Ein völlig verrücktes Projekt

Von Peter Nowak ·

Eine neue Form des Internationalismus ist geboren: Ein halbes Tausend Menschen aus dem Süden, vor allem Bauern und Bäuerinnen aus Indien, tourten einen Monat lang durch Europa, um Bündnispartner für ihren Kampf zu suchen. Von der „Internationalen Karawane

Es war schon ein exotisches Bild, als in einer Vollmondnacht zu Pfingsten Hunderte Menschen am Portal der Klosterkirche Dambeck in Sachsen-Anhalt aus ihren Bussen steigen. Die Frauen waren in bunte Saris gehüllt, die Männer trugen grüne Schals.

Dambeck war die erste Station der „Internationalen Karawane für Solidarität und Widerstand“. 500 Menschen aus Afrika, Asien und Lateinamerika machten sich auf den langen Weg und sind einen Monat lang durch verschiedene europäische Länder gereist. Der Höhepunkt war ihre Teilnahme an der Protestbewegung gegen das Weltwirtschaftstreffen am 19. Juni in Köln. Die überwiegende Mehrzahl der BesucherInnen sind Mitglieder der KRRS (Karnataka State Farmer’s Organization), einer im südindischen Bundesstaat Karnataka aktiven Bauernorganisation.

Nicht als arme BittstellerInnen aus dem Süden, die in den reichen Ländern um Hilfe bitten, kam die Karawane nach Europa. Ihre Aktion stand unter dem selbstbewußten Motto: „Wenn du kommst, um uns zu helfen, kannst du gleich nach Hause gehen. Wenn du aber kommst und unseren Kampf unterstützt, kannst du mit uns kommen.“

„Wir wollen den Menschen aus erster Hand eine Vorstellung über die Auswirkungen vermitteln, die die Politik des Nordens auf uns hat und wie sie unsere Lebensgrundlagen zerstört“, erklärte der Sprecher und Präsident der KRRS, Professor M. D. Nanjundaswamy. Trotz seines Akademikertitels lebt er in einem einfachen Bauernhaus und verdient seinen Lebensunterhalt als Landwirt.

Im überwiegend agrarisch geprägten Karnataka hat in den letzten Jahren eine sprunghafte Politisierung eingesetzt. Mit über 10 Millionen Mitgliedern wurde die KRRS zur stärksten außerparlamentarischen Organisation des indischen Subkontinents.

Ihre Popularität bezieht die Organisation nicht nur aus dem vom indischen Staatsgründer Mahatma Gandhi konzipierten Dorfmodell. Seit Jahren initiiert sie Proteste gegen Biotechnologie und die Liberalisierung des Welthandels.

Schon gegen den WTO-Vorgänger GATT konnte die KRRS Zigtausende mobilisieren.

Der aktuelle Hauptangriffspunkt ist der US-amerikanische Saatgutkonzern Monsanto, der sich im Mai 1998 bei Indiens größtem Saatguthersteller Mahyco eingekauft hat. Mit Anzeigen in den größten indischen Tageszeitungen versuchte der Konzern eine Good-Will-Tour: „Monsanto versichert, nur solche Technologien nach Indien zu bringen, die die Wahlfreiheit und die Möglichkeiten der Farmer erweitern“, heißt es dort beruhigend. Für die betroffenen Bäuerinnen und Bauern sind diese Botschaften aus dem Hause Monsanto purer Zynismus. Denn die Realität sieht anders aus, wie Professor Chary vom Centre of World Solidarity (CWS) im Interview mit der Berliner Partnerorganisation Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) berichtete: „Was die Bauern so aufbringt, ist die Vermutung , daß ihnen mit der Einführung der insektenresistenten Baumwolle die Kontrolle über das Saatgut noch rascher aus der Hand gleiten wird.“

„Bei den Bauern geht jetzt die Furcht um, daß ihnen Monsanto sprichwörtlich das Genick bricht“, erklärt Professor Chary. Aus diesem Mut der Verzweiflung ist auch der immense Widerstandswillen der Farmer zu erklären.

1992 startete KRRS seine „Saatgut Satyagraha“, ein an Gandhi angelehntes Konzept des zivilen Ungehorsams, bei dem jegliche Verletzung von Menschen strikt ausgeschlossen, Gewalt gegen Sachen aber toleriert wird. Immer wieder wurden Büros von Saatgutkonzernen und die Filialen der Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken besetzt. Mehrere Wissenschaftlertagungen wurden durch Bauernproteste behindert.

Ende letzten Jahres verschärften sich die Proteste noch einmal und zeigten erste Erfolge. Am 28. November 1998 wurde ein Feld in Brand gesetzt, auf dem Monsanto Feldversuche mit genetisch manipuliertem Saatgut durchführte. Zwei Tage später stürmten AktivistInnen der Bauernbewegung das Bürogebäude von Monsanto in Hyderabad. Daraufhin mußte der Konzern die Versuche in dem Bundesstaat abbrechen.

Den widerständischen Bauern und Bäuerinnen ist bewußt, daß dauerhafte Erfolge gegen einen Weltkonzern wie Monsanto nur durch internationale Zusammenarbeit möglich sein werden. Im Februar 1998 hat sich die KRRS mit der brasilianischen Landlosenbewegung MST, den mexikanischen Zapatisten, der nigerianischen Ogonibewegung MOSOP und kleineren Gruppen aus Asien und Amerika zur „Peoples Global Action“ (PGA) zusammengeschlossen. Es gibt keine feste Organisationsstruktur und folglich auch kein Programm.

Die PGA will möglichst viele Menschen zu praktischen Aktionen gegen Freihandel und WTO zusammenbringen.

Bei der Gründungskonferenz in Genf im Frühjahr 1998 wurde ein Koordinationskomitee zur Vernetzung der unterschiedlichen Aktionen gewählt. Ohne die Initiative der Zapatistas, die auf internationalen Treffen in Chiapas und in Spanien das Vernetzungsprojekt vorangetrieben haben, wäre dieses Netzwerk nicht entstanden. Doch eine zapatistische Internationale, die Spötter schon erkennen wollen, wird die PGA nicht werden. Die Grundsätze der Basisdemokratie und der Eigenverantwortlichkeit lassen das nicht zu.

Der bunte Haufen von Landkommunen, alternativen Christen und Internationalistinnen, die sich in Deutschland der PGA zugehörig fühlen, hatten in den letzten Monaten alle Hände voll zu tun, um die Infrastruktur für die Karawane bereitzustellen. „Am Anfang nannten die indischen Organisatoren und die europäischen Koordinatoren die Karawane TCP – Total Grazy Project. Jetzt sind wir selbst erstaunt, daß es zustande gekommen ist“, so Mirco, ein Mitorganisator der ersten Stunde.

Als eine völlig neue Form der internationalen Zusammenarbeit bezeichnete Mitkoordinatorin Inga das Projekt. Differenzen und Auseinandersetzungen aber sind schon einprogrammiert. „Wenn man sich wirklich mit den unterschiedlichen Lebensrealitäten und Konzepten auseinandersetzt und nicht nur kritiklose Solidarität übt, ist Streit gar nicht zu vermeiden.“

Das Sprachproblem wurde schnell zum größten Hindernis für den erstrebten Austausch. Nur wenige KarawanenteilnehmerInnen sprachen englisch. So konnte sich oft ein Großteil der Bauern und Bäuerinnen nicht verständigen, weil sich für ihre unterschiedlichen indischen Sprachen partout kein Dolmetscher auftreiben ließ.

„Bis zum nächsten Treffen müssen wir alle Esperanto gelernt haben“, schlug Rajagopal Setty am Ende des Meetings vor. So erklärten denn aus pragmatischen Gründen häufig die deutschen Unterstützer den Zweck der Karawane, während sich die indischen HauptakteurInnen auf kurze Statements beschränkten und auf Fragen nur allgemein antworteten.

Wo es Raum für ausführliche Diskussionen gegeben hätte, verhinderte die Dominanz der deutschen Freunde den Austausch. So wußte man nach dem Besuch einer Arbeitsgruppe Ökonomie in Berlin viel über die Vorstellungen der als Moderatoren engagierten Berliner Erwerbsloseninitiativen, kaum etwas aber über die wirtschaftlichen Konzepte der KRRS.

Auch unter den indischen AktivistInnen herrschte längst nicht nur Eintracht. So sorgte im Vorfeld der Karawane ein über Internet verbreiteter Brief der bekannten indischen Ökofeministin Vandana Shiva in Europa für Verwirrung. Ein Teil der KarawanenteilnehmerInnen seien bezahlte Handlanger der Saatgutindustrie und der Banken, klagte sie an. An Aktionen der KRRS gegen die Saatgutfirmen seien auch lokale RepräsentantInnen der hindufundamentalistischen Regierungspartei BJP beteiligt gewesen, so ein weiterer Vorwurf von Shiva.

Die Publizistin und Indien-Kennerin Ute Sprenger widerspricht „Vandanas Erzählungen“ heftig. Die Hindufundamentalisten haben sich nicht an KRRS-Aktionen beteiligt, sondern sie mit allen Mitteln zu beenden versucht. Diese Fakten seien Frau Shiva sehr wohl bekannt, so daß ihre anderslautenden Äußerungen als bewußte Diffamierung aus persönlichen Gründen bezeichnet werden können.

Aber auch die Gegenseite ist mit Vorwürfen nicht zimperlich Chandi Prasad Bhatt von der Chipko-Bewegung zum Beispiel bezichtigt die bekannte Autorin gar, sich selbst im Ausland als Leiterin der indischen Bauernbewegung aufzubauen.

Ob die Erwartungen der Karawane am Ende erfüllt wurden, steht noch offen. Schon aus Gründen der Höflichkeit würden sich die Gäste eine etwaige Unzufriedenheit nicht anmerken lassen. Doch einen Kritikpunkt mußte ein Teilnehmer dennoch loswerden: „Wir kamen mit eurem Essen nicht zurecht. Es ist nicht scharf genug.“

Der Autor lebt als freier Journalist in Berlin.

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