Die frechen Tiger

Von Oscar Sánchez Romero ·

„Los Tigres del Norte“ aus Mexiko, auch als die „Rolling Stones von Lateinamerika“ bezeichnet, nehmen sich kein Blatt vor den Mund, wenn sie Präsident Fox oder Bush kritisieren – oder die Drogenhändler besingen.

Soy el Jefe de Jefes, Señores“, „Ich bin der Chef der Chefs, meine Herren, und man respektiert mich auf allen Ebenen …“ Dieses Lied der „Tigres del Norte“ über das Leben des Rauschgifthändlers Amado Carrillo, dem einst meist gesuchten Menschen Mexikos, ist einer der größten Hits der Gruppe. Damit eröffneten sie auch dieses Konzert in San José, Costa Rica. Das Publikum singt begeistert mit, bewegt sich wie eine riesige Welle mit den Bewegungen der Musiker, als würden es diese schon im vorhinein kennen. Und als das Konzert zu Ende ist, immer wieder „Otra! Otra!“ Eine Zugabe nach der anderen folgt.
In Los Angeles jubelten 250.000 Menschen den Mexikanern, die in Kalifornien leben, zu, und auch am Zócalo, dem Hauptplatz der mexikanischen Hauptstadt, drängten sich mehr als 200.000 Leute, um die Corridos, die Stücke der populärsten Band Lateinamerikas zu hören. Über 70 Millionen Tonträger haben sie in ihrer mehr als 30-jährigen Musikerlaufbahn verkauft, 1988 erhielten sie für ihre Platte „América sin Fronteras“ – Amerika ohne Grenzen – den Grammy, für den sie dann sieben weitere Male nominiert wurden. Sie haben auch einen eigenen „Nationalfeiertag“ in den Vereinigten Staaten, den 17. Juni, an dem alle hispano-amerikanischen Sender 24 Stunden lang nur Musik der „Tigres“ spielen. In Chicago trägt eine Straße ihren Namen. Sie waren die ersten, die das spanischsprachige Radio der mächtigsten Nation der Welt eroberten. Die „Tigres“ sind die Pioniere im Formulieren der Sehnsüchte und Leiden der „Chicanos“, der mexikanischen MigrantInnen in den USA, des Kampfes und der Opfer der „Mojados“, wie die illegalen Flüchtlinge in Lateinamerika auch genannt werden.

Jorge Hernández ist der Gründer und der Älteste der Gruppe. Mit 14 Jahren wollte er etwas zum Unterhalt der Familie beisteuern und überredete seine Brüder, mit ihm eine Musikgruppe zu gründen.
Aus einer Explosion von Lichtern und Wolken weißen Nebels tauchen die „Tigres“ auf der Bühne auf. Toluca, Mexiko, Dezember 2002. Jorge Hernández, „el tigre mayor“, was sowohl der große als auch der alte Tiger heißen kann, stimmt sein Akkordeon an. Tausende Sombreros werden in der Luft geschwenkt, der Adrenalinpegel steigt, die Menschen singen und tanzen begeistert mit. Fünf Stunden spielen die „Tigres“, 50 Corridos – ein Zehntel ihres Repertoires –, doch die Menschen wollen immer noch mehr. „Otra! Otra!“
Die Musiker versichern, dass sie in ihren Liedern das wirkliche Leben ihrer Landsleute erzählen: „Wir singen die reine Wahrheit.“ Und das war schon immer so, seit sie begonnen haben, von den Traditionen und dem kulturellen Erbe ihres Volkes zu singen, von den Heldentaten von Zapata oder Pancho Villa, von den Gefühlen und Träumen von Millionen von LateinamerikanerInnen.
Sie kommen aus Rosa Morada, einem Dorf im kleinen Bundesstaat Sinaloa im Norden Mexikos. Bekannt wurden sie mit einem sehr kontroversiellen Genre, dem „Narcocorrido“. Sie erzählen in den Liedern Geschichten aus dem Leben der kleinen und großen Drogenhändler, von ihren Kleidern und Waffen, von ihrem Geschäft, von der Ehre – und von der Rache, wenn sie sich von jemandem verraten fühlen.

Die mexikanischen Corridos erzählen traditionellerweise Geschichten von den Helden der Revolution wie Zapata und Pancho Villa. Doch seit dem wohl populärsten Corrido „La cucaracha, la cucaracha, ya no puede caminar, por que le falta, por que le falta, marihuana que fumar“ („Die Küchenschabe kann nicht mehr laufen, weil sie kein Marihuana zum Rauchen hat“) haben sich die Texte stets weiterentwickelt. Nun sind die Drogenhändler die Protagonisten.
„Wegen seiner Abneigung gegen die Regierung ist das Volk immer auf der Seite des Drogenhändlers“, sagt Jorge Hernández, der Vater der Narcocorridos. Dieses Phänomen hat im Norden Mexikos sogar eine religiöse Dimension angenommen. Die Narcos (Drogenhändler) haben in Sinaloa ihren eigenen Heiligen, Jesus Malverde, einen Robin Hood aus der Zeit der mexikanischen Revolution, der die Reichen beraubt und die Armen beschenkt hat. In der ganzen Region gibt es Gedenktafeln und Büsten von Malverde – und natürlich auch viele Corridos zu seinen Ehren.

Das Ganze hat 1968 mit dem berühmten Corrido „Contrabando y Traición“ (Schmuggel und Verrat) begonnen, der die Geburtsstunde des Narcocorrido bezeichnet. Kein wirklich passender Ausdruck, denn die „Tiger“ kritisieren in ihren Liedern auch die Herrschenden in Mexiko und die Einwanderungsgesetze der Vereinigten Staaten; sie machen sich zur Stimme des Unmuts der Bevölkerung. Und die mexikanische Regierung fürchtet diese Musik offenbar so sehr, dass sie immer wieder Lieder mit Aufführungsverbot belegt.
„Crónica de un Cambio“ (Chronik eines Wechsels) ist ihr jüngster Erfolg: eine Satire auf den gegenwärtigen mexikanischen Präsidenten Vicente Fox, der früher Direktor von Coca Cola in Mexiko war. „Heute haben wir den Wechsel vollzogen / lasst uns mit Coca Cola darauf anstoßen. / Die Guten tragen jetzt blau und weiß. / Wenn du Stiefel anhast und einen Stall leitest, / dann tu nur weiter so / und du wirst Abgeordneter.“ (Blau und weiß sind die Farben der Regierungspartei PAN, und Fox gibt sich gerne als Cowboy; Anm.d.Ü.)
Wegen ihrer Funktion als Spiegel des öffentlichen Stimmungsbildes und als Meinungsträger werden sie auch als „musikalische Journalisten“ bezeichnet. Ihre Corridos sind politische Chroniken von konfliktiven Themen, wie eben dem Rauschgifthandel, der Auswanderung in die USA, den sozialen Ungerechtigkeiten, der Korruption, den Machenschaften der Regierung.

Stundenlang warten die BesucherInnen, um Einlass zu finden ins Sportstadion der nicaraguanischen Hauptstadt Managua. Es ist bis auf den letzten Platz gefüllt. „Tres veces mojados“, ein Corrido über das Leid der Flüchtlinge, die im Norden ein besseres Leben suchen, spricht den Menschen aus der Seele. Auch viele NicaraguanerInnen kennen diese Erfahrungen, haben schon versucht, über den langen Weg durch Zentralamerika ins Land der Verheißung zu kommen. Den Corrido „Somos más Americanos“ (Wir, die Kinder tapferer Krieger und Indios aus zwei Kontinenten, gemischt mit Spaniern, sind amerikanischer als der Sohn des Angelsachsen …) müssen die „Tigres“ drei Mal singen, und am Schluss kehren sie vier Mal auf die Bühne zurück.
Dasselbe Szenario bei allen Auftritten zwischen Mexiko und Kolumbien. Eine Atmosphäre der Einheit, als würden die Musiker tatsächlich den Menschen aus dem Herzen sprechen, und die ZuschauerInnen singen, als wären es ihre eigenen Lieder.

Die erhältlichen CDs der „Tigres“ können auf www.emerson.de ersehen werden.


Übersetzung und Bearbeitung: Werner Hörtner

www.emerson.de

Oscar Sánchez Romero besuchte in Mexiko die Filmakademie und drehte mehrere Dokumentarfilme. Im vergangenen Dezember begleitete er die „Tigres“ auf einer Tournee von Mexiko durch alle zentralamerikanischen Staaten nach Kolumbien. Im kommenden Oktober wird

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