Straßenkinder im „Hafen des Friedens“

Von Helmut Spitzer ·

In der tansanischen Metropole Dar es Salaam kämpfen tausende Kinder und Jugendliche auf der Straße ums Überleben. Sie gelten nicht viel mehr als Müll. Doch in direkter Begegnung zeigen sich die Weggeworfenen als lebenserfahrene, kompetente und kreative Akteure, die ihre Zukunft selbst gestalten können, wenn sie eine Chance erhalten.

Ich frage mich manchmal: Warum werden nur wir, die Straßenkinder, bei den schönen Schaufenstern in der Samora Machel Avenue von den bewaffneten Wachposten vertrieben, und alle anderen nicht?“ Der 14-jährige Hamisi, der ursprünglich aus der Region Mwanza am Victoriasee stammt, stellt sich diese Frage zu Recht: Die Straßenkinder in Dar es Salaam werden gesellschaftlich ausgegrenzt, stigmatisiert und verfolgt. Der „Hafen des Friedens“, wie der aus dem Arabischen abgeleitete Name der Metropole am Indischen Ozean lautet, ist für sie alles andere als ein Ort des Friedens und der Gerechtigkeit. Vielmehr sind die Straßenkinder in Tansania buchstäblich der letzte Dreck: Man nennt sie chokora, wie im benachbarten Kenia. Der Swahili-Begriff steht für Abfall und Müll.
Die Kinder und Jugendlichen, die sich überwiegend oder ausschließlich in der öffentlichen Sphäre der Straße aufhalten, werden von der Polizei drangsaliert und von patrouillierenden Milizen, den sogenannten sungusungu, systematisch von ganzen Stadtvierteln ferngehalten. Nicht selten werden sie von den selbst ernannten Ordnungshütern geschlagen. PolitikerInnen sprechen von ihnen als einem „pathologischen Krebsgeschwür der Stadt“, das beseitigt werden muss, soll die Stadt sauber bleiben. Kurzum: Die Straßenkinder müssen als Sündenböcke für soziale, ökonomische und politische Fehlentwicklungen herhalten, deren Ursachen komplex und auch in globalen Zusammenhängen zu verorten sind.

„Das Leben auf der Straße ist teuer.“ Wieder hat Hamisi den Nagel auf den Kopf getroffen. Um sich und den Mitgliedern seiner Straßengang etwas Essbares, sauberes Trinkwasser und die notwendigsten Medikamente zu besorgen, verdient er seinen Lebensunterhalt durch Betteln, Gelegenheitsdiebstahl und informelle Aushilfstätigkeiten. Diese bedeuten viel Arbeit, bringen aber nur wenig Geld. Wie tausende andere Straßenkinder befindet sich Hamisi in einem beinharten Konkurrenzkampf gegen die Masse der Arbeitslosen, die in den afrikanischen Großstädten auf der Suche nach einer Einkommensquelle die Straßen säumen. Vor mehr als zwei Jahren ist er in die Stadt gekommen. Er hoffte, hier bessere Überlebenschancen zu finden, womöglich jemanden, der ihm wenigstens den Besuch der Volksschule finanzieren würde, die er frühzeitig abbrechen hatte müssen. Die Stadt bietet schließlich allen eine „goldene Chance“, wie ein gleichnamiger HipHop-Song des bekannten Swahili-Rappers Professor Jay verspricht. Als Hamisi noch zu Hause lebte, hatte es oft tagelang nichts zu essen gegeben. Sein Vater war schon früh gestorben, und seine Mutter hatte sich aus dem Staub gemacht, als der Junge gerade zehn Jahre alt war. Hamisi musste eine Zeit lang alleine für sich und seine vier jüngeren Geschwister sorgen. Die Tante mütterlicherseits, zu der die Kinder dann kamen, schlug Hamisi oft. Sie nahm ihn von der Schule und nutzte seine Arbeitskraft aus, bis er schließlich davonlief, um in Dar es Salaam sein Glück zu versuchen.
„Helft zuerst den Familien, dann wird es auch keine Straßenkinder geben.“ Der kleine Saidi in seinen zerlumpten Kleidern und mit der Wollmütze auf dem Kopf schreibt es der tansanischen Regierung und den BeraterInnen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds ins Stammbuch. Eine effektive Armutsbekämpfung auf Ebene der Familie ist die beste Strategie, der massiven Land-Stadt-Migration vorzubeugen und ein Abdriften von Kindern in das Straßenmilieu zu verhindern. Schließlich stammt ein Großteil der Straßenkinder von Dar es Salaam aus den Binnenregionen des Landes, die von extremer Armut, struktureller Unterentwicklung, saisonalen Dürreperioden und einer unzureichenden landwirtschaftlichen Produktion geprägt sind. 87 Prozent der Bevölkerung in den ländlichen Gebieten Tansanias gelten als arm.
Die Verbreitung von Aids trägt darüber hinaus zur Schwächung und zum Zerfall der Familienstrukturen bei, die über Generationen für die soziale Absicherung sorgten. Mit der laufenden Erosion familiärer Unterstützungsnetzwerke bleiben immer mehr Kinder sich selbst überlassen.
Hinzu kommen die Effekte der Strukturanpassungsprogramme. Sie wurden in Tansania ab Mitte der 1980er Jahre unter der Patronanz internationaler Finanzinstitutionen in Angriff genommen, nachdem das Projekt des Afrikanischen Sozialismus unter Präsident Julius Nyerere als gescheitert galt. Der rapide Übergang von einem sozialistisch orientierten zu einem neoliberal geprägten Gesellschafts- und Wirtschaftssystem hat tiefe soziale und wirtschaftliche Brüche verursacht. Seine Folgen können bis heute nicht zur Gänze eingeschätzt werden, doch haben sich die Lebensverhältnisse von Millionen von Menschen bedeutend verschlechtert. Die so genannte Strukturanpassung erforderte massive Kürzungen bei den sozialen Diensten, Einsparungen im Schulwesen und in der Gesundheitsfürsorge sowie eine Preiserhöhung bei öffentlichen Dienstleistungen. Ab Anfang der 1990er Jahre traten die negativen Auswirkungen dieser Politik deutlich zu Tage. Zu dieser Zeit wurde erstmals die wachsende Zahl von Straßenkindern in den Städten registriert.

„Die Mädchen haben es am schwersten, denn sie werden ausgebeutet und vergewaltigt.“ Der 15-jährige Samuel bringt das Schicksal von weiblichen Straßenkindern und Kinderprostituierten zur Sprache. Die Straßenmädchen führen ein Leben im Abseits. Sie arbeiten nachts, in den Elendsvierteln, wo Freier den billigsten Sex bekommen, und in Bordellen, wo sie von der Außenwelt abgeschottet sind. Auch in den Villengegenden von Dar es Salaam, wo die reiche Oberschicht und betuchte AusländerInnen wohnen, gehen Kinderprostituierte in den Abend- und Nachtstunden auf den Strich. Nur wenige der Straßenkinderprojekte kümmern sich explizit um diese Zielgruppe. Eine rühmliche Ausnahme bildet die Heilsarmee. Die VertreterInnen dieser missionarischen Bewegung bieten Kinderprostituierten kostenlose Aids-Beratung und Bluttests an und verteilen Kondome an die Mädchen. Im Gegensatz zur katholischen Kirche setzen sie nicht auf moralische Vorhaltungen und Enthaltsamkeitspredigten, um die Kinderprostituierten vor sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen. Doch das Fazit der Hilfsprogramme fällt ernüchternd aus: Mehr als die Hälfte der auf eine mögliche Infektion getesteten Mädchen erweisen sich als HIV-positiv. Sechs von zehn Mädchen landen in Ermangelung attraktiver Rehabilitationsangebote und alternativer Lebensentwürfe wieder auf der Straße.
Die tansanische Regierung hält sich angesichts dieser Missstände zurück. Sie beschränkt sich auf Lippenbekenntnisse, wenn es um die Verbesserung der Situation von Straßenkindern geht, und überlässt es zivilgesellschaftlichen, konfessionellen und privaten AkteurInnen, sich um das Wohlergehen dieser Kinder und Jugendlichen zu kümmern. Diese wiederum können aus finanziellen und personellen Gründen nur die Symptome bekämpfen und sind nicht in der Lage, die Ursachen zu bearbeiten. Letztlich kann weder repressives Vorgehen noch gut gemeinte Hilfe etwas daran ändern, dass eine zunehmende Zahl von Kindern und Jugendlichen auf den Straßen afrikanischer Großstädte ihr Auskommen sucht.

„Ich habe mich entschieden, zu überleben, sonst wäre ich gestorben.“ So beschreibt der 17-jährige Ibrahim seine Einstellung zum Überlebenskampf im urbanen Moloch. Es gilt, an diesen Überlebenswillen, an die Kompetenzen, Ressourcen und Netzwerke dieser Kinder und Jugendlichen anzuknüpfen und in einen sinnvollen Dialog mit ihnen zu treten. Nur wenn man die Straßenkinder ernst nimmt und sie nicht als Wegwerfprodukte der Gesellschaft betrachtet, kann dieser Dialog gelingen. Eines Tages sind die heutigen Straßenkinder erwachsen, und dann haben sie etwas mitzureden. Die Weichen dafür, ob dies in konstruktiver oder subversiver Weise geschehen wird, können und müssen bereits heute gestellt werden.

AutorenInfo:
Helmut Spitzer ist Mitarbeiter im Kriseninterventionszentrum für Kinder und Jugendliche in Klagenfurt und Lehrbeauftragter an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Feldkirchen. Für seine Forschungsarbeit über Straßenkinder in Tansania bat er betroffene Kinder und Jugendliche, ihren Alltag und ihre Lebenswelt zu fotografieren. Sein Buch Kinder der Straße – Kindheit, Kinderrechte und „Straßenkinder“ in Tansania erscheint im Frühjahr 2006 bei Brandes & Apsel.

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