„Die Welt der Männer gilt mehr“

Die Literaturkritikerin Claudia Kramatschek im Gespräch über die Rolle von Frauen in der Literatur des globalen Südens.

Frauen sind in der Literatur allgemein unterrepräsentiert, auch was übersetzte Werke angeht. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Die hätte ich gerne. Ich kann zunächst nur feststellen, dass es sowohl auf dem deutschen als auch internationalen Buchmarkt geschlechtsspezifische Ungleichheitsverhältnisse gibt. Auch auf den globalen Süden bezogen werden weniger Romane von Autorinnen verlegt. Das betrifft nicht nur Übersetzungen ins Deutsche. In England beispielsweise stammen nur 30 Prozent der übersetzten belletristischen Titel von Autorinnen.

In den Feuilletons wiederum werden weniger Bücher von Frauen besprochen, ihre Wahrnehmung dünnt sich also erneut aus. Ein großes Problem ist auch heute noch, dass ein Roman aus der Feder einer Frau als Frauenroman gilt, also geschlechtsspezifisch konnotiert ist. Der Roman eines Mannes gilt hingegen als universell, er wird als allgemeingültig wahrgenommen.

Schreiben Frauen denn anders als Männer?

Mit dieser Frage beschäftigt sich die Literaturwissenschaft schon seit langer Zeit. Ich glaube nicht, dass Frauen stilistisch anders schreiben. Vor allem die jüngere Generation würde sich gar nicht darauf festlegen wollen, als Frau zu schreiben.

Ich glaube aber schon, dass Frauen über andere Themen, andere Gegenstände schreiben. Und natürlich schreiben sie aus der Sicht einer Frau, und das unterscheidet sich davon, die Welt aus der Sicht eines Mannes zu beschreiben.

Welche Unterschiede im Schreiben von Frauen und Männern sehen Sie konkret?

Ohne auf empirische Studien zurückgreifen zu können, wenden sich Frauen meiner Wahrnehmung nach häufiger dem intimen, häuslichen Radius, der Welt im Kleinen zu. Das meine ich nicht abwertend, aufgrund von Rollenzuschreibungen haben Frauen mit dieser kleinen Welt oft mehr zu tun als Männer. Aber bei der Beurteilung kommen dann wiederum Rollenzuschreibungen ins Spiel. Wenn eine Frau das Familienleben oder den Alltag einer Mutter beschreibt, heißt es oft: Wen interessiert denn das?

Da sind wir wieder bei dem Punkt, dass die Welt der Männer, die Literatur der Männer mehr gilt als die Welt der Frauen. Ein gutes Beispiel ist der Roman „Tarlan“ der iranischen Schriftstellerin Faribā Vafī, der die Geschichte einer weiblichen Emanzipation erzählt.

Der Roman handelt von der jungen Frau Tarlan, die gerne Schriftstellerin werden will ...

… aber es werden an sie ganz andere Erwartungen gestellt, sie soll heiraten. Um sich in ihrem Umfeld zu behaupten und um diesen Erwartungen etwas entgegenzusetzen, entscheidet sie sich, Polizistin zu werden. Sie geht also durch die härteste Schule, die man sich vorstellen kann. Aber ausgerechnet in dieser harten Polizeischule nimmt sie ihr Tagebuch zur Hand und beginnt doch zu schreiben.

Tarlan bedeutet übrigens Falke. Das ist also schon ein Hinweis auf eine Person, die frei sein will, die ihre Flügel ausbreitet. Man kann diese Figur auch als ein Alter Ego der Schriftstellerin Faribā Vafī sehen, die im Iran sehr geschätzt wird, aber dennoch auf keine Weise konform mit dem politischen System geht, unter dem sie lebt.

Für ihr Buch hat Faribā Vafī im Vorjahr den LiBeraturpreis erhalten, der sich speziell an Frauen aus Ländern des globalen Südens richtet. Was hat der Preis seit seiner Gründung vor bald 30 Jahren bewirkt?

Der LiBeraturpreis hat mit der Zeit internationale Strahlkraft erlangt, auch für die Preisträgerinnen. Das zeigt das Beispiel Faribā Vafī eindrücklich. Wenige Tage nach der Bekanntgabe, dass sie den Preis bekommen würde, sind ihre Verkaufszahlen im Iran sprunghaft angestiegen.

Aber dass so ein Preis, der für Frauen aus Afrika, Asien und Lateinamerika konzipiert ist, heute immer noch nötig ist, darüber kann man eigentlich nur den Kopf schütteln.

In den vergangenen Jahren sind einige viel beachtete, qualitativ hochwertige Bücher von Autorinnen erschienen. Man denke nur an Chimamanda Ngozi Adichie mit „Americanah“ oder an Taiye Selasi mit „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“. Beide gelten als „Afropolitans“, als Kosmopolitinnen mit afrikanischen Wurzeln. Ändert sich die Wahrnehmung von Frauen im Literaturbetrieb durch solche Erfolge?

Das kann ich nur hoffen, und ich vermute auch, dass dies geschieht. Adichie und Selasi sind geradezu Lichtgestalten dieser neuen Literatur von Frauen aus dem globalen Süden. Beide sind grandiose Autorinnen und sehr kosmopolitisch. Das schlägt sich auch in der Auswahl ihrer Themen und ihres Stils nieder, bei beiden finden wir gekreuzte Blicke, einen Mix aus der westlichen Welt und Afrika.

Die große Aufmerksamkeit für die beiden Autorinnen hat durchaus dazu geführt, dass man auf dem hiesigen Buchmarkt auf der Suche nach ähnlichen Autorinnen ist. Dazu zählen etwa Yaa Gyasi mit ihrem Roman „Heimkehren“ über den Sklavenhandel. Oder auch Yvonne Adhiambo Owuor mit dem Buch „Der Ort, an dem die Reise endet“, das die jüngere kenianische Geschichte thematisiert.

Das sind ohne Zweifel Romane, die viel Publicity erhalten haben. Es fällt jedoch auf, dass sich in den großen Verlagen nicht nur die übersetzten Sprachen, sondern auch Stile und Romanstrukturen häufig ähneln. Sind Verlage nur dazu bereit, aus dem globalen Süden möglichst risikoarme Belletristik zu veröffentlichen?

Man muss schon genau hinschauen, ob das nicht doch wieder nur eine neue Mode ist und vielleicht auch etwas mit dem sogenannten positiven Rassismus zu tun hat. Diese Autorinnen sind alle sehr fotogen und extrem gut vermarktbar.

Das hat also zwei Seiten. Große Namen dienen als Türöffner für Frauen aus dem globalen Süden, aber die großen Verlage stürzen sich auf ähnliche, gut vermarktbare Autorinnen.

Zu wünschen wäre, dass in deren Windschatten auch Literatur von Frauen ins Blickfeld geraten würde, die nicht auf Englisch schreiben, etwas stärker lokal verankert sind und sich stilistisch von den hiesigen Lesegewohnheiten absetzen. Diese Aufgabe übernehmen zum Glück noch immer die kleinen Verlage. Es ist aber nach wie vor schwierig, dafür ein größeres Publikum zu gewinnen.

Welche Auswirkungen hätte es, würden mehr Frauen verlegt?

Adichie hat das in ihrem Manifest „Mehr Feminismus“ schlicht erwähnt: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung sind Frauen. Das schlägt sich aber eben überhaupt nicht in der Literatur nieder, außer in der Tatsache, dass Frauen die maßgebliche LeserInnenschaft, das heißt die Käuferinnen auf dem Buchmarkt stellen. Würden mehr Bücher von Frauen veröffentlicht, könnten wir mehr Geschichten aus deren unterschiedlichen Lebenswelten, zum Beispiel auch aus dem globalen Süden erfahren. Wir würden mehr Gemeinsamkeiten entdecken und die bestehenden Unterschiede verstehen. 

Interview: Tobias Lambert

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