Die stille Gefahr

Von Ralf Leonhard ·

Indigene Bewegungen überzeugen durch ihre moralische Stärke und genießen Rückendeckung von internationalen Solidaritätsbewegungen. Das macht sie für bestimmte Interessen so gefährlich, meint

Mit den amerikanischen UreinwohnerInnen hatten die vom Pioniergedanken getriebenen Weißen in den USA immer schon ihre Probleme. Nachdem die eigenen Native Americans aus ihren Jagdgründen vertrieben und die demoralisierten Überlebenden in Reservaten untergebracht wurden, machen sich die Strategen in Washington jetzt Sorgen über indianische Völker im Süden.

In seinem Bericht ”Globale Tendenzen 2015“ bringt der Nationale Sicherheitsrat seine Besorgnis über das Erstarken indianischer Bewegungen zum Ausdruck. Das Dachorgan des Weißen Hauses für die Planung und Koordinierung der Außen-, Militär- und Sicherheitspolitik klagt in seinem im letzten Dezember veröffentlichten Dokument: ”Diese Bewegungen haben großen Zuwachs zu verzeichnen. Erleichtert wird dies durch transnationale Netzwerke von AktivistInnen, die für die Rechte der Indígenas eintreten, durch internationale, gut Wnanzierte Menschenrechts- und Ökologiegruppen.“

Die Leute haben zweifellos recht: Keine politische Partei oder bewaffnete Bewegung rüttelt in vergleichbarem Ausmaß an den Grundfesten der politischen Macht und der geheiligten Wirtschaftsordnung. Einer Ordnung, in der offenbar der Einsatz für Umwelt und Menschenrechte als subversiv eingestuft wird.

Wer im vergangenen März beobachten konnte, mit welcher Begeisterung die Anführer der Zapatisten auf ihrem Marsch in die Hauptstadt begleitet und in allen Stationen empfangen wurden, der kann zumindest nachvollziehen, dass die Repräsentanten der althergebrachten Ordnung eine solche Bewegung als Bedrohung empfinden.

In Ecuador waren die indigenen Organisationen die treibende Kraft der Protestbewegung, die im Jänner des Vorjahres Präsident Jamil Mahuad stürzte, und zu Beginn dieses Jahres konnten sie durch neuerliche Straßenblockaden und Märsche zumindest die teilweise Rücknahme eines Anpassungspakets durchsetzen, das die Sanierung betrügerischer Finanzunternehmer auf Kosten der Armen zum Ziel hatte.

Die Mapuches in Chile haben sich mit wechselndem Erfolg gegen ein Staudammprojekt zur Wehr gesetzt, das vom Energiehaushalt her nicht gebraucht wird, dessen Auswirkungen auf Umwelt und Bevölkerung aber katastrophal gewesen wären. Die Mapuches hätten bei ihren Protesten zum zivilen Ungehorsam und Gesetzesbruch aufgefordert, heißt es tadelnd in einem Dokument des chilenischen Zentrums für militärische Studien und Forschungen, auf das sich der Nationale Sicherheitsrat beruft.

Indigene Völker sind folglich dann nützlich, wenn sie sich manipulieren lassen und gefährlich, wenn sie ihre eigenen Interessen verfolgen.

Dass die indianischen Bewegungen in den letzten Jahren an Stärke gewonnen haben, liegt vor allem an ihrer moralischen Kraft. Die Zapatisten überzeugen nicht durch ihre militärische Schlagkraft. Seit den Jännertagen 1994 haben sie keinen Schuss mehr gegen Regierungstruppen abgefeuert. Doch die Berechtigung ihrer Forderungen wird weit über die mexikanischen Grenzen hinaus anerkannt. Ohne weltweit vernetzte Solidaritätsbewegung wäre das Problem längst militärisch erledigt worden. So wurde Chiapas binnen kürzester Zeit zum Symbol indianischer Emanzipation.

Die Aufstände in Ecuador verliefen weitgehend unblutig, weil die Motive allgemein als gerecht anerkannt wurden und auch die Armee nicht für die Interessen der Finanzoligarchie töten wollte.

Die traditionelle Linke Lateinamerikas konnte mit den Forderungen ethnischer Minderheiten wenig anfangen. Sie widersprachen dem Modell des zentralistischen Einheitsstaates. Ihre Philosophie wurde als rückschrittlich beurteilt, weil sie dem Modernisierungsgedanken entgegen stand.

Inzwischen ist die Linke weniger dogmatisch und ökologischer geworden. Sie hat gelernt, dass ethnische Vielfalt kein Widerspruch zur staatlichen Einheit sein muss. Vielmehr zeigt sich immer deutlicher, dass die Kapitalismuskritik der indigenen Völker viel aktueller und moderner ist als jene der Parteien, die sich als ”links“ definieren. Ihr Verhältnis zur Natur, das auf langfristige Bewahrung der Umwelt ausgerichtet ist, steht im Widerspruch zum kurzfristigen Gewinnstreben, das noch immer die wichtigste Antriebskraft lateinamerikanischer UnternehmerInnen ist. Indianisch geprägte Parteien stehen in der Regel links der Sozialdemokratie.

Es ist diese Allianz zwischen den antikapitalistischen Kräften und den indigenen Bewegungen, die den Geheimdiensten Sorgen bereitet. Deren Warnungen haben angesichts von Klimawandel und zunehmenden Verheerungen durch menschengemachte Umweltkatastrophen an Überzeugungskraft gewonnen. In Washington wird schließlich immer noch für die kurzfristigen Interessen der US-amerikanischen Konzerne regiert. Die fühlen sich bedroht. George W. Bush ist es zu danken, dass dieser Gegensatz jetzt deutlich angesprochen wurde.

Der Autor ist freier Journalist, Lateinamerikaexperte, regelmäßiger SÜDWIND-Mitarbeiter und Österreichkorrespondent der Berliner Tageszeitung „taz“.

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