Eine Region, mehrere Fronten

Sudan und Tschad fördern jeweils Rebellenbewegungen im Nachbarland. Der Darfur-Konflikt reicht in den Osten von Tschad hinein. Während Milizen die Region ethnisch säubern wollen, kämpfen tschadische Rebellen um die Regierungsnachfolge.

Von Peter Böhm
Die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Sudan und Tschad geht auf den Beginn des Bürgerkrieges in Darfur im Winter 2003 zurück. Die tschadische Regierung förderte die Rebellen in Darfur und bot ihnen ihr Land als Rückzugsgebiet an. Wie der amtierende tschadische Präsident Idriss Déby sind die meisten Rebellen der Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit (JEM) Zaghawas, eine ethnische Gruppe, die ein Prozent der tschadischen Bevölkerung ausmacht und im Sudan nicht viel mehr.
Der Sudan fördert im Gegenzug tschadische Rebellen, die in mehr als zwei dutzend Gruppen aufgespalten sind und eine unübersichtliche Anzahl von Bündnissen untereinander eingegangen sind. Die wichtigste Allianz ist im Augenblick die Union der Entwicklung und der demokratischen Kräfte (UFDD). Sie wird geleitet von zwei Neffen Débys, Tom und Timam Erdimi, und dem langjährigen ehemaligen Verteidungsminister des Déby-Regimes, Mohamed Nouri. Die Rebellen haben in den vergangenen Monaten Städte im Osten von Tschad für ein paar Stunden eingenommen und sich dann wieder zurückgezogen. Diese Taktik ließ die Verwaltung dort fast vollständig zusammenbrechen. Die Rebellen rekrutieren sich fast ausschließlich aus dem engsten Kreis um Déby und haben, außer den Präsidenten zu stürzen, keine weiteren politischen Ziele benannt. Die bekannte tschadische Menschenrechtlerin Delphine Djiraibe (siehe Interview) nennt die Kampagne der Rebellen daher „den Krieg um die Nachfolge Débys“.
Es gibt keine Indizien, dass sich die tschadischen Rebellen an den ethnischen Säuberungen, die seit November 2006 betrieben werden, beteiligt haben. Außer, dass die Angriffe der Rebellen und die ethnischen Vertreibungen teilweise in denselben Regionen im Osten von Tschad geschahen, scheinen sie nichts miteinander zu tun zu haben.

Die sudanischen JEM-Rebellen und jene der zweiten wichtigen Gruppe, der Sudanische Befreiungsarmee (SLA), gehen in den Flüchtlingslagern im Osten von Tschad ein und aus. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk haben sie auch Minderjährige zwangsrekrutiert und ruhen sich dort aus, wenn sie nicht gerade in Darfur kämpfen. Medienberichten zufolge hat die tschadische Regierung sich zur Abwehr der Angriffe tschadischer Rebellen auf die sudanischen Rebellen verlassen.
Mitte Jänner hat der US-Sondergesandte Bill Richardson einen zweimonatigen Waffenstillstand zwischen den sudanischen Rebellen und der sudanischen Regierung ausgehandelt. Die Gewalt in Darfur ist nicht abgeebbt. 250.000 Menschen wurden bisher in dem Bürgerkrieg getötet und mehr als zwei Millionen aus ihren Dörfern vertrieben. Laut dem Mitte Jänner veröffentlichten Bericht mehrerer UN-Organisationen richtet sich die Gewalt dort zunehmend gegen humanitäre Organisationen. Es habe 30 Angriffe auf Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) gegeben, heißt es darin, bei denen zwölf NGO-Mitarbeiter getötet wurden.
Da sich der sudanische Präsident Omar al-Bashir nach wie vor die Stationierung einer UN-Truppe in Darfur verweigert, sind die internationalen Bemühungen darum nicht weiter gekommen. Bisher gibt es dort nur schlecht bewaffnete Beobachter der Afrikanischen Union. Im Jänner hat der Sicherheitsrat erstmals über die Entsendung einer internationalen Truppe in den Osten von Tschad beraten. Die tschadische Regierung hat öffentlich ihr Einverständnis erklärt, und außer China – das Land hat erheblich in die sudanische Erdölförderung investiert – scheinen alle ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates dafür zu sein.

Ob es jedoch jemals zu einer Stationierung von UN-Truppen im Osten von Tschad kommen wird, scheint nach den Erfahrungen in Darfur fraglich. Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan hat davor gewarnt, weil es keinen Waffenstillstand zwischen tschadischen Rebellen und Regierung gebe. Auch François Dureau, der Chef einer UN-Mission, die Ende Jänner im Tschad war, hat eventuelle Erwartungen gedämpft: Internationale Soldaten würden nicht entlang der Grenze stationiert, wie zuvor in UN-Kreisen in Erwägung gezogen. Falls sie überhaupt zum Einsatz kämen, würden sie sich darauf beschränken, die tschadische Zivilbevölkerung und die sudanischen Flüchtlinge zu schützen.

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