Ein sanfter Tod

Ivan Illich 1-2/2003

Von Martina Kaller-Dietrich
Danke für den Nachruf auf Ivan Illich. Die Würdigung dieses so vielfältigen Denkers und außergewöhnlichen Freundes ist gut gelungen. Eine Einschränkung aber sei mir erlaubt: Es wäre in Illichs Sinn, wenn nicht propagiert würde, dass Ivan an einem Tumor gestorben sei. Dem Illich der „Nemesis der Medizin“ wird man mit einer solchen Meldung nicht gerecht. Um die leidige Frage nach der Todesursache nicht länger aufzurollen – denn woran stirbt ein Mensch eigentlich? –, wäre es vielleicht von Interesse zu wissen, dass er in Bremen in der gastlichen Kreftingerstraße, dem Haus seiner jahrzehntelang engsten Vertrauten Barbara Duden, gelebt hat. Mit Mathias Rieger und Silia Samerski, die auch seit Jahren dort zu Hause sind, war Ivan im Kreise seiner Lieben gut aufgehoben gewesen. Am 2. Dezember nach dem Frühstück hatte er sich noch einmal zurückgezogen. Silia Samerski hat ihn einige Stunden später für immer friedlich ruhend in seinem Bett gefunden. Vielleicht war Ivan einfach nur müde gewesen, und daran ist er dann auch gestorben – vermutlich die friedlichste Art, aus der irdischen Existenz zu treten.
Mit dem Sterben hatte sich Ivan Illich Zeit seines Lebens intensiv befasst. Berührend schöne Texte sowie glasklare Beobachtungen und Untersuchungen über diesen Teil unserer Lebendigkeit hatte er im Laufe seines Lebens verfasst. Nichts Unerwartetes oder gar Abwendbares bedeutete ihm der Tod. So feinsinnig wie Ivan war, so feinsinnig ist er für immer gegangen.
Ich hatte mit Barbara Duden ein langes Gespräch darüber, deshalb erlaube ich mir diese Bemerkung. Es geht (auch) darum, wenigstens im eigenen Kreis darauf zu achten, dass unser Erinnern an Ivan Illich nicht von den selbst gemachten oder gar von den oktroyierten Bildern der medizinischen Institutionen überschattet wird.

Martina Kaller-Dietrich
Universität Wien

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