Die große Offensive

Von Sven Hansen · · 2009/03

Die chinesische Regierung will eigene internationale Medien massiv ausbauen, um Pekings globalen Einfluss zu vergrößern und Chinas Image zu verbessern. Geld spielt dabei keine Rolle.

Mit der traditionellen Gala zum chinesischen Neujahrsfest am Abend des 25. Jänner dürfte Chinas Zentralfernsehen CCTV landesweit 700 Millionen ZuschauerInnen erreicht haben. Die Familiensendung von CCTV 1 ist die meist gesehene Fernsehshow der Welt. Doch außerhalb der Volksrepublik und chinesischer Kreise in Übersee sind Einfluss wie Reichweite von Chinas Medien gering. Das will die Regierung in Peking jetzt mit einem massiven Ausbau chinesischer Auslandsmedien ändern. Ziel ist es, Chinas Image zu verbessern und seinen globalen Einfluss zu vergrößern. Peking wünscht sich einen globalen TV-Sender so einflussreich wie Al-Dschasira.
Für die zu Jahresbeginn verkündete Expansion chinesischer Auslandsmedien sollen bis zu 45 Milliarden Yuan, umgerechnet rund fünf Milliarden Euro, bereit stehen. „Wir müssen danach streben, einen erstklassigen globalen Medienarm aufzubauen, der die ganze Welt abdeckt und mehrsprachig ist, der eine große Zuschauerzahl und viele Informationen hat und sehr einflussreich ist“, sagte der in Chinas Kommunistischer Partei (KP) für die internationale Propaganda zuständige Wang Chen laut der amtlichen Agentur Xinhua („Neues China“).
Das Zentralfernsehen CCTV, dessen architektonisch spektakuläre neue Zentrale erst im vergangenen September eröffnet worden war, hat seit Jahren einen englischsprachigen Kanal. Seit Sommer 2008 sendet CCTV auch in Französisch und Spanisch. Im September soll ein russisches und arabisches Programm hinzukommen, für die momentan JournalistInnen gesucht werden.
Die größte Neuerung wird Xinhua betreffen. Die der KP-Propagandaabteilung unterstehende Agentur soll einen globalen englischsprachigen 24-stündigen TV-Nachrichtensender aufbauen. Zudem soll die Agentur, die bisher Büros in rund 100 Staaten hat, sich in 186 Länder ausbreiten. Und die nationalistische Huanqiu Shibao („Global Times“), ein Boulevardableger des Parteiorgans Renmin Ribao „(Volkszeitung“), soll neben der China Daily ab Mai als zweite englischsprachige chinesische Tageszeitung weltweit erscheinen. Zur Zeit werden 60 RedakteurInnen mit Englisch als Muttersprache gesucht. Sie sollen laut Stellenanzeige „Teamplayer“ und „kreativ“ sein und „dynamische Überschriften“ sowie „Artikel komplett umschreiben“ können.
Mit der Medienoffensive reagiert China auf die Imageprobleme vom vergangenen Jahr. Hätten die Olympischen Spiele in Peking der Welt eigentlich die frohe Botschaft von Chinas erfolgreichem Aufstieg vermitteln sollen, so vermasselten die Unruhen in Tibet im März und die Proteste beim Fackellauf im April, die anhaltende Menschenrechtsdiskussion wie auch der Skandal um verseuchtes Milchpulver im September den erhofften Imagegewinn.

Nationalistische ChinesInnen im In- und Ausland waren auf dem Höhepunkt des internationalen Streits um Pekings Tibet-Politik im vergangenen März und April von der Regierung ermuntert worden, gegen die China-Berichterstattung westlicher Medien zu protestieren. Erleichtert wurde die hauptsächlich über das Internet und chinesische Webseiten wie anti-cnn.com stattfindende Mobilisierung durch handwerkliche Fehler westlicher Redaktionen bei der Fotoauswahl zu Berichten über die Proteste in Tibet. Dies wurde in China als Beweis für Manipulation und Ressentiments gewertet und ließ sich leicht instrumentalisieren.
Weil Peking die China-Berichterstattung westlicher Medien negativ wahrnimmt, sollen die eigenen Medien jetzt global gegensteuern. Die neue Medienoffensive ist dabei in einer Reihe mit dem weltweiten Aufbau von Konfuzius-Instituten zu sehen, die chinesische Sprache und Kultur vermitteln. Beide Initiativen sind Zeichen, dass Peking im Ringen um Macht und Einfluss auch auf sanfte Machtausübung setzt.

„CCTV träumt schon seit fast 20 Jahren von einer globalen Expansion,“ sagt Wang Handong, Professor für Journalismus und Kommunikation an der Universität der zentralchinesischen Stadt Wuhan, zu Südwind. „Zweifellos hat China heute dafür das Geld und die Technologie.“ Doch der Erfolg hängt laut Wang davon ab, ob Chinas Medien im Alltag als unabhängig oder als Propagandawerkzeuge wahrgenommen werden: „Sobald Chinas Medien ihre Einseitigkeit zeigen, geht der Effekt nach hinten los.“
Mit der Zensur der Antrittsrede von US-Präsident Barack Obama am 20. Jänner bestätigen Xinhua und CCTV die Befürchtungen. Kaum sagte Obama während der Live-Übertragung das Wort Kommunismus, setzte CCTV aus und wandte sich an einen verdutzten Experten im Studio, der Obamas Wirtschaftsprogramm kommentieren sollte. Auch Obamas Satz, dass jene Regime Verlierer der Geschichte seien, die sich durch Unterdrückung der Opposition an die Macht klammerten, wurde weggelassen. Aus Obamas Satz, frühere Generationen hätten „Kommunismus und Faschismus nicht nur mit Raketen und Panzern, sondern auch mit stabilen Bündnissen und bleibenden Überzeugungen niedergerungen“, entfernte Xinhua den Kommunismus. Ein Regierungssprecher rechtfertigte dies später als „Wahrnehmung redaktioneller Rechte“.
Eine Woche zuvor hatten 22 chinesische Intellektuelle zum Boykott von CCTV aufgerufen. Sie warfen dem Sender „Gehirnwäsche“ vor, überwiegend positiv über China und negativ über das Ausland zu berichten, Nachrichten über Proteste in China zu unterdrücken und sich kommerziellen Interessen zu beugen. Auch kritisierten sie die vielen Historiendramen, in denen Loyalität zur Obrigkeit betont werde. Wie erwartet berichtete CCTV über den Boykottaufruf nicht.
Möglicherweise könnten für Chinas Medien im Ausland auch andere Regeln gelten, die sich mehr an internationalen Normen der Pressefreiheit orientieren als dies innerhalb der Volksrepublik üblich ist. So hat Xinhua in seinem englischen Dienst Obamas Rede zur Amtseinführung unzensiert verbreitet, während in der chinesischen Version wie erwähnt die Nennung des Kommunismus herausgeschnitten wurde.
Ein westlicher Journalist, der für ein chinesisches Auslandsmedium arbeitet und ungenannt bleiben möchte, meinte gegenüber Südwind, dass es ein Fortschritt sei, wenn China in seinen Auslandsmedien verstärkt auf westliche JournalistInnen zurückgreifen wolle. „Verständige Leute haben schon lange darauf hingewiesen, dass man Artikel über China für Ausländer am besten von Ausländern schreiben ließe. Dass man dies jetzt umsetzen möchte, wäre der richtige Weg für ein effektiveres Nation Branding.“ Bisher würden die ausländischen JournalistInnen überwiegend als Korrekturknechte eingesetzt. Doch der größte Propaganda-Coup der KP überhaupt, so der Journalist, „wäre die völlige Freizügigkeit der Presse“.

Sven Hansen ist Asien-Redakteur der tageszeitung (taz) in Berlin. Im November 2008 nahm er am ersten deutsch-chinesischen Mediendialog in Guangzhou teil.

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