Ein flotter Twen

Von Martin Jäggle ·

20 Jahre SÜDWIND-Magazin: die Entwicklung einer publizistischen Ausnahme-Erscheinung.

Was 1979 als EPN (Entwicklungspolitische Nachrichten) begonnen hatte, mutierte 1991 zum SÜDWIND-Magazin. Wer von Anfang an dabei war und gewissenhaft gelesen hat, darf auf mittlerweile 217 Ausgaben mit über zehntausend Seiten und entsprechende als Lesezeit verbrachte Lebenszeit zurückblicken.

Die EPN erblickte mit der Nummer 0 am 26.9.79 das Licht der Öffentlichkeit.

Der Eigentümer, der Österreichische Informationsdienst für Entwicklungspolitik (ÖIE), wollte den EPN ?Eigenständigkeit? gegenüber dem gesellschaftlichen Establishment sicherstellen.

Die Redaktion sollte ?eine unabhängige Berichterstattung über aktuelle entwicklungspolitische Fragen, gebunden an die Grundsatzerklärung des ÖIE?, versuchen. Als publizistische Richtschnur war ihr mitgegeben, eine Zeitschrift zu machen, ?leicht lesbar, allgemein verständlich, abwechslungsreich und lebendig im Stil, vom Engagement für unterpriviligierte Gruppen getragen und von der Kritik an Systemen und Instrumenten gekennzeichnet sein, die zur Verursachung und Verfestigung von Ungleichheit führen?.

Außerdem sollten die EPN ?Möglichkeit zur Diskussion gegensätzlicher entwicklungspolitischer Standpunkte – auch außerhalb der Blattlinie der Zeitschrift und der Grundsatzerklärung des ÖIE? bieten. ?Obwohl eine solche Diskussion in Österreich derzeit nicht üblich ist?, war der Eigentümer ÖIE überzeugt, ?daß sie echt nottut? und wollte ?sie daher mit allen Kräften fördern?.

INI = Und die Redaktion hielt sich an den Auftrag. Selbst der Internationale Währungsfonds, der ?Gott-sei-bei-uns? engagierter Entwicklungspolitik, konnte die Thesen von Rudolf Strahm kommentieren. Und als 1988 die staatliche Entwicklungshilfe-Verwaltung die entwicklungspolitische Szene durcheinanderwirbelte, interviewten die EPN den jetzigen Klubobmann der ÖVP, Andreas Khol. Dieser hatte sich damals für einen entwicklungspolitischen Kurswechsel stark gemacht.

Doch Kontroversen sichtbar und fruchtbar machen, ist mühsam in Österreich. 1986 qualifizierte Gustavo Esteva ?Entwicklung? als ?die Verrückheit der Moderne?. 1992 plädierte Wolfgang Dietrich mit der Frage ?Gibt es ein Leben nach der Entwicklung?? für ?einen Wechsel der Paradigmen in der entwicklungspolitischen Diskussion?, und 1995 forderte Esteva mit ?Entwicklung stinkt!? nichts Geringeres als ?das Ende von Entwicklung und Hilfe?.

Doch die Resonanz war gering. ?Leider ist die Kultur des Streitens ein wenig verkommen?, zieht der heutige Verlagsleiter des SÜDWIND-Magazins, Rupert Helm, resignierend Bilanz, ?nur wenige machen sich die Mühe und beziehen Stellung?.

INI = Aus heutiger Sicht muten manche Fehler der Anfänge bizarr an.

Ende 1979 durfte etwa ein Lateinamerikaexperte anläßlich der Sowjet-Invasion in Afghanistan von einem ?strategisch so wenig bedeutsamen Land wie Afghanistan? schreiben.

Und manchmal gerieten Kommentare zu einer Art Kampfaufruf, besonders wenn der Glaube an eine rasche und grundlegende Neuordnung der Welt noch ungebrochen war.

Wenn in den ersten EPN-Jahren über Äthiopien nur eine beschönigende Notiz vom ?Umbau eines jahrtausendealten Feudalsystems? Aufnahme fand, dann ist das (nicht nur) aus heutiger Sicht beschämend. Der Streit über die (entwicklungs-) politische Wahrheit führte zu redaktionellen Lähmungserscheinungen. Damit verbunden war auch der Streit über die richtige (wahre) Solidarität: bedingungslos oder kritisch?

Als Salman Rushdie, ?begeistert von der Revolution und der Regierung der Dichter?, kritisch von seinem Nicaragua-Besuch erzählte, fragte sich die Redaktion, ?ob es opportun sei, in dieser international schwierigen Lage Nicaraguas, eine Kritik zur Pressefreiheit von solcher Heftigkeit abzudrucken? – und gab dem ?Schlafzimmer der Madame Somoza? eine Doppelseite.

Ini = Die Auseinandersetzung war (zeitbedingt?) anfangs hoch moralisierend, die Einhaltung von immer mehr Normen wurde zur Pflicht. So galt ?für die entwicklungspolitisch Engagierten in Österreich das unbedingte Gebot, gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes Zwentendorf Partei zu ergreifen?. Wenn Kampf und Kämpfen wie Schlüsselworte der ersten Jahre häufig auftauchen, so lag dies auch an den vielen militärischen Konflikten, bewaffneten Befreiungsbewegungen, Stellvertreter-Kriegen, und an der politischen Hoffnung, militärische Siege unserer Sympathieträger wären die wichtigste Voraussetzung zur Lösung alter Probleme.

Das neutrale Österreich, ?der Geizhals Europas? bei EZA-Leistungen, stand auf einmal als Förderer von Militärdiktaturen da. Im Kampf gegen die Lieferung österreichischer Panzer nach Argentinien, Bolivien, Chile und Marokko, der damals Zehntausende mobilisierte, gaben die großen Jugendorganisationen das letzte wirksame politische Lebenszeichen.

Der Export von Waffen aus Österreich wurde erschwert und 1982 dem ÖIE, und somit den EPN, die Subvention gekürzt, ?weil die Kampagne 'Entwicklung statt Rüstung' den Interessen der Verstaatlichten Industrie entgegensteht?.

Umso erfreulicher hebt sich davon heute Österreichs erfolgreiches Engagement für das Anti-Personen-Minen-Abkommen ab.

INI = Kritisch allerdings wurde es 1988 für den ÖIE und die EPN, als der Rechnungshof monierte, daß ?häufig entwicklungspolitischen beziehungsweise außenpolitischen Inhalt aufweisende Artikel veröffentlicht wurden, deren Tendenz nicht immer den Vorstellungen des Fördergebers entsprochen haben dürfte?. Mit Hilfe dieser abstrusen Argumentation sollten die EPN an die politische Kandare genommen werden. Doch die Zeitschrift gibt es heute noch, während Verantwortliche von damals nicht mehr im Amt sind.

Jede Redaktion huldigt dem Prinzip des Leistungssportes, den anderen voraus zu sein, und sichert damit den LeserInnen Aktualität. Über AIDS in Afrika, die Verschuldungskrise oder das MAI war in EPN/SÜDWIND zu lesen, bevor die Großen der Medienbranche diese Themen entdeckten.

Den Wettlauf um die Aufdeckung des Noricum-Skandals, den illegalen Export österreichischer Kanonen in die Golfkriegsregion, verloren die EPN nur, weil eine Monatszeitschrift produktionsbedingt einer Wochenzeitschrift unterliegen muß.

INI= Dreimal wurde die Arbeit, die in Serien investiert worden ist, durch eine nachfolgende Publikation in Buchform zusätzlich honoriert, zuletzt als Beitrag zu 1000 Jahre Österreich. (Irmgard Kirchner/Gerhard Pfeisinger (Hg.), Welt-Reisende. ÖsterreicherInnen in der Fremde, Promedia, Wien 1996)

Es gab aber auch Auszeichnungen für RedakteurInnen (Werner Hörtner 1995) und einzelne Beiträge (Carola Brezlanovits 1996, Robert Poth 1999).

Aber wie sich doch die Zeiten geändert haben! Anfangs riefen die EPN auf ?zur Mithilfe beim Layout-Kleben, Zusammentragen und Leimen, Postaufgabe?, zum Boykott südafrikanischer Früchte und zur Verhinderung österreichischer Waffenexporte.

Heute fordert der SÜDWIND auf, Politiker zu adoptieren, informiert über trans-faire Produkte, die Clean-Clothes Kampagne und Aktionen für einen großzügigen Schuldennachlaß.

INI = Der Weg zur Lese- und LeserInnenfreundlichkeit war schwer. ?Inhaltlich überwiegend gut und interessant?, urteilte eine Leserin in den ersten Jahren, ?aber insgesamt zu lang, zu klein gedruckt (ohne Zeilenabstand noch dazu), futzelig aufgemacht, daher schwer lesbar?.

Deutliche Schritte zu einem Magazin wenige Jahre später zeigten Wirkung: ?Auf Grund des neuen Layouts ist es mir erstmals gelungen, die gesamte EPN zu lesen?, jubelte ein Leser.

Ein Novum für entwicklungspolitische Publikationen war bald der Kulturteil. Der heutige Erfolgsautor Erich Hackl, damals einfacher Zivildiener beim ÖIE, half bei der Weiterentwicklung. Sein Nachruf auf Manuel Scorza könnte das Konzept verständlich machen: ?Scorzas Romanschaffen war den sozialen Kämpfen verpflichtet, aber nicht untergeordnet. Literatur als Mittel der Denunziation allein hat ihm nicht genügt. Er sah die Umwälzung der gesellschaftlichen Zustände – in Peru und überall – zwar als Voraussetzung, aber nicht als Ende menschlicher Sehnsucht: 'Die wahre Revolution ist das Glück.'?

INI = In Luxemburg wird der SÜDWIND zu den ?Top Ten der europäischen Dritte Welt-Publizistik gezählt? und als ?Flaggschiff in der endlosen Schlacht um mehr Solidarität von Nord nach Süd? eingestuft.

Dem SÜDWIND gelingt es, ?eine möglichst breite Palette von nicht nur politischer Aktualität aus dem Süden in die gutbürgerlichen Stuben Europas zu pusten?.

Trotzdem könnte es heute noch zu denken geben, was Eva Kreisky dem ÖIE – und den EPN – zum 10-Jahre-Jubiläum ins Stammbuch schrieb von den ?Blockierungen und Selbstblockierungen?, die auch scheitern lassen mußten:

über die ?uns selbst auferlegten puritanischen Schlingen?; über den Raubbau an ?unseren schöpferischen Kräften? und den ?ungeheuren Verschleiß an aktiven und engagierten Menschen?; über ?das recht mühsame Unterfangen?, das Informationsarbeit für gerechtere Beziehungen zur Dritten Welt darstellt, die ?massiven und zählebigen Bewußtseins- und Vorurteilsbarrieren? mit denen sie zu rechnen hat, ?die oftmals auch Resignation und Verzweiflung ob der gesellschaftlichen Verhältnisse hochkommen lassen?.

Martin Jäggle ist Professor an der Religionspädagogischen Akademie in Wien. Er hat die entwicklungspolitische Szene in Österreich von Beginn an maßgeblich mitgeprägt: unter anderem als Gründungs- und Vorstandsmitglied des ÖIE. Seit 17 Jahren ist er ehrena

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