„Dieses System muss sich ändern“

Von Katrin Gänsler · · 2022/Nov-Dez
© Corrado Disegna / MISEREOR

In Nigeria liegt das Durchschnittsalter bei 18,6 Jahren. Junge Entscheidungsträger*innen gibt es aber kaum. Warum der Weg in die Politik schwierig ist, erklärt Bildungsexpertin Ngunan Ioron Aloho.

In Nigeria stehen im Februar die Präsidentschaftswahlen an. Mit Atiku Abubakar und Bola Tinubu wurden zwei Kandidaten aufgestellt, die jenseits der 70 sind. Was bedeutet das für junge Wähler*innen?

Junge Menschen fühlen sich eher von Peter Obi (Kandidat der Labour Party, Anm. d. Red.) angezogen. Grund dafür ist, wie er seine Kampagne gestaltet und welche Themen er setzt. Da Atiku bereits an der Macht war, wissen wir schon einiges über ihn. Tinubu dürfte interessant für ältere Wählerinnen und Wähler sein. Gerade auf dem Land, wo die Wahlbeteiligung hoch ist, haben diese eine starke Stimme. Die Wahl ist hart umkämpft.

Interessieren sich die jungen Generationen überhaupt für Politik?

Sie bringen sich stärker ein als je zuvor, beteiligen sich an den Kampagnen. Auch machen sie generell auf die Wahlen aufmerksam, damit mehr Menschen ihre Stimme abgeben. Außerdem thematisieren sie den Kauf von Stimmen, was seit langem geschieht und ein großes Problem ist.

Viele wollen darüber hinaus informieren, wofür die Parteien überhaupt stehen. Wer nichts über deren Inhalte weiß, macht das Kreuz bei jenem Parteilogo, das er kennt. Wir hoffen, dass sich das ändert.

Ngunan Ioron Aloho (30) ist Bildungsexpertin und Juristin. Sie hat die Samuel Ioron Foundation gegründet, die für Geschlechtergerechtigkeit und bessere Bildungschancen für Mädchen im ländlichen Nigeria kämpft. Derzeit absolviert sie den Master-Studiengang Vergleichende und Internationale Sozialpolitik an der Universität York in Großbritannien.

Trotzdem haben zwei alte Männer die besten Chancen auf das Präsidentenamt. Das muss doch frustrierend sein?

Es stimmt, dass sie über finanzielle Ressourcen, Netzwerke und Kontakte verfügen. Eines wird aber oft vergessen: Hinter jeder Stimme, hinter jeder finanziellen Unterstützung für Gegenkandidatinnen und -kandidaten stecken Menschen, die sich gegen die aktuelle Politik entscheiden und sagen können: Es reicht uns.

Ich hoffe auf ein Umdenken: Wählerinnen und Wähler müssen sich fragen, welcher Kandidat ihnen das Beste für ihre eigene Zukunft bringt.

Vor vier Jahren gab es die Kampagne #NotTooYoungToRun zur Herabsetzung des passiven Wahlalters, die zu einer Gesetzesänderung geführt hat. Ist von dieser Dynamik noch etwas zu spüren?

Sie hat die Denkweise geändert und einen längerfristigen Einfluss. Egal, wie alt eine Person ist: Sie kann etwas erreichen und eine Führungsposition einnehmen. Junge Menschen fordern mehr Platz in der Gesellschaft ein. Darum geht es.

Ist der Zugang anderswo einfacher, etwa einen Platz in der Zivilgesellschaft zu finden?

Mehr Menschen drängen in die Politik. Heute gibt es zahlreiche Organisationen, die die Jugend für politische Teilhabe gewinnen möchten. Manche richten sich explizit an junge Frauen.

Und ist die ältere Generation bereit, Platz zu machen?

Das ist eine schwierige Frage. Es ist möglich, dass sie die Jungen für ihre Ziele nutzen. Es ist aber nicht notwendigerweise eine Generationenfrage. Vielmehr geht es darum, ob beispielsweise die Verantwortlichen in den Wahlkreisen offen für einen Wandel sind. Spielt aber Korruption eine große Rolle, wird das schwierig.

Wie lässt sich das grundsätzlich ändern?

Alle, die einen Zugang zur Politik wollen, müssen diesen finden können – junge Frauen und Männer. Es würde schon helfen, wenn die Kosten für das Kandidaturformular (je nach Partei bis zu 232.000 Euro, Anm. d. Red.) und den Wahlkampf nicht so hoch wären.

Wer gewählt wird, muss erst einmal dafür sorgen, dass er die Ausgaben wieder hereinholt. Wer von Unterstützerinnen und Unterstützern Geld erhalten hat, muss dieses zurückzahlen. Das schafft Abhängigkeiten und Korruption. Dieses System muss sich ändern.

Interview: Katrin Gänsler. Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien
in Westafrika und lebt in Cotonou/Benin und Abuja/Nigeria.

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