Die heilige Kuh der „Entwicklung”

Aram Ziai ist im deutschen Sprachraum einer der führenden Forscher zu Post-Development-Ansätzen. Für das Südwind-Magazin schrieb er einige der Reaktionen auf seine Kritik am vorherrschenden Entwicklungsdiskurs auf.

Aram Ziai

Seit Ende der 1990er Jahre befasse ich mich in Vorträgen, Seminaren und Veröffentlichungen mit dem Thema Post-Development (ab hier abgekürzt PD). Ich habe auch (u.a.) zur deutschen Entwicklungspolitik, zur Welthandelsorganisation WTO, zur Schuldenkrise oder zur EU-Migrationspolitik Vorträge gehalten, aber keines dieser Themen hat auch nur annähernd solche heftigen Reaktionen hervorgerufen wie PD. Zugegeben, ich bin noch nicht mit Eiern beworfen worden, aber viel hat nicht gefehlt. Wie auch andere VertreterInnen des PD bin ich des Paternalismus (schlimm), der Gleichgültigkeit gegenüber den Armen (noch schlimmer) und des Relativismus (am schlimmsten) bezichtigt worden. Anstatt die Gelegenheit zur Verteidigung zu nutzen, möchte ich die Intensität der ausgelösten Reaktionen eher als Indikator dafür sehen, dass die Kritik des PD an Werte und Überzeugungen rührt, die als fundamental empfunden werden.

Nun sollte erwähnt werden, dass auch PD selbst seine Kritik bisweilen mit der Subtilität eines Vorschlaghammers vorgetragen hat: Die Idee der „Entwicklung“ sei eine verwesende Leiche, die endlich begraben werden müsse, behauptete Gustavo Esteva 1993, und auch vor Vergleichen mit Holocaust und Gulag schreckte er nicht zurück1). Leise Zweifel sind angebracht, ob dies zur Versachlichung der Diskussion um PD beigetragen hat.

Eine solche Versachlichung wäre doch manchmal recht angenehm gewesen. Auf einer Podiumsveranstaltung mit einer Vertreterin des BMZ2) war diese nach meinem Vortrag so wütend, dass sie ein Gespräch mit mir ablehnte und sich beim Veranstalter beschwerte: Sie sei ja immer für den Dialog mit der Wissenschaft, aber das was ich hier von mir gebe, sei einfach keine ernstzunehmende Wissenschaft. Das war kurz nachdem ich meine Habilitationsschrift über die deutsche Entwicklungszusammenarbeit verfasst hatte.

Ein anderes Mal hat eine antideutsche politische Zeitschrift eine Arbeitsgruppe von mir zum Thema PD (natürlich ohne daran teilgenommen zu haben) auf die These reduziert, „die Afrikaner bräuchten keine Autos“ – nur dass sie statt „Afrikaner“ einen an dieser Stelle unerwähnt bleibenden rassistischen Begriff benutzte.

Beide Beispiele sind symptomatisch. In der Entwicklungszusammenarbeit tätige Leute empfinden PD oft als einen Affront, weil die Kritik ihr Selbstbild in Frage stellt: Sie sind doch schließlich die Guten, die sich für die hungernden Kinder engagieren oder gegen die Ungerechtigkeit kämpfen, und da unterstellt man ihnen Eurozentrismus, Paternalismus und eine koloniale Weltsicht? Unverschämtheit! Auf der anderen Seite wird die Relativierung der angeblichen Überlegenheit westlicher Gesellschaften als Versuch missverstanden, kulturelle Differenz als Argument zur Legitimierung materieller Ungleichheit anzuführen. Nach dem Motto „Wer in Frage stellt, dass unsere Lebensweise die beste ist, will nur nichts von unserem Reichtum abgeben“.

Polemik beiseite: in beiden Fällen lässt sich (wenn auch mit Mühe) ein berechtigtes Anliegen erkennen. Zum einen ist es sicher falsch, alle in der Entwicklungszusammenarbeit tätigen Menschen als Agenten eines wirtschaftlichen und kulturellen Imperialismus zu sehen. Dennoch ist in der Praxis immer die Frage zu stellen, welche Rolle Eurozentrismus, Expertenhörigkeit sowie wirtschaftliche Interessen von Konzernen und Eliten vor Ort spielen. Und zum anderen ist es richtig, dass kultureller Relativismus zur Abwehr von Menschenrechten und zur Erhaltung von Privilegien benutzt werden kann – und dass täglich Menschen sterben, weil sie keinen Zugang zu Nahrung, Medikamenten und sauberem Wasser haben. Aber selbst wenn man von einem universellen Streben nach einem guten Leben ausgeht – ist ein solches wirklich nur mit Autos, Handys und am besten noch mit Swimming Pool vorstellbar?

Es ist das Verdienst des Post-Development, uns hier nochmals auf grundlegende Fragen aufmerksam zu machen: Woher nehmen wir die Sicherheit, dass wir im Norden über Wissen verfügen, das gesellschaftliche Probleme im Süden lösen kann? Und dass das nicht in umgekehrter Richtung der Fall ist? Woher die Arroganz, uns als „entwickelt“ und andere als „weniger entwickelt“ zu bezeichnen? Wie kommen wir darauf, dass Gesellschaften, deren Konsum und Ressourcenverbrauch so beschaffen sind, dass nur eine Minderheit auf der Welt so leben kann, die also nur auf der Basis von Ausschluss und der Aneignung schlecht bezahlter Arbeit Anderer funktionieren können, legitim und lebenswert sind? Dass ein längeres Leben automatisch ein besseres Leben, mehr Schuljahre gleichzeitig mehr Bildung, mehr Geld gleichzeitig mehr Wohlstand bedeutet? Wie können wir eine Gesellschaft als demokratisch empfinden, in der Infrastrukturprojekte – seien es Staudämme oder Atomkraftwerke – gegen den massiven Protest der ansässigen Bevölkerung mit Polizeigewalt durchgesetzt werden?

In diesen Fragen wird deutlich, dass PD nicht nur den Süden betrifft. Und dass die heftigen Reaktionen zu einem guten Teil sicher damit zu tun haben, dass hier unser „way of life“ zur Debatte steht.

1) In dem 1998 bei Zed Books, London, erschienenen Werk „Grassroots post-modernism“ von Esteva/Prakesh.
2) Das deutsche „Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“, das zuständig ist für die Planung und Umsetzung der Entwicklungspolitik der Bundesregierung.

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