Die Kraft der Praxis

Von Irmgard Kirchner ·

Eine andere Welt ist möglich“, war einer der wichtigsten Slogans des Weltsozialforums, das Anfang Februar im brasilianischen Porto Alegre zu Ende ging. Schon zum zweiten Mal trafen sich dort VertreterInnen sozialer Bewegungen aus aller Welt. Diesmal waren es 60.000. Die GlobalisierungskritikerInnen sind zu einer ernst zu nehmenden und auch ernst genommenen politischen Kraft geworden. Wogegen sie sind, kommt deutlich zum Ausdruck: gegen Neoliberalismus und Krieg (insbesondere gegen den „permanenten globalen Krieg“, den die USA in Gestalt ihres „Krieges gegen den Terrorismus“ erklärt haben); gegen die Konzentration von Reichtum und die Ausdehnung der Armut und gegen die Zerstörung der Erde.
Und wofür treten sie ein? Angesichts des Auseinanderklaffens von Wünschbarem und Realität mache man sich mit der Formulierung einer großen Utopie fast lächerlich, meint dazu der deutsche Politologe Claus Leggewie in der Berliner tageszeitung taz. Und die Suche nach ihr lähme den Geist, meint der britische Autor Jeremy Seabrook in seinem Beitrag auf den folgenden Thema-Seiten, die wir von unserer Partner-Zeitschrift New Internationalist übernommen haben. Denn die eigentliche Kraft der globalisierungskritischen Bewegung sei die gelebte Praxis.

Heftig diskutiert wurde in Porto Alegre auch, wie die eigenen Inhalte in die Politik eingebracht werden können. Etwa durch ein Weltparlament, das George Monbiot auf Seite 30 vorstellt? Besonders spannend ist, dass GlobalisierungskriterInnen auf der lokalen, der staatlichen und der globalen Ebene gleichzeitig agieren. Die geforderte „Deglobalisierung“ kann kein romantischer Rückzug ins „Einheimische“ sein, sie braucht zu ihrer Durchsetzung eine neue Weltordnung und einen Denkhorizont, der sich über den ganzen Globus erstreckt. Der Diskussionsbedarf ist enorm, die bei Gelegenheiten wie Porto Alegre gezeigte Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung untereinander macht Hoffnung.
Hoffnung darauf, dass die Humanisierung der Ökonomie gelingt und die Menschen sie nicht als beherrschende Kraft, sondern als Mittel, ihre Bedürfnisse zu befriedigen,
erleben.

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