Die Hexen sind zurück

In Uruguay nutzen feministische Kollektive zunehmend Kunst für ihre Proteste auf der Straße. Was diese Protestform besonders macht.

Von Milena Österreicher

Kunst und Aktivismus auf der Straße: Hier am 8. März 2020 in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo.© Eitan Abramovich / AFP / picturedesk.com

In Schwarz gekleidet, mit Blumenkranz im Haar, schreiben Frauen Wörter auf Papier: Machismo, Gewalt, Kirche – alles, was für sie mit dem Patriarchat verbunden ist. Danach kehren sie mit dem Besen die Zettel zu einem Haufen und zünden ihn an. Sie tanzen singend um das Feuer und verlesen ein Manifest, das mit den Worten endet: „Zittert, denn wir Hexen sind zurück.“

Es ist eine künstlerische Intervention des feministischen Kollektivs „Decidoras Desobedientes“ (übersetzt: „Ungehorsame Entscheidungsträgerinnen“) am 8. März 2019 in der uruguayischen Hauptstadt Montevideo.

Die Autorin und Literaturdozentin Yanina Vidal untersuchte diese und andere Aktionen für ihr Buch „Tiemblen: Las brujas hemos vuelto“ (übersetzt: „Zittert: Wir Hexen sind zurück“). 2019 erhielt die uruguayische Schriftstellerin dafür den nationalen Buchpreis.

Im Buch analysiert Vidal die Rolle, die Kunst im feministischen Aktivismus in Montevideo spielt. „Diese Art des Protests hat eine besondere Strahlkraft“, stellt sie fest. „Es ist nicht das Gleiche, irgendwo ein Plakat aufzuhängen oder ein paar Zettel zu verteilen, wie wenn 20 oder 30 Frauen zusammen eine Performance an belebten öffentlichen Plätzen machen.“

Seit es 2015 rund um den Weltfrauentag, dem 8. März, zu großen Demonstrationen kam, beobachtet die Autorin, wie immer mehr Kollektive sich für ihren Aktivismus der Kunst bedienen. Und in Zeiten von Corona bekommt diese Form des Engagements neue Bedeutung.

Gegen das Vergessen. 2015 war ein Schlüsseljahr für feministische Bewegungen in Lateinamerika: Brutale Fälle von Gewalt gegen Frauen schockten die Öffentlichkeit.

Darauf folgten Massenproteste in Argentinien, Uruguay, Chile und anderen Ländern, die unter dem Motto „Ni una menos“ (übersetzt: „Nicht eine weniger“) bekannt wurden. Zehntausende gingen auf die Straße, um gegen Frauenmorde – sogenannte Femizide – und die anhaltende Gewalt gegen Frauen zu protestieren.

Auch die Performance „La caída de las campanas” („Der Fall der Glocken”) unter der Leitung der uruguayischen Aktivistin Hekatherina Delgado entstand 2015 und wurde seither mehrmals wiederholt.

Nach einem Femizid versammeln sich die Performerinnen weiß gekleidet mit Glocken in der Hand an wichtigen Plätzen Montevideos.

Die Frauen läuten die Glocken, fallen zu Boden, stehen wieder auf. Immer und immer wieder. Der visualisierte Kampf gegen die Gewalt, die kein Ende zu nehmen scheint.

Artivismo. Rot gekleidet gehen zehn Schauspielerinnen schweigend in einer Reihe zu einem belebten Platz. Dort angekommen interpretieren sie Vorstellungen, die historisch über den weiblichen Körper geschaffen wurden: von der Körperhygiene zur Bewahrung der weiblichen Schönheit bis zur Gewalt am Frauenkörper. Die Aktion „Diez de cada diez“ („Zehn von zehn“), unter der Leitung von Valeria Píriz, ist ein weiteres Beispiel eines künstlerischen Protests.

Autorin Vidal dokumentiert die Aktionen und ordnet sie ein: „Durch Performances und Improvisationstheater auf der Straße besteht die Möglichkeit, kollektiv mit anderen Frauen auszudrücken, was schiefläuft, und gemeinsam zu trauern“, erklärt sie.

Vidal nennt diesen künstlerischen Zugang „Artivismo“, eine Kombination der spanischen Wörter für Kunst und Aktivismus.

Die andere Pandemie. Häusliche Gewalt gilt in Uruguay nach Diebstahl als das häufigste Verbrechen. Nur in wenigen Fällen werden die Täter verurteilt, die Straflosigkeit ist hoch.

Und während der Corona-Pandemie nimmt sie in vielen Ländern weiter zu. Deshalb machten Aktivistinnen in Lateinamerika am 25. November 2020, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, auf „die andere grassierende Pandemie“ aufmerksam.

Inmitten der Coronakrise samt Beschränkungen und Auflagen reduzierte sich zwar das öffentliche Leben, dennoch treffen sich laut Vidal verschiedene Kollektive zu den „Alertas Feministas“ (übersetzt: Feministische Warnungen) – nun eben mit entsprechendem physischem Abstand.

Eine behördlich angeordnete Ausgangssperre gab es im südamerikanischen Land bisher keine. Die Frauen kommen zusammen und verlesen die Namen der Ermordeten.

Weltweite Protestform. Den Artivismo der Kollektive beschreibt Literaturdozentin Vidal als besonders zugänglich: „Es ist weder theoretisches Wissen nötig, um ihn zu verstehen, noch braucht es einen Willen zur Radikalität, um mitzumachen.“

So funktioniere das jedenfalls bei den Frauen von Decidoras Desobedientes,  einer heterogenen Gruppe von 20- bis über 80-Jährigen mit verschiedensten Berufen. „Viele von ihnen hatten sich noch nie zuvor mit Theater oder Performances auseinandergesetzt.“

Doch nicht nur in Uruguay werden feministische Anliegen visuell und performativ in die Praxis übertragen: Die künstlerische Aktion „Un violador en tu camino“ („Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“) der chilenischen Gruppe „Las Tesis“ (Die Thesen) wurde weltweit nachgeahmt. Im Dezember 2019 versammelten sich dafür auch in Wien rund hundert Frauen.

„Es war nicht meine Schuld, egal wo ich war, egal wie ich angezogen war“, rufen dabei die Frauen mit verbundenen Augen, stampfen mit den Füßen auf den Boden und zeigen mit ausgestrecktem Arm auf einen imaginären Täter: „Der Vergewaltiger bist du!“

Vidal betont: „Diese Art von Aktionen entstehen aus einer Not heraus. Denn sie töten uns, sie vergewaltigen uns und wir ertragen dieses archaische Niveau an Gewalt nicht mehr“, so die Schriftstellerin.

Daher habe sich für viele Kunst in ein Werkzeug verwandelt, das erlaubt zu handeln: hier und jetzt.

Milena Österreicher ist freie Journalistin und Übersetzerin für Spanisch und Portugiesisch.

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