Die Wurzeln der Ressentiments

Die Verurteilung der Homosexualität in Afrika wird aggressiver. Warum gleichgeschlechtliche Liebe in Afrika scharf verdammt wird, auch oder gerade von vielen Kirchen, berichtet Marc Epprecht.

Die Gay Pride Parade im März 2010 in Kapstadt. Südafrika legalisierte 2006 als einziges afrikanisches Land die gleichgeschlechtliche Ehe.

"Malawi ist eine gottesfürchtige Nation“, verkündete der Abgeordnete Edwin Banda, als das Parlament des afrikanischen Landes im August 2009 eine Verfassungsänderung beschloss, die gleichgeschlechtliche Ehen verbietet. Homosexuelle Handlungen – oder „widernatürliche Unzucht“, wie es im Strafgesetzbuch heißt – waren bereits gesetzeswidrig. Banda schloss sich damit prominenten Stimmen auf dem ganzen Kontinent an, die Homosexualität scharf verurteilen und sich dagegen sperren, die sexuelle Orientierung als Menschenrecht zu respektieren. Unter den PolitikerInnen haben zum Beispiel der Katholik Robert Mugabe aus Simbabwe und der wiedergeborene Christ Yoweri Museveni aus Uganda diese Haltung vertreten.

In ganz Afrika gab es gleichgeschlechtliche Sexualität, lange bevor die Araber oder Europäer einen großen Teil des Kontinents kolonisierten. Das ist bis heute so. Neue restriktive Gesetze und Gesetzesentwürfe sowie Hassreden gegen Homosexuelle sind Reaktionen auf neue Verbände, die für sexuelle Rechte eintreten und lautstark den Status quo infrage stellen – zuweilen im Verbund mit selbstbewussten feministischen Gruppen oder Aidshilfe-Vereinen.

Es stimmt, dass westliche Geber in Afrika die Bildung dieser Verbände und Netzwerke finanziell und moralisch unterstützen. Auch fördern sie umfassende Änderungen der Geschlechtsbeziehungen in Afrika, zu denen die Ermächtigung der Frauen, Kinderrechte und eine offene Sexualaufklärung gehören. Dieses Programm steht in tiefem Widerspruch zu den meisten afrikanischen „traditionellen Kulturen“ – ebenso wie zum Patriarchat andernorts in der Welt, auch im Westen. Aber die Bewegung für sexuelle Rechte begann in Afrika vor dem westlichen Interesse an diesem Problem. Sie baut auf afrikanischen Initiativen auf und wird von einer neuen und mutigen Generation afrikanischer Führer und Führerinnen geprägt.

Es gibt jedoch wichtige innerafrikanische sowie ausländische historische Einflüsse, die, wenn sie ignoriert werden, den Konflikt nur noch verschärfen könnten.

In den meisten afrikanischen Gesellschaften hatte und hat eine kinderreiche Ehe hohen Stellenwert. Solche Familien brachten viele Vorteile – materielle, politische und metaphysische. Sexualität galt daher nicht als individuelle Wahl oder Orientierung, sondern gehörte in gewissem Sinne der Gemeinschaft.

Dazu kommen strenge Tabus für das öffentliche Gespräch über Fragen der Sexualität. Verschwiegene Bisexualität oder heimliche Formen der Homosexualität sind daher weit verbreitet und werden stillschweigend geduldet, ohne die kulturellen Normen zu gefährden. Der „schwule Lebensstil“ aber ist, besonders wenn man sich darunter Klischees von Promiskuität und Dekadenz vorstellt, ein Angriff auf alle diese traditionellen Werte.

Afrikanische Theologen haben ganz Recht, dass manche Übersetzungen der Bibel etliche mehr oder weniger explizite Verurteilungen der Homosexualität enthalten. Wer das als verbindlich ansieht, dessen Glauben können auch noch so viele wissenschaftliche Argumente nicht infrage stellen. Und die große Mehrheit der christlichen Missionare in Afrika im 19. Jahrhundert fiel in diese Kategorie. Tatsächlich stammen die frühesten belegten Drohreden gegen homosexuelle Praktiken in Afrika von Europäern und Amerikanern. Bis heute haben AfrikanerInnen, die sich im Namen der Bibel gegen Menschenrechte für Homosexuelle wenden, großzügige UnterstützerInnen in „christlichen nichtstaatlichen Organisationen“ wie True Love Waits, einer von der Southern Baptist Convention in den Vereinigten Staaten gegründeten Bewegung, die in Uganda sehr aktiv ist.

Die christliche Mission in Afrika war eng verbunden mit der Verbreitung der europäischen Kultur, der kapitalistischen Wirtschaft und der Kolonialherrschaft. Es gab viele bescheidene und mutige Missionarinnen und Missionare, die sich dafür einsetzten, das Leben von AfrikanerInnen zu verbessern. Aber christliche Missionare spielten auch oft eine führende Rolle bei Landraub, beim Eintreten für rassistische Gesetze und Zwangsarbeit sowie bei der gewaltsamen Unterdrückung von Elementen der afrikanischen Kultur – auch im Bereich Ehe und Sexualität. Zum Beispiel gestatteten viele afrikanische Gesellschaften traditionell TeenagerInnen, mit Sex ohne Penetration zu experimentieren. Dieser Brauch schuf ein Ventil für sexuelle Energie, ohne die Keuschheit zu gefährden. Missionare verurteilten diese Praxis entschieden als unmoralisch.

Auch EthnologInnen haben dazu beigetragen, das Klischee zu nähren, Homosexualität sei unafrikanisch. Sie standen häufig im Dienst der Kolonialstaaten, welche konservative Stammesstrukturen stärken wollten, und ignorierten gerne, dass die „afrikanische Tradition“ Raum für Flexibilität und Verständigung ließ. Jahrzehntelang hielten dicke Bücher von Europäern als unbestrittene Tatsache fest, dass „das Anormale im Sexualleben in Afrika verachtet wird“, wie es ein deutscher Autor 1925 ausdrückte. Eine ganze Generation afrikanischer nationalistischer Führer machte sich solche Behauptungen zu eigen, weil sie ein Gegengewicht gegen ein anderes europäisches Klischee über Afrikaner bildeten, nämlich das von deren angeblicher Promiskuität und unkontrollierten Begierde nach weißen Frauen.

Weiters machte Afrika seit den 1980er Jahren äußerst schwierige wirtschaftliche Zeiten durch. Viele der starken Rückgänge beim Durchschnittseinkommen, beim Zugang zu Land und bei sozialen Diensten waren eine direkte Folge der vom Westen angeratenen Strukturanpassungsprogramme. Die Heuchelei der mächtigen westlichen Ratgeber und der habgierigen lokalen Führungsschichten war offensichtlich: Beide redeten von Entwicklung, Ermächtigung der Frauen und Menschenrechten und schufen zugleich Bedingungen, die für Millionen der Ärmsten Afrikas Migration, Kriminalität oder Prostitution überlebensnotwendig machten.

Der wirtschaftliche und vermeintlich auch moralische Niedergang hat auch zu einer Krise der etablierten Kirchen in Afrika geführt. Ihnen bereiten seit langem die Pfingstkirchen und Charismatiker (siehe SWM 12/09) sowie der wahhabitischen Islam Sorgen, die ihren AnhängerInnen Heilung und finanzielle Segnungen versprechen.

Die traditionellen Kirchen versuchen, ihr Revier mit einer populistischen Selbstdarstellung zu verteidigen. Die immer lautstärkeren Bekenntnisse zur reinen Heterosexualität sind ein Aspekt dieser Wendung zum Populismus. Schließlich sind in Afrika die etablierten Kirchen oft eng mit der politischen Führungsschicht verbunden. Und für diese ist die Verurteilung Homosexueller ein billiger Schachzug, um ihre Glaubwürdigkeit als Antiimperialisten zu stärken und Stimmen zu gewinnen. Es mag zynisch klingen, aber auch Familienbande, alte Seilschaften und materielle Vorteile tragen dazu bei, dass Kirchenführer die Homophobie der Politiker öffentlich legitimieren. Wenn Männer, die als völlig rücksichtslos bekannt, aber vielleicht auch Freunde aus dem Unabhängigkeitskampf, Verwandte und persönliche Vertraute sind – wenn solche Politiker Homosexuelle als Staatsfeinde anprangern, erfordert es großen persönlichen Mut, für die Rechte Homosexueller einzutreten.

Und in Afrika findet man diesen erstaunlichen Mut. Die lautstarke Homophobie einiger (christlicher) Führer verdeckt die Tatsache, dass es in Afrika auch liberale und humanistische Stimmen gibt, die sich gegen die Diskriminierung Homosexueller wenden. An der Spitze stehen FührerInnen aus dem früheren Kampf gegen die Apartheid in Südafrika, darunter die beiden Anglikaner Desmond Tutu und Njongonkulu Ndungane sowie Allan Boesak von der Reformierten Kirche. Aber auch einzelne einfache Pfarrer anderswo auf dem Kontinent, etwa John Makokha von der Riruta United Methodist Church in Kenia, rufen dazu auf, die Rechte und die Würde homosexueller Menschen zu achten. An Orten, wo man es nicht erwartet, entstehen schwulenfreundliche Gemeinden, zum Beispiel Other Sheep in Kenia und House of Rainbow in Nigeria, das nach eigenen Angaben tausende Mitglieder hat.

Die Debatte in Afrika ist lebhaft und führt in aller Stille zu Ergebnissen, die im Widerspruch zum homophoben Gepolter stehen. Kürzlich haben sechs überwiegend christliche afrikanische Länder für die Resolution der UN-Vollversammlung gestimmt, die dazu aufruft, Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung zu beenden. Genaue wissenschaftliche Untersuchungen zu gleichgeschlechtlichen Formen der Sexualität werden sogar in Ländern wie Nigeria und Malawi durchgeführt, wo der politische Diskurs unerbittlich ablehnend zu sein scheint.

Solche Untersuchungen sind unbedingt nötig, um dem homosexuellenfeindlichen Getöse entgegenzutreten. Doch wenn man bei den Menschenrechten für sexuelle Minderheiten Fortschritte erreichen will, dann muss man auch sensibel auf jene Faktoren achten, die sie erschweren. Dazu gehört, sich der Geschichte des westlichen Imperialismus und des Neokolonialismus in Afrika bewusst zu sein.

Marc Epprecht ist Professor an der Fakultät für Geschichte sowie für Globale Entwicklungsstudien an der Queen‘s University in Kingston (Kanada).
Gekürzte Version eines im Oktober 2009 in welt-sichten erschienen Artikels, aus dem Englischen von Elisabeth Steinweg-Fleckner.

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