Die Karriere einer Ackerfrucht

Jahrtausendealte Geschichte des Mais. Als Mythos und Grundnahrungsmittel lebt er bis heute, mit dem Kolonialismus verbreitete er sich weltweit, als technisch hochgezüchtete Ackerfrucht ist er zum meistangebauten Getreide geworden. Wer profitiert davon?

Von Brigitte Pilz

© Ulrike Leone / Pixabay

Die wahrhaften Menschen sind aus Mais gemacht. Das wird im Ursprungsmythos der Maya erzählt. Zuvor haben die Götter mit Gold und Holz experimentiert. Doch die Goldmenschen beuteten jene aus Holz aus. Erst die Männer und Frauen aus Mais wiesen den richtigen Weg für alle Menschen.

„Hombres de maíz“ („Menschen aus Mais“) nennen sich die Maya bis heute. Bei allen Indios wurden Maisgottheiten verehrt und in Skulpturen und Abbildungen verewigt – Ausdruck dafür, dass Mais bereits jahrtausendelang Lebensgrundlage ist.

In den 1940er Jahren haben ArchäologInnen in Höhlen im Süden Mexikos prähistorische Maisreste, kleine 2,5 cm lange Kolben, gefunden, die aus der Zeit von etwa 4.000 v. Chr. stammen. Mittlerweile weiß man, dass der wilde Vorfahr des Mais das Wildgras Teosinte ist. Es wurde von den nomadisch lebenden Völkern gesammelt und getrocknet. Wie in anderen Regionen der Erde sind die Menschen mit dem Anbau von Getreide sesshaft geworden. Der Ertrag der Ackerfrüchte stieg und konnte eine größere Anzahl von Familien ernähren. Die Wissenschaft nimmt an, dass die Grundlage für die Hochkulturen der Maya, Azteken, Inka und Tolteken die Kultivierung und Züchtung von Mais war.

Zeitsprung in die Gegenwart: Noch immer ist Mais in Mittelamerika Grundnahrungsmittel, auch in einigen Ländern Subsahara-Afrikas. Als menschliche Nahrung allein wäre Mais aber nicht zum global meistangebauten Getreide geworden. Die Liste der Verwendungen und Weiterverarbeitungen ist lang. Damit stellen sich Fragen wie: Wer baut wofür Mais an, mit welchem Nutzen für wen? Für eine nachhaltige Zukunft sollte im Auge behalten werden: Wie kann dieses Getreide einen positiven Beitrag zur Welternährung und zu einer gerechten Entwicklung leisten?

Mais-Expansionen. Unser heutiger Kulturmais kann sich ohne menschliche Hilfe nicht fortpflanzen, worin Martina Kaller-Dietrich in ihrem Buch „Mais – Ernährung und Kolonialismus“ aus 2001 eine der größten Domestizierungsleistungen des Menschen sieht.

Sie und andere HistorikerInnen zeichneten den Weg nach, den diese Ackerfrucht mit den spanischen und portugiesischen Expansionen ab dem 15. Jahrhundert genommen hat. Mais ist aus der Geschichte der Kolonialisierung nicht wegzudenken. Er war zwar nie glamourös wie Kaffee oder Zucker, wurde aber in Europa bereits ab dem 16. Jahrhundert angebaut und diente vorerst der Ernährung der ärmeren Bevölkerung. Sobald die GrundbesitzerInnen erkannten, dass mit Mais gute Erträge zu erzielen waren, begann man, ihn in Monokulturen und für den Handel anzubauen.

Auch in Afrika, auf den portugiesischen Schiffen und später den Plantagen in Amerika wurde Mais als Nahrung für versklavte Menschen genutzt. Als die Einwanderung von Europa nach Nordamerika einsetzte, war Maisanbau bereits weit verbreitet. Die Siedlerfamilien nannten den Mais „corn“. Er wurde neben dem Fleisch aus der Viehzucht zur Ernährungsgrundlage der Pioniere. Die Staaten des Mittleren Westens entwickelten sich zum sogenannten „corn belt“, dem Maisgürtel der USA.

Intensive Forschung. Viel wurde im Laufe der Jahrhunderte an dieser „Pflanze der Götter“ – wie sie von den Indios bezeichnet wurde – geforscht und ausprobiert, weltweit und für unterschiedlichste klimatische Gegebenheiten und Bedürfnisse. Zahlreiche Varietäten entstanden.

Die Entwicklung beschleunigte sich im 20. Jahrhundert. Ab den 1930er Jahren sorgten Maishybride und seit 1996 der Gentech-Mais für enorme Ertragssteigerungen, begleitet von erbitterten Auseinandersetzungen um Für und Wider. Dabei geht es nicht nur um eine Diskussion darüber, ob Gentech-Pflanzen der natürlichen Umwelt, einer vielfältigen Flora und Fauna zuträglich sind und ob sie die Gesundheit des Menschen gefährden. Gentechnologie ganz allgemein ist verbunden mit agroindustrieller Landwirtschaft inklusive Monokultur, die die Bodenerosion beschleunigt. Sie bewirkt auch das Zurückdrängen einer regional strukturierten Produktion von Nahrungsmitteln.

In den USA wachsen inzwischen auf 92 Prozent aller Maisfelder gentechnisch veränderte Pflanzen. (Bei Sojabohnen sind es 94 Prozent.) Auch in Kanada, Brasilien, Argentinien und anderen Ländern Südamerikas ist Gentech-Mais weit verbreitet. Er enthält zum Beispiel ein künstlich eingefügtes Gen, das ihn gegen Schädlingsbefall wie die Larven des für ihn gefährlichen Maiszünslers schützt und dadurch kein Pestizid nötig ist. Ein anderes Gen kann die Pflanze gegen das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat (Handelsname: Roundup) widerstandsfähig machen.

Gentechnologie könne, so ein Argument der Pro-Lobby, durch höhere Ernteerträge und einfacheren Anbau ein wirksames Mittel gegen wachsenden Hunger in der Welt sein. Die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO sieht in der Gentechnik keine Hilfe bei der Hungerbekämpfung. Vielmehr sei ein mehrdimensionaler Ansatz in Forschung, Landwirtschaft, Gemeindestruktur etc. notwendig. Das heißt, spezifische Aktivitäten sollten für die jeweilige regionale und politische Situation entwickelt und zu einer Strategie zusammengefügt werden.

Das ist nicht im Sinne von Agromultis. Ihr Ziel ist bekanntermaßen Gewinnmaximierung und weniger das Wohl von kleinen Bauernfamilien und FarmarbeiterInnen.

Machtfaktor Monsanto. Auf den Saatgutkonzern Monsanto – 2018 vom Pharmakonzern Bayer gekauft – gehen laut Greenpeace 90 Prozent aller Gentech-Pflanzen zurück. Er ist bereits viele Jahre lang Ziel von weltweiten Protesten.

Beispiel USA: Hier sind Tausende Klagen anhängig. Speziell das Unkrautvernichtungsmittel Roundup,  das beim Anbau von Gentech-Pflanzen angewendet wird, steht im Verdacht, Krebs zu erregen.

Monsanto habe in Werbung und auf Etiketten den Eindruck erweckt, es handle sich hier um ein harmloses Produkt. Nachdem Bayer in drei Fällen zur Zahlung von Millionen US-Dollar Schadenersatz verurteilt worden ist, versucht das Unternehmen, einen Pauschalvergleich zu erzielen.

Agroindustrie in Montana, USA: Ernte von Silomais.© Chuck Haney / Danita Delimont / picturedesk.com

Beispiel Chile: In Fabriken südlich der Hauptstadt Santiago wird in großem Stil gentechnisch verändertes Saatgut produziert – für Gemüse, Mais, Soja und Raps. Ausweitungen in der Gemeinde Paine sind geplant. „Hier entsteht gerade die größte Saatgut-Fabrik Lateinamerikas“, sagt die Sprecherin der Initiative zur Verteidigung von Paine, Camila Olavarría, in einem Interview mit der Deutschen Welle im Mai 2019.

Die Bevölkerung fürchtet die Verunreinigung ihres lokalen Saatguts durch gentechnisch veränderte Pflanzen und gesundheitliche Schäden. „Die Bauern bekommen das Saatgut zusammen mit einem Produkt-Paket von giftigen Pestiziden wie Roundup.“ Sie werden mit dem Versprechen von mehr Gewinn gelockt, doch die Kosten sind letztlich höher. Krebserkrankungen, Fehlgeburten und fatale Fehlbildungen bei Neugeborenen hätten zugenommen. Offizielle Studien über Zusammenhänge gibt es noch nicht. Die Initiative zur Verteidigung von Paine will weitermachen und auch dies klären.

Beispiel Mexiko: Eine breite Protestbewegung gegen Gentechnologie hat gerade eine Niederlage einstecken müssen. Das Netzwerk aus indigenen und kleinbäuerlichen Organisationen sowie WissenschaftlerInnen kämpft gegen die Genehmigungen großflächigen agroindustriellen Anbaus von Gentech-Mais. Man sieht die genetische Vielfalt in Gefahr, gibt es im Land doch über 60 traditionell entwickelte und an verschiedene regionale Standorte angepasste Maissorten. Die Übertragung von Gentech-Mais durch Pollenflug, Vermischung bei Lagerung und Transport etc. sei praktisch nicht zu verhindern.

Im April berichtete der alternative „Nachrichtenpool Lateinamerika“ von der Verabschiedung eines nationalen Gesetzes, das im Wesentlichen die Abgrenzung geografischer Zonen erlaubt, die für den Anbau heimischer Maissorten reserviert ist. Bayer-Monsanto und andere Saatgutmultis, die jahrelang intensive Lobbyarbeit betrieben haben, jubeln und loben das Gesetz zum „Schutz des einheimischen Mais“. In Wahrheit handelt es sich nur um jene Zonen, in denen KleinbäuerInnen leben, und an denen die Agroindustrie nicht interessiert ist. Der Rest der Anbauflächen ist damit für die Aussaat gentechnisch veränderten Saatgutes freigegeben.

Verbote in EU-Ländern. Die EU verfolgt in Sachen Gentechnik eine zweischneidige Politik. Es gelten strenge Zulassungsregeln für gentechnisch veränderte Organismen. Bezüglich Mais sind etliche Sorten für den Import als Futtermittel erlaubt. Die europäische Landwirtschaft ist in großem Ausmaß von diesen Importen abhängig, der aus Ländern kommt, wo die Grüne Gentechnik ganz selbstverständlich ist.

In der EU angebaut werden darf laut Gentechnik-Verordnung nur die Sorte MON 810. Spanien ist diesbezüglich europäischer Spitzenreiter. EU-Länder können den Anbau verbieten, so geschehen in Deutschland und Österreich. Ausbringungen etwa von Genmais in Feldversuchen von privaten oder staatlichen Forschungseinrichtungen sind hierzulande von den zuständigen Ministerien zu genehmigen. Derzeit gibt es laut EU-Gentechnikkommission keine entsprechenden Anträge.

Tortilla-Krise. Von der Wissenschaft werden global 50.000 Maissorten gelistet. Sie unterscheiden sich in Farbe, Gestalt, Größe der Körner und Beschaffenheit des Endosperms, das ist das Nährgewebe der Samen, welches den Keimling umgibt.

Wenngleich großflächig letztlich nur wenige Sorten angebaut werden, lässt sich Mais wegen der unterschiedlichen Beschaffenheit vielfältig verwenden. Mais ist heute in zahlreichen Lebensmitteln und anderen Produkten enthalten. Nicht zu vergessen das Maisstroh. Im Andengebiet werden daraus Teppiche gewebt, Taschen oder die Sohlen von Espandrillos. All dies verbraucht nur einen geringen Teil der Ernte. Der weit größere Anteil wird als Futtermittel verwendet und zu Biotreibstoff verarbeitet (siehe Beitrag zu Wirtschaft auf Seite 32).

Die Konkurrenz zwischen Tank, Trog und Teller kann sich zuungunsten jener entwickeln, die den Mais als Lebensmittel benötigen. Im Jahr 2007 war binnen eines halben Jahres in Mexiko der Mais-Preis auf das Doppelte gestiegen. Die USA hatten den Kraftstoff Bioethanol aus Mais für sich entdeckt. Dies ließ den Weltmarktpreis schlagartig steigen, zum Nachteil der Maisimporteure wie Mexiko. Die Menschen gingen in Massen auf die Straßen, was als Tortilla-Krise bekannt wurde. Die Regierung setzte mit zollfreien Importen auf eine kurzfristige Erleichterung.

Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in Afrika und Asien. Es werden vermehrt Pflanzen – neben Mais etwa Ölpalmen – großflächig zur Befriedigung der steigenden Nachfrage nach Biokraftstoffen angebaut. Und zu einem noch viel größeren Anteil werden sie zur Befriedigung des steigenden Fleischhungers eingesetzt.

Die „Pflanze der Götter“ ist in der Hand der Menschen mutiert, nicht nur durch die Gentechnik in ihrer inneren Struktur. Sie ist ökonomischer Zankapfel geworden, Objekt von Spekulationsbegierden, technischer Lösungsansatz für politische und gesellschaftliche Aufgaben. Und ja, sie ist nach wie vor Grundnahrungsmittel für 900 Millionen Menschen.

Brigitte Pilz ist freie Journalistin und Herausgebervertreterin des Südwind-Magazins.

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