Die Heimkehr der Masken

Dem kleinen Volk der ’Namgis an der kanadischen Nordwestküste ist gelungen, wofür ganze Nationen mit den Museen ihrer ehemaligen Kolonialstaaten seit Jahrzehnten vergeblich kämpfen: die Rückgabe von Kulturgütern zu erreichen, die der indigenen Bevölkerung einst entwendet und den Sammlungen großer Museen einverleibt wurden.

Von Karin Chladek
Die Fähre von Vancouver Island nähert sich der kleinen Insel Alert Bay. Andrea Sanborn vom U’mista Cultural Centre erwartet die Fähre am Steg. Die Kustodin des Cultural Centre ist aufgeregt, denn an Bord befindet sich eine ganz besondere Fracht: eine Maske, die aus Alert Bay vor mehr als 80 Jahren gestohlen wurde und deren lange Reise zurück aus Frankreich nun ein glückliches Ende findet. „U’mista“ bedeutet „Rückkehr aus Gefangenschaft“ - und als eine solche Rückkehr wird die Ankunft der Maske auch verstanden.
„Das letzte Mal haben wir die Rückkehr von acht Masken aus dem Smithsonian Institute in New York gefeiert. Nun begrüßen wir die Maske aus der Sammlung des französischen Surrealisten André Breton, die uns seine Tochter Aube Breton-Elleouet zurückgegeben hat“, freut sich Andrea Sanborn.
1922 hatte William M. Halliday, ein Vertreter der Indianerbehörde, zahlreiche zeremonielle Masken und andere Güter der ’Namgis konfisziert. Sie hatten eines der traditionellen Potlatch-Feste gefeiert, die die kanadische Regierung verboten hatte. Halliday verkaufte alles - allein 33 Masken gingen nach New York, wo sie später im National Museum of the American Indian des Smithsonian Institute landeten. Die meisten Masken wurden mit der Zeit zwischen dem Canadian Museum of Civilization in Ottawa und dem Royal Ontario Museum in Toronto aufgeteilt. Der Rest verschwand in privaten Sammlungen - wie der von André Breton.

Seit den späten 1960er Jahren hat die ’Namgis-Gemeinde keine Ruhe mehr gegeben, ist vor Gerichte gezogen, hat die Museen in Kanada, New York und auch Sammler in Europa in zähen Verhandlungen dazu gebracht, die kostbaren Gegenstände an die Nachfahren der ursprünglichen Schöpfer zurückzugeben.
Dass es den ’Namgis gelungen ist, ihr materielles Erbe, an dem auch ein Gutteil ihres kulturellen Selbstverständnisses hängt, zurück zu bekommen, ist bemerkenswert - schließlich umfasst die ’Namgis First Nation, die der Sprachgruppe der Kwakwaka'wakw angehört, in ihrer offiziellen Heimat Alert Bay nicht einmal 2.000 Menschen.
Die rund sechs Kilometer lange und vier Kilometer breite Insel Alert Bay ist zweigeteilt: Auf der nördlichen Hälfte liegt das selbst verwaltete Gebiet der ’Namgis, auf der südlichen Hälfte die nicht-indianische Gemeinde. Beide Siedlungen existieren erst seit den 1870er Jahren. Damals gründeten zwei Unternehmer eine Fabrik, in der die hier im Überfluss gefangenen Lachse verarbeitet wurden. Die Unternehmer benötigten dringend Arbeitskräfte und überredeten den Priester, der in einer nahen Siedlung am Nimpkish River die ’Namgis betreute, mit dem Stamm nach Alert Bay umzuziehen.
Die ’Namgis willigten ein und arbeiteten in der Lachsfabrik - wenn sie nicht ihren eigenen Aktivitäten wie Fischfang und Jagd nachkamen.
Die verregneten Winter an der kanadischen Nordwestküste waren jedoch nach Ansicht der ’Namgis reserviert für tagelange Feste - die großen Potlatches, die alles gleichzeitig waren: spirituelle Feiern, Repräsentation von Macht und Instrumente des sozialen Ausgleichs. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Verschenken und Beschenkt-Werden („Potlatch“ bedeutet „geben, schenken“), so zentral, dass sich Familien, die Potlatches veranstalteten, dabei oft völlig verausgabten. „Das war Teil des Systems“, erklärt Andrea Sanborn. „Die reich beschenkten Gäste waren verpflichtet, ihrerseits das nächste Potlatch auszurichten. So ging das hin und her und hielt die Gemeinschaft zusammen.“

Verschenkt wurden vor allem die fantasievollen Masken, ohne die die Potlatch-Tänze nicht denkbar waren. Die Masken verwandelten die Tänzer in Wölfe, Bären und Adler, in den von den Völkern der amerikanischen Nordwestküste besonders verehrten Raben und auch in den „wilden Waldmann“ Hamatsa.
Die „Verschwendung“ des zeremoniellen Schenkens, mehr aber noch die umfangreichen Vorbereitungen für die Potlatches, erregten das Missfallen der weißen Gesellschaft. Für sie bedrohten die Potlatches einerseits das Arbeitsethos und damit die „Moral“ der ’Namgis, andererseits liefen diese „heidnischen Bräuche“ nach Meinung der Kirche den Christianisierungsbemühungen zuwider. Im Jahr 1884 wurden Potlatches im sogenannten „Indian Act“ Kanadas verboten.
Dennoch gingen die Potlatches noch Jahrzehnte lang weiter, oft als Weihnachtsfeiern getarnt. Erst im frühen 20. Jahrhundert versuchten die weißen Behörden mit aller Kraft, die alte Tradition zu brechen. Haftstrafen von bis zu sechs Monaten drohten denjenigen, die Potlatches veranstalteten oder besuchten.

Von Dan Cranmers Potlatch im Winter 1921 sprach man noch lange. Es war das größte Potlatch, von dem jemals an der Nordküste von Vancouver Island berichtet wurde - und es sollte für lange Zeit das letzte sein. William M. Halliday, dem Vertreter der Indianerbehörde, blieben weder die Vorbereitungen für das große Fest noch die Erzählungen danach verborgen. 45 Frauen und Männer der ’Namgis wurden verhaftet, angeklagt - und vor die Wahl gestellt, entweder ihre Potlatch-Besitztümer als „Kaution“ abzuliefern oder ins Gefängnis zu gehen. Die meisten entschieden sich für die erste Option.
30 Jahre später, im Jahr 1951, wurde das Verbot der Potlatches aufgehoben. „In den späten 1960er Jahren begannen die ’Namgis, die gestohlenen Potlatch-Artefakte zurückzufordern“, so Andrea Sanborn. „Das war nicht so schwer, weil das kanadische Department of Indian Affairs den Verkauf unseres Besitzes nie offiziell gebilligt und immer als eigenmächtiges Handeln von Halliday bezeichnet hatte. 1973 erklärte sich das Canadian Museum of Civilization als erstes Museum bereit, uns seinen Teil unserer Potlatch-Sammlung zurückzugeben - unter der Voraussetzung, dass ein Museum für die Sammlung gebaut würde. Sie wollten die Garantie, dass wir unser Erbe ihren Kriterien entsprechend aufbewahren und zeigen würden.“
Daraufhin wurde 1974 die U’mista Cultural Society gegründet. 1980 öffnete das U’mista Cultural Centre seine Pforten in einer Bucht von Alert Bay.

Im Zentrum des ganz aus Holz erbauten U’mista Cultural Centre befindet sich ein Versammlungsraum eines traditionellen „Big House“. Hier, in einem offenen Kreis, erwarten die heimgekehrten Masken die BesucherInnen. Wölfe, Bären, Adler und Raben, Menschen und bizarre mythische Gestalten, alle irgendwann im 19. Jahrhundert kunstvoll aus Zedernholz geschnitzt. Manche sind eher ganze Kostüme als Masken. Keine gleicht der anderen, aber alle sind mit den unverkennbaren scharfen Linien der Kunst der Nordwestküste versehen.
Die Schätze der ’Namgis sind frei aufgestellt, ohne Vitrinen oder komplizierte Absperrungen, und erwarten die Tage und Nächte, in denen im anderen „Big House“, dem Gemeindezentrum der ’Namgis First Nation, wieder ein Potlatch stattfindet. Denn sie sind nicht nur Museumsobjekte, sie dürfen zu besonderen Gelegenheiten wieder tanzen.

Im U’mista Cultural Centre ist außerdem die Geschichte der ’Namgis und anderer Nordwestküsten-Völker anhand von Artefakten, Karten, Video- und Tonaufnahmen dokumentiert. Dabei nützen die ’Namgis die Tatsache, dass sie schon früh die Aufmerksamkeit von AnthropologInnen auf sich gezogen haben. Während sie sich früher oft als „wissenschaftliche Objekte“ missbraucht fühlten, haben die ’Namgis nun einen Weg gefunden, von den Aufzeichnungen zu profitieren und sie gegebenenfalls zu berichtigen.
Vor allem die Aufnahmen der alten Kwakwaka’wakw-Sprecher haben geholfen, die durch lange Repression fast vergessene eigene Sprache Kwak’wala wiederzubeleben und gemeinsam mit Linguisten sogar ein eigenes Alphabet zu entwickeln. Seit 1976 gibt es auf Alert Bay die T’lisalagi’lawk-Schule, wo die meisten Fächer in Kwak’wala unterrichtet werden.
Die ’Namgis haben über den Kampf um die Rückgabe ihres materiellen Erbes einen Weg gefunden, langsam zu ihrer Kultur „zurückzukehren“, ohne sich vom 21. Jahrhundert abzuschotten - einen Weg, der Perspektiven für die Zukunft eröffnet.

Die Autorin ist Mitarbeiterin von respect, dem Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung in Wien, sowie freie Wissenschafts- und Reisejournalistin.

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