Die armen reichen Schlucker

Vor einem halben Jahr ist Werner Hörtner, langjähriger Redakteur des Südwind-Magazins, überraschend verstorben. Zeit seines Lebens hat Werner viel geschrieben – Poesie und Prosa, wie folgenden Essay.

Werner Hörtner (1948-2015).© Irmgard Kirchner

Es ist offenbar ein Fluch der ungelösten Rätsel, dass sie einen mit zermürbender Hartnäckigkeit immer wieder überfallen. Und so stößt mir immer wieder, schon beim geringsten Anlass, die Frage hoch: Wieso gibt es so viele Menschen, die im unmäßigen Anhäufen von materiellen Gütern, von Reichtum, von möglichst vielen Häusern oder Ländereien oder Firmen oder Bankkonten, die Erfüllung ihres Lebens sehen? Die ihre ganze Lebensenergie und Kraft – und oftmals auch Betrug, Diebstahl, Gewalt – in den Dienst dieses Ziels setzen. (…)

Ich kann diese Frage, die wie Sodbrennen wiederkehrt, mit demselben unangenehmen Nachgeschmack, nie beantworten. (…) Aber meines Erachtens handelt es sich bei diesem Streben nach Reichtum um eine kollektive Krankheit, und für diese sollte man nicht nur eine kollektive Analyse, sondern auch eine kollektive Therapie finden. (…)

Das Hohelied der Armut. Große Denker und Dichterinnen haben immer wieder das Hohe Lied der Armut gesungen, in bewusster Verneinung zum Streben nach materiellen Gütern. Sie erkannten, dass der wahre Reichtum eine innere Qualität ist, die nichts mit jenem Reichtum, wie das Wort im allgemeinen verstanden wird, zu tun hat, ja diesem sogar antagonistisch gegenübersteht. „Der sicherste Reichtum ist die Armut an Bedürfnissen“, wie es Franz Werfel ausgedrückt hat. Doch das Wissen, oder das Erleben, dass ein Blick auf den Sternenhimmel, auf eine blumenübersäte Wiese oder ganz einfach in sich hinein viel mehr WERT ist als ein sechs- oder zehnstelliges Bankkonto, ist gerade in materialistischen Epochen wie der unseren ein Geschenk, das nur Wenigen zuteil wird. (…)

Ist diese Krankheit vielleicht ein Archetyp, ein Grundmuster menschlichen Verhaltens? Unzählige Märchen und auch Beispiele aus der realen Geschichte legen ja Zeugnis davon ab, dass das maßlose Streben nach Reichtum und Prunk die Menschheit begleitet, solange man zurückblicken kann. Aber es scheint ein zutiefst menschliches Phänomen zu sein – aus der Tierwelt ist mir kein entsprechendes Verhalten bekannt. Hat vielleicht gerade die Entfernung von einem Urzustand, die zunehmende Domestizierung und Zivilisierung des Menschen innere Leerstellen geöffnet, die nun im Sinne einer Kompensation mit materiellen Gütern ausgefüllt werden müssen? (…)

Sein und Haben. Aber ich komme immer noch nicht weiter mit dem Entwurf einer Gegenstrategie. Aus eigener Erfahrung und aus allgemeiner Anschauung bin ich überzeugt, dass ein vorrangig auf das Sein und nicht auf das Haben ausgerichtetes Leben nicht nur sinnvoller, sondern auch erfüllter und einfach schöner ist. Die Armut an Bedürfnissen als sicherster Reichtum, wie es Werfel formulierte. Hier liegt der springende Punkt. Doch wie eine Gesellschaft und deren politische und wirtschaftliche Führer von dieser banalen Tatsache, die in unseren armen Zeiten wie eine Weisheit klingt, überzeugen? Wie eine grundlegende Bewusstseinsveränderung herbeiführen? Überzeugungsarbeit kann wohl nicht mit Geboten und Dekreten geleistet werden, das ist klar. Die beste Überzeugung ist immer die eigene Erfahrung, doch muss man erst einmal so weit kommen. Und um sich auf dieses Erlebnis der eigenen Erfahrung einzulassen, dürfte das Beispiel das beste Mittel sein. Dieses muss sichtbar sein und auch attraktiv in dem Sinn, dass man selbst auch gerne diese Erfahrung machen möchte. Ein positives Beispiel ist wohl bei allen gesellschaftlichen Problemen, Konflikten und Krankheiten der wichtigste Schritt zu einer Lösung des Problems. Doch nur selten wirkt ein Beispiel, das von unten, von der Basis der gesellschaftlichen Pyramide ausgesendet wird. Um die Beispielwirkung zu verstärken, muss sie von Personen ausgehen, die „im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens“ stehen.

(…) Nur über ein öffentliches Bekanntmachen und Propagieren der mannigfachen Vorteile eines ressourcenschonenden, sparsamen, einfachen Lebens – Vorteile für unser individuelles sowie kollektives Wohlergehen – kann die Krankheit Reichtum und Besitzstreben bekämpft werden. Klingt vielleicht naiv – aber ich sehe kein realistischeres Programm. (…)

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