Werner Leiss hört sich um

Ein radikaler Poet

Daniel Kahn & The Painted Bird präsentieren mit „The Butcher’s Share“  ein überzeugendes neues Album.

Daniel Kahn ist in Detroit, Michigan, in den USA geboren und in einer jüdischen Familie aufgewachsen. Seit 2005 ist Berlin sein Lebensmittelpunkt. Er ist häufig unterwegs, quer durch Europa, auch in Russland, Israel und den USA. Gearbeitet wird mit verschiedensten Leuten aus der ganzen (jüdischen) Welt. Er ist Mitbegründer von etlichen spannenden Projekten wie The Brothers Nazaroff, The Disorientalists und dem Semer Ensemble. Am Berliner Maxim-Gorki-Theater arbeitet er als Regisseur und Autor. Die Band wurde seit dem Erscheinen von „Bad Old Songs“, dem letzten Album, etwas umbesetzt. Auch finden sich prominente Gäste wie Sasha Lurje und Lorin Sklamberg von The Klezmatics.

Folk-Punk & Klezmer. Das Textheft zu „The Butcher’s Share“ hält zur Einführung die Zeilen „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber“ parat. Dieser einst von der SPD verwendete, von Bert Brecht adaptierte Slogan ist freilich vielerorts hochaktuell. Mit dem Titelsong und Liedern wie „Freedom Is A Verb“ und „99%“ unterstreicht Kahn einmal mehr seine Begabung, Klassenkämpferisches in eine poetische Form zu bringen. Neben mitreißenden Folk-Punk-Kabarett-Stücken beweist die Band erneut, dass sie Klezmer auf grandiose Weise zu intonieren imstande ist.

Historisches Material. Als beißender Kritiker der gegenwärtigen Zustände erinnert er genauso an vergangene dunkle Zeiten. Dies unter Zuhilfenahme von auf Jiddisch getextetem Material. So ist „Arbeter Froyen-Working Women“ ein Lied für die entrechteten, lohnabhängigen Arbeiterfrauen des 19. Jahrhunderts. Es stammt von David Edelshtat, der aus Russland in die USA auswanderte. Er gehörte zur ersten jüdischen anarchistischen Gruppe in NYC.

Ebenso eindrucksvoll ist das Lied „Silent Stars – Shtil Di Nakht Iz Oysgeshternt“ geraten. Komponiert wurde es von Hirsh Glick, der in Wilna geboren wurde. Seine vertonten Gedichte und Lieder zählen zu den bekanntesten jiddischen Partisanenliedern gegen die NS-Terrorherrschaft. Zwar gelang ihm die Flucht aus dem Konzentrationslager, er wurde jedoch kurze Zeit später vermutlich von deutschen Truppen im August 1944 ermordet.

Daniel Kahn betont, dass dieses Album im Umfeld des Gorki-Theaters entstanden ist, „in dem Künstlerinnen und Künstler verschiedenster Herkunft einen gemeinsamen Boden finden, auf dem es nicht um gespaltene Identitäten, sondern um radikale Visionen und komplizierte Narrative geht“.

„The Butcher’s Share“ von Daniel Kahn & The Painted Bird ist, so, wie sämtliche Vorgänger-Alben, beim Label Oriente erschienen. Am 16. Februar tritt die Band im Jazzit in Salzburg und am 18. Februar im Rahmen des Akkordeonfestivals im Wiener Vindobona auf.

Werner Leiss ist Musikkritiker des Südwind-Magazins und Redakteur des „Concerto“, Österreichs Musikmagazin für Jazz, Blues und Worldmusic.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen