Eine Portion Antioxidantien, bitte!

In den Industriestaaten sind Nahrungsmittel im Überfluss vorhanden. Mit frischem Gemüse und Obst, Getreide und tierischen Produkten steht alles für eine ausgewogene Ernährung bereit. Vielen reicht das nicht. Sie greifen auf so genannte Convenience-Produkte und funktionelle Lebensmittel zurück.

Von Holger Christ & Katja Moch
Seit Jahren hat sich nicht nur der Trend zum Fast Food rasant entwickelt, sondern auch jener zu so genannten Convenience-Produkten. Gemeint sind damit Fertigprodukte, die nur noch kurz erhitzt oder aufgekocht werden müssen. Zeit und Gedanken, die normalerweise in die Zubereitung einer Mahlzeit investiert werden, reduzieren sich so auf den Griff in das Supermarktregal. Außerdem eignen sich diese portionierten Gerichte für die zahlreicher werdenden Single-Haushalte. „Convenient“, also bequem, sind diese Produkte vor allem für die Lebensmittelhersteller, weil sie damit mehr Geld verdienen können als mit den jeweiligen Ausgangsprodukten.
Außer bequem sollen Lebensmittel aber bitte auch gesund und funktional sein. Der Wunsch, durch Essen schlank und gesund zu bleiben, hat sich im Trend zu funktionellen Lebensmitteln niedergeschlagen. Dies sind Lebensmittel, die einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen für die VerbraucherInnen versprechen. Entweder soll der Gesundheitszustand verbessert oder das Krankheitsrisiko verringert werden. Vorbeugen will man chronischen Erkrankungen wie Übergewicht, Insulin-unabhängiger Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Folgen zucker- und fettreicher Ernährung.
Eigentlich sind solche Lebensmittel überflüssig. Bereits durch eine ausgewogene Kost mit natürlichen Lebensmitteln kann einer Vielzahl von Erkrankungen effektiv vorgebeugt werden. Für die Industrie sind funktionelle Lebensmittel wie auch Convenience-Produkte jedoch wesentlich lukrativer. Deshalb werden sie intensiv beworben, obgleich der tatsächliche Nutzen der Produkte in wissenschaftlichen Studien zumeist nicht bewiesen werden konnte oder noch gar nicht untersucht wurde. Für KonsumentInnen, die ihr Gewissen beruhigen möchten, etwas Gutes für ihre Gesundheit zu tun, erscheint der Kauf eines funktionellen Lebensmittels alle Mal einfacher als die Zusammenstellung eines ausgewogenen Speiseplans. Begriffe wie „nutraceuticals“, „designer food“, healthy foods“ oder „pharmafoods“ werden international für verschiedene funktionelle Lebensmittel verwendet und sollen ihren Konsum attraktiv machen.

Die häufigsten Zusätze in funktionellen Lebensmitteln sind derzeit Probiotika und Prebiotika, sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe (beispielsweise Antioxidantien), Fettersatz- und Fettaustauschstoffe, Omega-3-Fettsäuren und bioaktive Peptide.
Probiotika sind Mikroorganismen, zumeist Milchsäurebakterien, die einen positiven Einfluss auf den Magen-Darm-Trakt haben sollen. Als Prebiotika werden nichtverdauliche Bestandteile der Nahrung bezeichnet, die das Wachstum oder die Aktivität bestimmter Bakterien im Darm selektiv fördern sollen. Studien über die Wirksamkeit von Pro- und Prebiotika lieferten bislang keine ausreichenden wissenschaftliche Belege für deren Wirksamkeit.
Antioxidantien wirken gegen die Bildung reaktiver Oxidantien, die das Erbgut oder körpereigene Eiweiß-, Fett- oder sonstige Moleküle schädigen. Zu ihnen zählen die Vitamine E und C, Carotinoide und Flavonoide. Besonders Gemüse und Obst ist von Natur aus reich an diesen Wirkstoffen. Allerdings ergaben Untersuchungen, dass der Verzehr isolierter Antioxidantien mitunter sogar negative Wirkungen auf die Gesundheit haben kann.
Fettersatzstoffe sind Produkte, die aus Fettsäuren hergestellt werden, aber einen verringerten Energiegehalt aufweisen. Fettaustauschstoffe bestehen aus Stoffen (Bausteinen ) auf Eiweiß- oder Kohlenhydratbasis. In Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass Fettersatzstoffe keineswegs zur gewünschten Gewichtsabnahme führen, sondern mitunter sogar eine Gewichtszunahme bewirken.
Omega-3-Fettsäuren aus Fischölen sollen entzündungshemmend wirken und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle herabsetzen. Wissenschaftlich belegt werden konnte diese Wirkung bislang noch nicht. Allerdings wurde als negativer Effekt die Störung der Blutgerinnung durch die Gabe isolierter Omega-3-Fettsäuren in Versuchen beobachtet.
Bei bioaktiven Peptiden handelt es sich hauptsächlich um Milcheiweiße. Lactalbumin wird eine krebshemmende Wirkung zugesprochen, Lactoferrin zusätzlich eine antimikrobielle und antioxidative Wirkung. Auch hormonähnliche und regulierende Eigenschaften werden bioaktiven Peptiden zugesprochen. Entsprechende Nachweise stehen noch aus.

Die Reduktion von Lebensmitteln auf einzelne, isolierbare Inhaltsstoffe ist ein Ansatz, der der „Life Science Industrie“ entgegen kommt, aber nicht der Realität der komplexen Interaktionen und des Zusammenwirkens von Lebensmitteln und KonsumentInnen entspricht. Sinnvoller erscheint dagegen eine ausgewogene Mischkost und das Einhalten weiterer für die Gesundheit relevanter Faktoren wie ausreichend Bewegung.
Die Möglichkeiten, sich mit natürlichen Lebensmitteln gesund zu ernähren, sind in den Industriestaaten heute mehr denn je gegeben. Genutzt werden sie jedoch von zu wenigen Menschen.

Katja Moch, Diplom-Biologin, ist Mitarbeiterin im Bereich Biodiversität, Ernährung und Landwirtschaft im Öko-Institut Freiburg i.Br.

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