Dietmar Schönherr: Liberté und die Wölfe

Von WeH
Ephelant Verlag, Wien 2006, 192 Seiten, € 22,-

Zumindest auf den ersten Blick ist unsere Zeit keine Epoche für Märchen; diese antiquierte Form der Vermittlung von Inhalten und Werten wird vielfach nicht einmal mehr Kindern zugemutet. Doch diese „Antiquiertheit“ hat Dietmar Schönherr, den unerschütterlichen Visionär einer besseren Welt aus Tirol, nicht daran gehindert, vor zwei Jahrzehnten ein modernes Märchen zu schreiben. Die Geschichte hatte bereits derart konkret im Kopf Gestalt angenommen, dass er den Text dann in wenigen Wochen niederschrieb. Der rührige, genauso wie Schönherr dem Antifaschismus und dem Kampf für eine menschenwürdigere Welt verschriebene Ephelant-Verlag hat soeben, zum 80. Geburtstag des Autors, das Buch neu verlegt.
Ein Findelkind, dessen Eltern – arme Wandernde, Karner, wie man in Tirol dazu sagte – in einem kalten Winter erfroren waren, wächst zuerst bei Mönchen und dann bei Stiefeltern in einem Bauernhaus auf. Seinen Spitznamen erhält der kleine schweigsame Josef, als er einmal auf die Frage, ob er lieber Milch oder Tee wolle, „lieber Tee“ antwortete.
In der Schule wird der weltfremde Liberté mit den Agressionen anderer Menschen konfrontiert – und lernt eine unheimliche Eigenschaft an sich kennen: er ist unverletzbar. Jede Gewaltanwendung, ob ein Faustschlag, ein Keulenhieb oder ein Schuss, fällt auf den Agressor zurück.
König Hadramauz XXIII., der Herrscher des Gebirgslandes, eigentlich ein friedfertiger Mann, lässt sich durch schlechte Berater zu einem Krieg gegen das Nachbarland verleiten, und Liberté wird eingezogen. Durch seine magischen Fähigkeiten wird der junge Mann immer bekannter; der König ernennt ihn schließlich zum Verteidigungsminister. Der solcherart ausgezeichnete Liberté schließt Frieden mit dem Nachbarland, schafft die Armee ab und führt den gewaltfreien Widerstand als Verteidigungsdoktrin ein. Das Land blüht auf, die Menschen leben zufrieden, das Beispiel macht Schule – doch das Böse lauert immer und überall …
Friedensaktivist Schönherr wollte damit eine Metapher über die ständige Gefährdung der Freiheit schreiben, erklärte er dem Südwind in einem Interview (siehe S. 10). Das Märchen geht schlecht aus. Durch Erfahrung und gelebte Praxis können wir es in die Wirklichkeit übertragen und den Lauf der Geschichte ändern: Wehret den Anfängen.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen