Drohender Untergang

Eine Jahrtausende alte Kultur droht unterzugehen. Die Höhlenstadt von Hasankeyf in Anatolien soll in einem Stausee versinken, wenn es nach der türkischen Regierung geht. Die Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Dörfer bezweifeln, dass sie als Ersatz ein blühendes Paradies bekommen.

Von Corinna Milborn
Austria? Problem! Baraj!“ Mit diesen Worten werden dieser Tage BesucherInnen aus Österreich aufgehalten, die durch die alte ostanatolische Stadt Hasankeyf schlendern. Baraj heißt „Staudamm“, und ein Problem ist das, weil ein solcher gebaut werden soll – 135 Meter hoch und kilometerbreit soll der Ilisu-Damm den Tigris unterhalb von Hasankeyf aufstauen und die Stadt fast zur Gänze im Wasser eines Stausees verschwinden lassen, der halb so groß sein wird wie der Bodensee. Der Damm ist derzeit das umstrittenste Staudammprojekt der Welt; fast 200 Dörfer und Städte mit 50.000 EinwohnerInnen sollen im Stausee untergehen. Hier in Hasankeyf ist er eine bedrohliche Realität: Der Spatenstich ist gesetzt, das Firmenkonsortium unter der Leitung der österreichischen VA-Tech steht, man wartet nur noch auf die Finanzierungszusage. Dann kommt das Wasser, so viel ist sicher. Sonst weiß man nichts.
„Bei uns war noch nie jemand, um uns zu erklären, was passiert, und wo wir dann hinsollen“, sagt Rüstem Ayhan. Er steht dabei auf der Terrasse seines Restaurants, das direkt vor dem alten Stadttor in der Sandsteinwand hängt, und legt die Hand an die Oberkante eines Fensters: „Bis hierher soll das Wasser reichen. Alles, was darunter liegt, geht unter.“ Und darunter liegt fast alles: Ayhans Restaurant ist das höchste im Ort. Innen ist es eine weißgekalkte Höhle, ausgestattet mit Pölstern und niedrigen Tischen, an denen frischer Fisch aus dem Fluss serviert wird. Von der Terrasse hat man einen Blick auf die Stadt: Weit unten fließt der gelbe Tigris um die massiven Pfeiler der alten Brücke aus dem 12. Jahrhundert, erbaut von den Turkmenen, die damals vorübergehend die Herrschaft in der Stadt hatten. In die steilen Sandsteinwände sind hunderte Höhlen gegraben, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch alle bewohnt waren. Am Ufer steht das alte Badehaus aus dem 12. Jahrhundert, daneben die Häuser der Neustadt, erbaut in den 1970er Jahren: 5.000 EinwohnerInnen hat sie nun, nur mehr halb so viele wie zu ihrer Blütezeit. Die Spitze des Minaretts markiert die künftige Wasserlinie. Darüber liegt nur die Altstadt – ein seit 35 Jahren unbewohntes Labyrinth aus Höhlenwohnungen und kleinen Gassen, das langsam aber sicher verfällt.

Hasankeyf ist die älteste Stadt Anatoliens. Seit 11.000 Jahren ist sie besiedelt, seit der Hochblüte Mesopotamiens vor 5.000 Jahren ist sie eine wichtige Stadt: Angefangen von den Sumerern bis zu den Türken sind hier 20 Kulturen durchgegangen. Der Niedergang begann 1968, und schon damals kam er unter dem Banner des Fortschritts: Damals beschloss die Regierung, dass in einer modernen Türkei kein Platz für Höhlenwohnungen sei. Im ganzen Tigris-Tal wurde das Wohnen in den bequemen, klimatisch perfekt angepassten Behausungen verboten, die Menschen mussten in neu gebaute Beton-Häuser ziehen. Seither werden die Höhlen als Ziegenställe genutzt, auch wenn immer wieder Familien in ihr altes Heim zurückkehren: Erst letzte Woche wurden wieder drei aus ihren Wohnungen vertrieben. Die Stadt florierte weiter, bis vor über zehn Jahren der Denkmalschutz als Waffe eingesetzt wurde. Zu dieser Zeit – in den 1990er Jahren – wurden über 4.000 Dörfer in der Kurdenregion vom Militär geräumt, Millionen Menschen siedelten sich in den Elendsvierteln der großen Städte an. Hasankeyf durfte stehen bleiben – doch das Leben dort wurde fast unmöglich: Unter dem Vorwand des Denkmalschutzes wurde das Bauen und Renovieren verboten. Obwohl die Stadt ein Touristenmagnet sein könnte, gibt es keine Bank und kein Hotel. „Sie hungern uns langsam aus“, sagt der Betreiber eines Restaurants. „Ich kann nicht einmal eine neue Küche bauen – Denkmalschutz. Dabei ist mein Haus gerade einmal 35 Jahre alt.“
„So ernst kann es der Regierung mit dem Denkmalschutz allerdings nicht sein“, meint Jake. Er ist Archäologe aus Holland und derzeit damit beschäftigt, so viel wie möglich von den kulturhistorischen Schätzen zu sichern, bevor das Wasser kommt. Vor kurzem waren sie noch zu siebt, jetzt sind nur mehr vier Archäologen im Ort. „Die Aufgabe ist unlösbar: Man kann nicht 11.000 Jahre Geschichte in fünf Jahren aufarbeiten“, meint Jake. Dabei dienen Leute wie er als wichtiges Argument der Staudamm-Betreiber: Man wolle die archäologischen Schätze in die Altstadt schaffen und dort ein offenes Museum daraus machen – offen für BesucherInnen, aber leer von Menschen. Ein Disneyland des Zweistromlandes statt einer lebendigen Stadt.
Die Menschen sollen in einen neu gebauten Ort umgesiedelt werden, der gegenüber des Altstadt-Museums an den felsigen Abbrüchen des Tigristals entstehen soll: Eine Steinwüste, in der kein Grashalm wächst – was sich auch durch den Stausee nicht ändern wird, der dem Umland weiter Wasser entzieht. „Wovon sollen wir dort leben? Dort kann man nicht einmal Ziegen halten!“ heißt es dazu in der Stadt. Die meisten sind entschlossen, lieber die Entschädigungszahlung zu nehmen, so sie denn kommt, und in eine der größeren Städte zu ziehen, wie schon die vielen KurdInnen, die in den 1990er Jahren vertrieben wurden.
Doch in den Dörfern am Tigris glaubt man an diese Entschädigungszahlungen nicht. Süceken etwa, eine halbe Stunde flussaufwärts von Hasankeyf, wird zur Gänze im See verschwinden. „Unser Dorf hat schon sehr viel mitgemacht: 1982 wurde es bombardiert, in den 1990er Jahren sollte es mehrmals geräumt werden. Wir haben es in letzter Minute geschafft, die Räumungen mit internationalen Protestaktionen zu verhindern. Aber Landtitel haben wir keine“, erzählt Omar Alsu. Diese sind nun Großgrundbesitzern überschrieben – „und die werden wohl auch die Entschädigungszahlungen kassieren“, fürchtet er. „Sie wollen uns einfach vertreiben. Das ist kein Staudamm, das ist eine Waffe.“

Der Staudamm als Kriegsinstrument: Was wie eine gewagte Interpretation klingt, wird auf der Fahrt nach Ilisu – dem Ort, an dem der Damm gebaut werden soll – erschreckend plausibel. An der kleinen, gewundenen Straße stehen Panzer, die Maschinengewehrnester sind mit Sandsäcken gesichert, tausende Patronen hängen über den Gestellen. Und wer sich noch um fünf Uhr Nachmittag in Ilisu aufhält, wird zum Aufbruch gedrängt: Ab Einbruch der Dunkelheit sei die Gefahr zu groß, in eine Schießerei zu geraten, warnt man uns. In der Abenddämmerung ziehen lange Reihen türkischer Soldaten in die Berge – es gibt hier jeden Tag Gefechte und jeden Tag Tote. „Die Regierung führt wieder einen offenen Krieg gegen die Kurden“, sagt Alsu. „Was das Militär nicht schafft, soll nun das Wasser vollbringen – die Kurden aus der Gegend zu vertreiben.“
Die Frage, ob die Menschen in der Region den Staudamm wollen oder nicht, ist daher Gegenstand erbitterter Diskussionen zwischen Konsortium und StaudammgegnerInnen geworden. Über 80 Prozent der Bürgermeister und Gemeinderäte der Gegend haben sich gegen den Damm ausgesprochen, die Hauptstadt Dyarbakir finanziert sogar ein eigenes Informationsbüro, das BesucherInnen die andere Seite der funkelnden Medaille von Fortschritt, Stromerzeugung und blühenden Landschaften zeigen soll, mit der Regierung und Baukonsortium hausieren. Nach einer umfassenden Fragebogenaktion behauptet nun das Konsortium, dass über 80 Prozent der Bevölkerung für das Projekt seien. Allein: Diese Frage kam im Erhebungsbogen – der selbst nach Details wie der Zahl der pro Tag konsumierten Oliven fragte – nicht vor. „Wir kommen uns vor wie Versuchskaninchen, deren Verhalten genau studiert wird, bevor sie zur Schlachtbank geführt werden“, sagt dazu ein Bewohner von Süceken. „Man interessiert sich dafür, was wir essen. Aber ob wir bleiben wollen, das werden wir nicht gefragt.“
Eine Gegenbefragung der Initiative „Save Hasankeyf“ zeigt ein ganz anderes Bild: Demnach sind an die 90 Prozent der Bevölkerung gegen das Projekt. „Uns hat nie jemand etwas von Entschädigungen erzählt, und wir sehen an den anderen Staudämmen, dass die Landschaft rundherum zu Wüste wird – uns wird nur übrig bleiben, nach Europa zu gehen oder in den Elendsvierteln von Dyarbakir unterzukommen“, meint Omar aus Süceken. „Ich gehe hier jedenfalls nicht freiwillig weg.“ Einige der rebellischen Dörfer wird die Regierung wohl mit militärischer Gewalt zwangsräumen müssen.

Die Bewohner von Hasankeyf hoffen nun auf Europa: Denn ob der Staudamm gebaut wird oder nicht, wird nicht in Ankara entschieden, sondern bei den Financiers – den Exportkreditagenturen in Wien, Berlin und Bern. „Hasankeyf liegt an der Wiege der Menschheit. Wir haben selbst den Ansturm der Mongolen überstanden. Aber das Wasser werden wir wohl nicht überleben“, sagt Ayhan. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Österreich das will.“

Die Autorin ist freie Journalistin in Wien.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen