„Ein Kampf, nicht gegen, sondern für etwas“

Von Redaktion ·

Henning Melber, Afrikawissenschafter und -publizist, trat 1974 als erster Weißer der namibischen Befreiungsorganisation SWAPO bei. Südwind-Redakteurin Martina Kopf sprach mit ihm über den Unabhängigkeitskampf und nachkoloniale Verhältnisse.

Südwind: Sie sind seit über 30 Jahren Mitglied der SWAPO. Was waren damals Ihre Gründe, einer afrikanischen Befreiungsorganisation beizutreten?
Henning Melber:
Wenn ich gefragt werde, was ich bin, sage ich meistens zur Verwirrung der anderen: Ein deutschstämmiger Namibier, der in Schweden lebt. Ich kam 1967 mit 16 Jahren als Sohn von Einwanderern aus Deutschland nach Namibia, und als ich die Schule beendet hatte, war Namibia für mich die Heimat. Aufgrund dieser Identifikation mit der Gesellschaft war der nächste logische Schritt, 1974 in die SWAPO einzutreten. Die Folge war strikte Ausgrenzung aus der weißen Siedlergesellschaft. Zu dieser Zeit konnte man das Lager nicht wechseln, das war in der Apartheid nicht möglich. Ich habe damals in Berlin studiert und durfte von 1975 an bis zur Unabhängigkeit 1989 nicht mehr nach Namibia einreisen.

Spielte es eine Rolle, dass Sie weiß sind?
Ich war der erste Weiße in der SWAPO und hatte damals viele Schuldgefühle. Wenn Schwarze was sagten, gab ich ihnen immer recht. Das ist eigentlich Rassismus unter umgekehrten Vorzeichen. Inzwischen gelte ich als einer der radikalsten Kritiker der nachkolonialen Verhältnisse und und ich fühle mich zumindest moralisch dazu berechtigt. Ich kritisiere autoritäre Strukturen, die Billigung von Menschenrechtsverletzungen, die sehr engen Grenzen des Demokratieverständnisses. Viele von uns sind in die SWAPO eingetreten, weil es nicht nur ein Kampf gegen, sondern vor allem für etwas war: für Demokratie, für mehr Gleichheit, für die Wahrung von Menschenrechten, für mehr soziale Gerechtigkeit. Die Mehrheit der Bevölkerung hat Befreiung zu Recht auch gleichgesetzt mit Verbesserung ihrer sozialen Lage. Wenn die Armut in Namibia heute so groß ist wie zur Unabhängigkeit, dann haben wir unseren Auftrag nicht erfüllt, und wir müssen uns zumindest fragen, warum wir ihn nicht erfüllt haben.

Sie haben 1982 den Gedichtband „It is no more a cry“ herausgegeben, der die Kultur des Befreiungskampfes dokumentiert. Unter den Autoren ist keine einzige Frau. Sie sagen nachträglich, es sei eine „Macho-Kultur des Widerstandes“ gewesen.
Der militärische Widerstand war eigentlich immer in erster Linie eine Männerangelegenheit. Die meisten antikolonialen Befreiungsbewegungen haben zwar Frauen neue Positionen eröffnet – bis hin, dass sie als Soldatinnen an der Front waren – aber immer in einer untergeordneten Rolle. Das gleiche gilt für das Exil. Die Frauen, die rausgegangen sind – so viele wie Männer – hatten meistens die dienenden Rollen. Sie haben die Männer bekocht oder im Flüchtlingslager die Wäsche gemacht. Sie wurden auch als Sexualobjekte missbraucht.
In Angola und Sambia durften sie keinen Kontakt zu einheimischen Männern haben. Wenn sie das wagten, wurden sie massiv abgestraft, das galt als Verrat. Die SWAPO-Männer im Exil hatten solche Auflagen nicht. Diese Scheinheiligkeit zeigt, dass es eine zutiefst männlich bestimmte Gesellschaft war und bis heute geblieben ist. Das wiederholt sich in der nachkolonialen Kultur, wo der Befreiungskampf mystifiziert wird. In Windhoek gibt es eine Heldengedenkstätte. Da steht ein überdimensionaler unbekannter Soldat, der ein bisschen wie Ex-Präsident Sam Nujoma aussieht, vor einem Obelisken, einem monströsen Phallussymbol.

Wie erleben Sie das politische Klima im nachkolonialen Namibia?
Ich hatte schon 1990 Schwierigkeiten, wieder dauerhaft nach Namibia zurückzukehren. Da hatte ich bereits die Menschenrechtsverletzungen der SWAPO öffentlich kritisiert und eine Aufarbeitung eingefordert. 1992 bekam ich eine Stelle als Leiter des autonomen Forschungsinstitutes NEPRU, der Namibian Economic and Policy Research Unit. Wir machten Politikberatung für die SWAPO-Regierung und gingen ab Mitte der 1990er Jahre verstärkt mit Kritik an deren politischen Entscheidungen an die Öffentlichkeit. In Namibia hat sich dann wieder so eine Kultur der Angst verbreitet. Wenn ich Leute eingeladen habe, bei mir zu bleiben, sagten sie, bei dir übernachten wir nicht mehr. Wenn ich abends heimfuhr, ertappte ich mich dabei, dass ich wie in Apartheidzeiten in den Rückspiegel schaute, ob mir ein Auto folgte. Aufgrund der absehbaren Perspektive, dass ich irgendwann vor dem Nichts stehe – und in Namibia kann man nicht wie in Südafrika ausweichen und in die Privatwirtschaft gehen oder in eine Nichtregierungsorganisation – habe ich schließlich an das Nordische Afrika-Institut in Uppsala gewechselt. Trotzdem ist mir nicht passiert, wovor ich am meisten Angst hätte, dass man mir wieder sagt: Du kommst hier nicht mehr rein. Solange ich in Namibia einreisen kann, bin ich der erste, der sagt: Wir haben etwas geschafft.

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