Die Heimat, das verlorene Paradies

Für die über die ganze Welt zerstreuten indischen Gemeinden hat der Bollywood-Film eine starke identitätsstiftende und -bewahrende Funktion. Er hilft, die Heimat und ihre kulturellen Werte zu idealisieren.

Von Brigitte Voykowitsch
Wenn Vijay Mishra über die Bedeutung von Bollywood für die indische Diaspora* redet, dann spricht er auch aus eigener langjähriger Erfahrung und Beobachtung. Seine Vorfahren gehörten zu jenen, in der Regel des Lesens und Schreibens unkundigen InderInnen, die im ausgehenden 19. Jahrhundert vom Subkontinent aus in andere britische Kolonien wie Südafrika, Trinidad, Fidschi oder Guyana zogen, um dort auf Zucker- und Kautschukplantagen zu arbeiten. Mishra ist selbst in Fidschi geboren; seine Studien- und Lehrjahre haben ihn dann in jene Länder geführt, auf die sich seit den 1960er Jahren die neue indische Diaspora konzentriert – Großbritannien, die USA, Kanada und Australien, wo Mishra heute an der Murdoch-Universität in Perth lehrt.
An die 20 Millionen Menschen zählt die über alle Kontinente verstreute indische Diaspora heute, und was, bei allen fundamentalen Unterschieden, die alte mit der neuen Diaspora verbindet, ist ihre Begeisterung für das Bombay-Kino. Aufgrund der damals eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten konnten die ArbeitsmigrantInnen des 19. Jahrhunderts kaum den Kontakt mit dem Herkunftsland wahren. Ihr Indienbild bezeichnet Mishra als „mythisch“ und „imaginär“. Als in den 1930er Jahren dann der Hindi-Film die Auslandsinder erreichte, „bestärkte er die Mythen von einem uralten Land, das weiter in seinem epischen Ruhm schwelgte“. Mishra verweist auf die Romane von V.S. Naipaul, insbesondere „Ein Haus für Mister Biswas“, als besonders aufschlussreich über die realen und imaginären Welten der außerhalb ihrer Heimat lebenden InderInnen.

Die neue Diaspora hat über Kabel- und Satellitenfernsehen sowie Videos und DVDs nicht nur einen viel besseren Zugang zu Hindi-Filmen, die über alle geographischen Distanzen hinweg „eine gemeinsame kulturelle Sprache“ der AuslandsinderInnen formen und aufrecht erhalten. Bollywood schafft in einem Teil seiner Produktionen inzwischen seine eigene Version dieser Auslandsgemeinschaften „und erklärt der Diaspora damit deren Sehnsüchte“.
„Dies ist London. ... Ich lebe hier seit 22 Jahren. ... Ein halbes Leben ist vergangen, und doch ist mir das Land so fremd wie ich ihm. Wie ich, haben diese Tauben [am Trafalgar Square] kein Zuhause. Aber wann werde ich fliegen können wie sie? Doch eines Tages werde ich sicher zurückkehren. In mein Indien, in meinen Punjab“, erklärt der Protagonist in „Dilwale Dulhania Le Jayenge“. Der Film thematisiert den unterschiedlichen Blick der älteren und jüngeren Generation auf Indien und die selten analysierte Tatsache, dass gerade für junge Frauen das familiäre Verharren in den Werten des Herkunftslandes besondere Probleme darstellen kann. Dennoch verweist das Wort „Hindustani“ (Inder, indisch), wie es in diesem Film verwendet wird, auf eine Art „transzendentaler indischer Identität“, die sich aus dem Dharma, den göttlichen Gesetzen, nährt.

„Heimat, Rückkehr, das Hier-und-Jetzt als eine Art Verbannung, die Heimat als verlorenes Paradies, die Reinheit der Familie und der Frau in der Heimat“ sind Themen, die nach den Worten von Vijay Mishra das Bombay-Kino als Reaktion auf den wachsenden Diaspora-Markt aufgegriffen hat. „Das Kino stellt eine Möglichkeit dar, mit dem eigenen Gefühl der Unzufriedenheit, ja vielleicht sogar des Exils, in der Diaspora umzugehen. Zugleich aber ist Bollywood heute Teil des globalen Kinos und muss international konkurrenzfähig sein. Damit wird es auch zunehmend kosmopolitisch.“
Die wesentlichen Ingredienzien eines Diaspora-Films definiert Vijay Mishra folgendermaßen: „Zunächst müssen seine Schlüsselszenen, die oft romantischer Natur sind, an einem Diaspora-Ort spielen. Dann muss das Spannungsfeld Heimatland-Diaspora die Tugenden der Heimat gegenüber den möglichen Übeln der Diaspora betonen, besonders wenn letztere von den Exzessen des Gastlandes angesteckt wird. Drittens darf die Heimat nicht zu widersprüchlich dargestellt und die Gefühle der Diaspora für diese Heimat dürfen nie in Zweifel stehen oder kompromittiert werden. Schließlich muss der Film suggerieren, dass der Zustand der Diaspora nur durch die anhaltende Präsenz der Heimat im eigenen Leben (in Form der Religion, Sprache, Kleidung, Heirat mit PartnerInnen, die aus der Heimat geholt werden und dergleichen mehr) ertragen werden kann.“
Das in Bombay produzierte Kino unterscheidet sich damit grundlegend von den in der Diaspora selbst gedrehten Filmen wie auch den dort verfassten Romanen. Gurinder Chadhas „Bhaji on the Beach“ und „Kick It Like Beckham“, Hanif Kureishis „My Son The Fanatic“ oder Srinivas Krishnas „Masala“ gehen von den Erfahrungen und Beobachtungen in der Diaspora aufgewachsener InderInnen aus. Von liebevoll-ironisch bis nüchtern-ernüchternd setzen sich ihre und eine wachsende Zahl ähnlicher Werke mit den Spannungen und Widersprüchen von Diaspora-Realitäten auseinander.
In den Bollywood-Filmen aber darf die „dunkle Seite des Diaspora-Traums“ nicht behandelt werden, insbesondere dann nicht, wenn es um Liebe und Ehe geht. Die „arrangierte Liebesheirat“ – also von den Familien arrangierte Ehen, wo die Ehepartner sich rechtzeitig noch ineinander verlieben und so auch aus Liebe heiraten – ist ein Topos des Diaspora-Films. Die Wirklichkeit ist dagegen mitunter brutaler und grausamer, verweist Vijay Mishra auf mehrere Mordfälle in Diaspora-Ehen in Nordamerika.

Erst in seiner Wechselwirkung mit der modernen Diaspora ist auch Bollywood im eigentlichen Sinn entstanden, betont Vijay Mishra. „Genau genommen ist das Bombay-Kino viel älter als Bollywood, es wurde nur retrospektiv unter Bollywood subsumiert.“ Der Begriff Bollywood, der erstmals auch in die neue, 2005 erschienene Ausgabe des Oxford English Dictionary Eingang gefunden hat, „verschiebt das, was das Hindi- oder Bombay-Kino war, zur kulturellen Definition einer Praxis hin, die über das Kino hinaus geht. Bollywood steht für eine reale Filmindustrie (mit ihren Finanzquellen, Arbeitsstrukturen etc.) plus dem Kult, der darum getrieben wird, in den Kinos selbst, aber auch in der Vermarktung über DVDs, Videokassetten, Starauftritte und eine Art Bollywood-Musical (in den Diaspora-Ländern). Diese Neudefinition des Bombay-Kinos wäre ohne die Bedürfnisse der Diaspora nicht möglich gewesen.“
Diese Diaspora stellt auch das Gros derer da, die im Westen Bollywood-Filme in Kinos sehen oder sich auf Videos und DVDs besorgen. Daneben findet Bollywood weiterhin großen Anklang in Teilen der arabischen Welt sowie von Afrika, Südostasien und den zentralasiatischen Republiken. Bollywood mag zwar in manche Mainstream-Filme Eingang gefunden haben, so in Baz Luhrmanns „Moulin Rouge“. Und eine gewisse Attraktion übt es zweifellos aus im Westen, erklärt Vijay Mishra. Doch „die Behauptungen vom ‚Erfolg‘ dieses Kinos im Westen“ will er nicht so schnell unterschreiben. Da „müsste ich noch sehr sorgfältig alle Daten untersuchen“.

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