Die Wüste lehrt

Von Werner Hörtner ·

Schauplatz Marokko: Auf einer Wanderung durch die Wüste hat man viel Zeit zum Denken und Plaudern. Etwa über den Reformschub, den der modernisierende Monarch dem alaouitischen Königreich verschreibt.

Was bringt eine Gruppe von MitteleuropäerInnen dazu, freiwillig acht Tage lang die Wüste zu durchwandern? Ist es simple Lust auf neue Erfahrungen, die die großteils Himalaya-erprobten Weitwandersleute neue Gegenstände der Begierde suchen lässt? Die Erfüllung eines Kindheitstraumes? Die Mundpropaganda begeisterter Wüstenstrolche?
Meistens noch vor dem Sonnenaufgang schälen sich mann und frau aus dem Schlafsack, kriechen aus dem Zelt hinaus in die wüstenfrische Morgenluft. Abbauen der Zelte, Frühstück, Vorstellen der Tagesetappe durch Berg- und Wüstenführer Mustafa – und los geht es, hinaus in die Weite, die jeden Tag mehr und mehr die Erinnerung an heimische Begrenzungen auslöscht.
Die Wüste lebt: Unter diesem programmatischen Titel brachte das Disney-Imperium schon 1953 diesen Klassiker der Tier- und Naturfilme auf den Markt. Zeichner und Regisseur James Algar drehte mit dieser Produktion eine fantastische Entdeckungsreise durch die Welt der Kargheit und hat damit wohl das Wüstenbild von vielen von uns seit der Kindheit geprägt. Allein die Vorstellung, dass sich Sand und Felsen mit etwas Wasser rasch in einen blühenden Garten verwandeln, hat sich in der Sahara nicht bewahrheitet. Vier Nächte lang prasseln mit in dieser Gegend jahrelang nicht erlebter Beharrlichkeit die Regentropfen auf unsere Zeltdächer, doch die Wüstenvegetation hält sich in ihren sparsamen Grenzen. Bei der blühenden Wüste hat Disney wohl in den Studios etwas nachgeholfen …
Aber in anderer Hinsicht zeigt sich die Wüste sehr lebendig: Wo immer wir auch auftauchen und eine Mittagspause einlegen oder das Nachtlager aufschlagen: Binnen weniger Minuten tauchen wie aus dem Nichts Mädchen und Buben auf, oft noch kleine Kinder, hocken sich am Rande des Lagers nieder und bieten stumm und unaufdringlich ihre Habseligkeiten an. Vor allem Fossilien, Stein gewordene Attraktionen aus 600 Millionen Jahren Erdgeschichte, roh oder geschliffen, dann auch Schals, Armreifen, Puppen. Wenn wir weiterziehen oder die Dämmerung einbricht, verschwinden sie wieder, genauso schweigsam und plötzlich, wie sie aufgetaucht sind.

Die Kinder sind Angehörige halbnomadischer berberischer Volksstämme. Die Berber bilden eigentlich das prägende ethnische und kulturelle Element Marokkos. Doch sind sie im nationalen und internationalen öffentlichen Bewusstsein eher als dekoratives Beiwerk präsent – berberisches Kunsthandwerk und Brauchtum – denn als alteingesessene Volksgruppe. Tatsächlich sind die Berber, die noch in vorchristlicher Zeit aus dem östlichen Mittelmeerraum nach Nordafrika auswanderten und dann von den Römern als „Barbaren“ bezeichnet wurden, da sie weder der griechischen noch der römischen Zivilisation angehörten, von ihrer ethnischen Herkunft heute nicht genau bestimmbar; sicher ist, dass sie einer anderen Sprachgruppe angehören als die Araber, die später den Maghreb eroberten und besiedelten.
Angesichts der starken ethnischen Vermischung sind verlässliche Angaben über die Bevölkerungsanteile nicht möglich. Marokko definiert sich wohl als arabische Nation – wer nun aber AraberIn und wer BerberIn ist in Marokko, darüber streiten sich die Gelehrten und PolitikerInnen; genaue Zahlenangaben beruhen eher auf akademischen Spielereien als auf verlässlichen Volksgruppenzählungen.
In den langen Wanderstunden durch die Wüste, in denen man mondähnliche Steinlandschaften, Geröllhügel, ausgetrocknete Seen und Flüsse und eher selten Sanddünen überquert, kann man mit sich selbst oder mit anderen TeilnehmerInnen der Wandergruppe sprechen oder schweigend neben einem Dromedar dahintrotten. Oder man kann sich mit dem Führer unterhalten, einem Berber aus dem Hohen Atlas, und ihn zum Beispiel über das Geschlechterverhältnis in der marokkanischen Gesellschaft befragen. Hierin liegt ja einer der sichtbarsten Unterschiede zwischen der berberischen und der arabischen Kultur. Die Berberinnen zeigen sich im Allgemeinen unverschleiert; ihr Verhältnis zu den Männern scheint von größerer Freiheit und stärkerem Selbstbewusstsein geprägt. Diese früher vermutlich noch stärkere Position der Frauen manifestiert sich auch in der Sprache. Viele berberische Ortsbezeichnungen beginnen und enden mit –t: Taroudant, Tafilalt, Tidikelt … Das -t weist auf das weibliche Geschlecht der Wörter hin. (Der Stier z.B. heißt afunes, die Kuh tafunest.) Auch leben noch einige vorislamische Traditionen weiter, etwa bei der – relativ freien – Partnerwahl.

Nach dem Tod von König Hassan II. 1999 erlebte das Land unter dessen Sohn Mohammed VI. einen Reformschub. Der an französischen Universitäten ausgebildete junge Monarch war bestrebt, seinem Land den Anstrich eines toleranten, weltoffenen Königtums zu geben. Doch trotz seiner Modernisierungsversuche konnten die sozialen Probleme nicht gelöst werden. Der König wird ungeachtet seines fast absoluten Machtmonopols – er ist politisches und geistliches Oberhaupt der MarokkanerInnen – von den Politikern und den Ulemas, den islamischen Rechtsgelehrten, sowie von einer erstarkenden islamistischen Bewegung gebremst.
„Ich selbst werde dafür sorgen, dass Frauen in Politik, Wirtschaft und Kultur Spitzenpositionen erreichen können“, versprach der mit einer Informatikerin verheiratete König. Doch bei der Einführung eines neuen Familienrechts, der Moudawana, zeigte Marokkos Männerwelt ihren Widerstand, selbst die unter Hassan II. verfolgte Sozialistische Partei. Mit Müh und Not gelang es Mohammed VI., den neuen Kodex durchzubringen. Das Heiratsalter beträgt nunmehr 18 Jahre, die Polygamie ist verboten, das Scheidungsrecht und die Unterhaltszahlungen wurden nach westlichen Vorbildern ausgerichtet. Doch das weiterhin intakte patriarchale System, die klientelistischen Strukturen und die verbreitete Korruption behindern die Umsetzung der Reformen. „Die Moudawana hat nicht viel gebracht“, erklärt Saadia L., Aktivistin mehrerer sozialer und Frauen-Organisationen. „Für die Männer gibt es immer noch Wege der Umgehung. Es fehlt ein umfassender Sensibilisierungsprozess.“

In den Wüstenwandergesprächen mit Berber-Wanderführer Mustafa kommt immer wieder auch das Alltagsleben im heutigen Marokko zur Sprache: Die immer noch große Armut in den ländlichen Regionen, die staatlichen Anstrengungen im Bildungsbereich, die Diskriminierung von Frauen, die Gesetzesreformen des Königs. Bei ihm wie auch bei anderen GesprächspartnerInnen ist eine große Wertschätzung für Mohammed VI. zu verspüren. Nur ein Thema scheint auch heute noch tabu zu sein in Marokko: die Westsahara-Frage. Dass dieses bis 1975 von Spanien verwaltete Gebiet zu Marokko gehört, ist für die Menschen derart klar, dass sich aus dieser offenkundigen Tatsache keine Streitfrage ableiten lässt. Der 11. Juni, jener Tag des Jahres 1975, als an die 350.000 MarokkanerInnen zum „Grünen Marsch“ aufbrachen, das heißt zur Besetzung der Westsahara, wird als Feiertag geehrt.
Erstaunlichen Mut bewies der junge König, als er mit einem anderen Tabu brach und Aufklärung über die unter seinem Vater begangenen gravierenden Menschenrechtsverletzungen versprach. Er berief eine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ (IER) ein, die nun zwei Jahre lang mit einem großen Stab von MitarbeiterInnen Licht in diese dunkle Vergangenheit zu bringen versuchte. Ende des Vorjahres wurde der 700-seitige Untersuchungsbericht dem König übergeben und eine Zusammenfassung ins Internet gestellt (www.ier.ma).
Die Arbeit der Kommission erregte großes Aufsehen in der Öffentlichkeit, da das Fernsehen häufig Debatten mit Opfern der politischen Repression live übertrug. Gemäß dem Bericht wurden zwischen 1956 und 1999 beim Niederschlagen von Demonstrationen oder im Polizeigewahrsam 592 Personen getötet; von mehreren hundert Opfern wurden die Leichen niemals gefunden. Menschenrechtsorganisationen sind jedoch der Meinung, dass die Zahl der Opfer an die 3.000 beträgt.
Der Bericht enthält auch eine Reihe von Empfehlungen, wie staatliche Gewalt und Machtmissbrauch in Zukunft vermieden werden könnten. Unklar ist, ob es auf Grundlage der gesammelten Informationen zu Strafanklagen gegen die Hauptverantwortlichen der Repression kommen wird. Entschädigungszahlungen an die Opfer wurden teilweise bereits geleistet oder werden noch erfolgen.

In den berühmten Sanddünen von Merzouga, nahe der algerischen Grenze, ist die Wanderung nach 170 Kilometern zu Ende. Wir lernten, dass die Sahara keineswegs gleichbedeutend ist mit Sandwüste, sondern eine Vielzahl von Landschaftsformationen aufweist; wir lernten, in die alles ausfüllende Stille und Weite einzutauchen und unseren mitteleuropäischen Horizont um die Dimension der Ruhe und Zeitlosigkeit anzureichern.
Zum Abschied spielen unsere berberischen Begleiter auf: zwei mit Ziegenhaut bespannte Holzreifen, eine Plastikschüssel und ein Kanister sind die Instrumente. Die Texte der Lieder arbeiten viel mit Metaphern. Immer wieder die Klage über den Falken, oder den Geier, das ist der Vater, der seine schöne Tochter – die Taube, den Schatz – zuhause gefangen hält, um sie vor den Blicken der Öffentlichkeit zu verbergen. Hoffentlich hilft die Moudawana, das neue Familienrecht, die Tauben ihren väterlichen oder gesellschaftlichen Kerkermeistern zu entreißen.


Die erwähnte Wanderung wird vom steirischen Touren-Anbieter „Weltweitwandern“ organisiert. Diese Agentur entstand aus einem sozialen Projekt in Ladakh im indischen Himalaya – der Solar-Schule von Lingshed (www.solarschule.org) – , das sich mittlerweile auf viele andere Dörfer ausgeweitet hat.
Heute ist Weltweitwandern ein Spezialist für Wanderreisen in den Himalaya und nach Marokko, doch gibt es auch zahlreiche andere Ziele in Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa. Ein Teil des Erlöses geht an Projekte vor Ort. Die Reisen selbst unterliegen einem Kriterienkatalog der Nachhaltigkeit. www.weltweitwandern.at

Werner Hörtner nahm im Dezember an einer von „Weltweitwandern“ organisierten Wüstenwanderung durch Marokko teil.

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