. Die feministische Bewegung ist Teil dieser Geschichte kollektiver Kämpfe. Ihr geht es nicht nur um die individuelle Emanzipation, sondern um kollektive Prozesse.

Sind Debatten über Gewalt gegen Frauen deshalb untrennbar mit Kolonialismus, Umweltzerstörung, Rassismus und Kapitalismus verbunden?

Ich kannte bis ich nach Lateinamerika kam eher einen Feminismus, der sich um das Durchbrechen der „gläsernen Decke“ bemüht, also darum, dass einzelne Frauen in von Männern dominierten Führungsetagen ankommen. Das ist natürlich wichtig. Eine Freundin hat einmal gesagt: Wenn eine Frau die Glasdecke durchbricht, dann gibt es unten immer noch welche, die die Scherben aufkehren. Feministische Bewegungen in Lateinamerika stellen die Systemfrage. Denn Gewalt gegen Frauen hängt mit anderen Gewaltformen zusammen: mit kapitalistischer Ausbeutung, kolonialistischer Gewalt, mit der Zerstörung der Umwelt und mit strukturellem Rassismus.

Ein Kapitel im Buch heißt „Die Macht der Küche“. Für ein feministisches Buch ein irritierender Titel.

Anfangs hatte ich selbst diese Sichtweise, die Küche sei ausschließlich ein Ort der Unterdrückung und es sei eine Errungenschaft des Feminismus, Frauen aus der Küche zu befreien. Aber dann habe ich über Widerstandspraktiken von Mapuche-Frauen im Süden Chiles recherchiert und verschiedene Frauen getroffen – alle in der Küche. Für sie ist das ein Ort, an dem diskutiert wird, an dem Kultur und Wissen weitergegeben und an dem auch politische Entscheidungen getroffen werden – ein machtvoller Ort.

Rita Segato zum Beispiel sagt, dass erst im Zuge der Kolonialisierung die Orte, an denen sich indigene Frauen aufgehalten haben, entpolitisiert und entmachtet wurden. Die Frauen wurden gewissermaßen in den privaten Raum – in die Küche – eingeschlossen. Und wenn ein Raum isoliert und als „privat“ markiert ist, wird er anfälliger für Gewalt, weil dort niemand hinschaut.

Natürlich geht es mir dabei nicht um eine Mystifizierung, Romantisierung oder Essentialisierung der Frauenrolle in der Küche. Das will ich ausdrücklich nicht. Vielmehr darum, die Debatte zu öffnen und anzuerkennen, dass die Küche in anderen Kulturen eine ganz andere Bedeutung haben kann – und dass ich selbst daraus viel gelernt habe.

Angesichts der schleichenden Normalisierung von Faschismus: Von welchen Strategien können wir lernen, um kollektiv dagegenzuhalten?

Wir sind gerade in einer defensiven Phase. Aber wir müssen nicht automatisch in eine kollektive Ohnmacht verfallen und glauben, diesem rechten Aufschwung völlig ausgeliefert zu sein. Auch in der Vergangenheit gab es rechtsautoritäre Regierungen. Ich schreibe zum Beispiel über die Diktaturen in Chile und Argentinien. Und schon damals gab es feministische Bewegungen, die dagegen mobilisiert und sich organisiert haben. Deshalb glaube ich, dass es gerade in Momenten, in denen wir uns vom Antifeminismus überrollt fühlen, wichtig ist, innezuhalten und uns an die Geschichte sozialer und feministischer Kämpfe zu erinnern – um daraus Kraft zu ziehen, zu reflektieren und Strategien zu entwickeln, wie wir uns dagegen organisieren können. Die Antwort liegt im Kollektiv. Rechte Bewegungen setzen auf das Individuum, auf Abgrenzung, auf Konkurrenz, auf Hass gegen andere – besonders gegen die Schwächeren –, und sie wenden sich gegen jede Form von Solidarität. Dem können wir nur etwas entgegensetzen, indem wir uns zusammenschließen: durch kollektive Stärke und durch Solidarität.

Interview: Christine Tragler

© Michael Pfister

Sophia Boddenberg lebt und arbeitet seit 2014 als Journalistin in Südamerika, meistens in Chile und Argentinien. Sie berichtet für deutschsprachige Medien, u. a. für Die Zeit, Taz und Deutschlandfunk.

Sophia Boddenberg

Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen
Mandelbaum Verlag, Wien 2025,
156 Seiten, 20 €

Buchpräsentationen mit Sophia Boddenberg:

11. März, 19 Uhr
in der AEP-Frauenbibliothek in Innsbruck

16. März, 19 Uhr
im Rahmen der Diskussion „Kollektive Kämpfe.
Feminismus in Lateinamerika und der Karibik“
im Depot in Wien

19. März, 13:15 Uhr
Taz-Talk auf der Leipziger Buchmesse

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