Die kämpferische Analytikerin

Chinma George beobachtet mit Sorge, wie sich Klima und Umwelt in Afrika verändern. Als Forscherin sammelt sie Fakten zur Klimakrise und berät nigerianische Behörden.

Von Katrin Gänsler, Lagos

© Katrin Gänsler

Als Treffpunkt hat Chinma George das Lekki Conservation Centre (LCC) ausgewählt. Es liegt im Süden der nigerianischen Megacity Lagos, wo der normale Alltagswahnsinn der Stadt noch nicht andauernd spürbar ist. Stattdessen ist es eine der wenigen grünen Oasen, wo Affen und Vögel beobachtet werden können, es verschiedene Picknickplätze und den längsten Baumkronenpfad Afrikas gibt.

Wenn ihr Lagos, der hektische, laute und immerzu verstopfte Moloch, zu viel wird, findet sie im LCC Ruhe. Vor allem unter der Woche kommen nur wenige BesucherInnen.

„Ich kümmere mich leidenschaftlich um die Umwelt“, sagt die 32-Jährige, die ihr klimapolitisches Engagement zum Beruf gemacht hat. Sie forscht an der Universität von Lagos zu grüner Technologie und berät Behörden und Organisationen zu Klimaschutzfragen.

In Lagos hat George die meiste Zeit ihres Lebens verbracht. „Es ist mein Zuhause. Als Kind sind wir an den Sonntagen oft an den Strand gefahren. Kürzlich war ich wieder dort. Doch die Veränderungen waren enorm.“

Für den Wandel in der Megacity sind nicht nur riesige Bauvorhaben sowie der enorme Bevölkerungsanstieg verantwortlich. Die Landesregierung schätzte 2017, dass täglich 6.000 Menschen in die Stadt ziehen. Auch die Klimakrise macht sich überall bemerkbar. Falsch geplante Straßen sind bei Regen ständig überspült. Durch Starkregen fällt mitunter an einem Tag so viel Regen wie sonst in einem Monat. Vielerorts holt sich das Meer den Strand, der so immer schmaler wird. An Orten wie Alpha Beach sind mittlerweile halbe Häuser weggespült worden. Ganze Straßenzüge fehlen. An die einstigen BewohnerInnen erinnern nur noch Ruinen. „Auf den Fotos, die ich aus meiner Kindheit habe, sieht alles noch ganz anders aus.“

Verwundbares Afrika. Diese Beobachtungen treiben die Klimaforscherin ebenso an wie die Entwicklungen in Nigerias Ölregion, dem Nigerdelta. „Die Region ist eine der am wenigsten entwickelten im Land. Die Ungleichheit ist groß, und die BewohnerInnen haben keinen Nutzen vom Öl und Gas. Andererseits sind die Einnahmen wichtig für das Staatsbudget.“

George klingt dabei nicht anklagend oder wütend, viel mehr wie eine Analytikerin. Sie ist nüchtern und argumentiert sachlich. Wenn sie spricht, wird sie weder laut noch wirkt sie emotional. George sieht sich als Beraterin, die AkteurInnen zusammenbringt, weniger als Aktivistin.

So tritt sie auch auf nationalen und internationalen Konferenzen auf. 2016 gehörte sie der nigerianischen Delegation auf der Weltklimakonferenz COP 22 in Marrakesch an. Vor allem bei internationalen Treffen stellt sie häufig u.a. fest: „Es ist mittlerweile bekannt, wie verwundbar Afrika ist.“ Um der Klimakrise wirklich etwas entgegenzusetzen, zählt ihrer Meinung nach vor allem eins: Geld. George lacht kurz auf. „Das ist nicht nur in Nigeria so, sondern überall auf der Welt. Die Ironie ist doch, dass Geld der Grund für den Klimawandel ist. Gleichzeitig ist Geld der Anstoß, um etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen.“

Nigeria hatte seinen Weckruf bereits 2012, als durch Überschwemmungen mindestens 363 Menschen starben und mehr als 2,1 Millionen obdachlos wurden. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) war es die schlimmste Flut in Afrika der vergangenen 50 Jahre. Weite Teile des Landes waren davon betroffen. „Das hat gezeigt, wie katastrophal die Auswirkungen sein können. Dämme sind gebrochen. Wegen des Regens war der Öl- und Gassektor einige Tage lahmgelegt.“

George schätzt, dass die Schäden 16 Milliarden US-Dollar betragen haben. Ob die Regierung von Präsident Muhammadu Buhari daraus gelernt hat? Die Umweltberaterin lächelt. „Der Präsident spricht viel darüber. 2015 (im Jahr der Wahlen, Anm.) gehörte der Kampf gegen den Klimawandel zu den Top-Prioritäten.“ Besonders viel sei seitdem aber nicht passiert. In Lagos werden noch immer Häuser zu dicht an der Küste gebaut. Vor zwei Jahren verloren bei Überschwemmungen im Bundesstaat Benue mehr als 100.000 Menschen ihre Häuser. „Der Effekt muss extrem drastisch sein, damit es ernst genommen wird“, sagt George.

Das hört sich nicht frustriert an, sondern analytisch und ein wenig kämpferisch zugleich. Ganz klar: Sie wird weitermachen im Kampf gegen die Klimakrise.

Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien in Westafrika und lebt in Cotonou/Benin und Abuja/Nigeria.

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