Eine verkehrte Botschaft: „…der Witz am Geld ist der Kredit“

Von Ernst Dorfner ·

Erich Kitzmüller / Herwig Büchele: Das Geld als Zauberstab und die Macht der internationalen Finanzmärkte


Eine Rezension von
Erich Kitzmüller, Herwig Büchele
Das Geld als Zauberstab
und die Macht der internationalen Finanzmärkte
LIT-Verlag Wien, 2005, 479 Seiten


Ein Buch vom Geld. Doch ohne Anfang, gewissermaßen. Nach nahezu hundert Seiten findet sich die Überschrift „Die Finanzmärkte – die Vollendung des Geldes“. Was da allerdings vollendet wird, wo Geld anfängt, findet sich nirgends. Geld ist demnach ein Zauberstab, und als solcher einfach da. Nur kommt der Zauberstab üblicherweise in Märchen vor. Aber das, was auf den etwa 450 Seiten gelesen werden kann, ist gerade kein Märchen ist. Es ist eine „große Erzählung“, wie die Verfasser selbst im Vorwort antönen. Eine faktenreiche Erzählung, gewiss. Aber dennoch eine, in der man so recht nichts zu fassen bekommt. Wie eine gallertartige Masse quillt einem alles aus den Händen, was man fassen will. Mit vielen und großen Worten wird etwas beschrieben, mit Worten gemalt, womit dann den Leser mit dem Lesen beschäftigt ist. Aber worüber schreiben sie? Nicht über eine überprüfbare Hypothese. Über einen Zauberstab, ja. Also über etwas, das sich einer rationalen Überprüfung entzieht, wo alles möglich ist. So bleiben sie auch dort, wo es um reale Erfahrungen geht, konturlos. Oftmals kommt die Wörter „Kredit“ und „Schulden“ vor. Aber was es damit auf sich hat, bleibt unbelichtet. Alles hängt zusammen, zugleich aber auch in der Luft. Daran aber muss auch der Vorschlag für „eine verantwortbare Finanzarchitektur“ gemessen werden. Es soll da etwas in verantwortbare Konturen gebracht werden, dessen Aggregatzustand man nicht kennt. Von dem man nicht weiß, was es ist. Ob es sich überhaupt formen lässt. Was man weiß, sind nur die hinterlassenen Tatmerkmale wie im Kriminalfall, an Hand derer man sich um ein Täterprofil bemüht.

Alles beleibt ohne erkennbaren Anfang – und damit auch ohne jeden Entwicklungszusammenhang. Das Scheitern ist damit programmiert.

Das Schicksal des Buches entscheidet sich in einem kurzen Satz mit acht Wörtern. Wobei es genau um diese Worte geht. Es geht nur um eine andere Aufreihung dieser: „Denn der Witz am Geld ist der Kredit.“ schreiben die Verfasser (S.93). Mit dieser Auffassung sind sie nun aber ganz deutlich vom überkommenen Geist des ahistorischen wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams, der Neoklassik, beherrscht. Was nicht wundern darf. Denn die Beschreibung der Realität, die Büchele auf Basis von Gesprächen eben mit Vertretern dieses Mainstrams vorgenommen hat, kann nichts anderes liefern, als eben diesen Eine Darstellung, die deshalb deutlich interessengeleitet sein muss. In der es darum geht, diesen Zauberstab gerade nicht zu entzaubern. Unser ganzes Geldwesen tritt ja in einer pseudo-religiösen Gewandung auf, ähnlich dem der orthodoxen Kirche, wo das Mysterium der Wandlung hinter der Ikonostase den Gläubigen verborgen bleibt.

Der Zauberstab lässt sich jedoch rasch entzaubern, wenn obige Worte anders aufgereiht werden: „Denn der Witz am Kredit ist das Geld.“ Eine kleine, aber bedeutungsschwere Änderung. Wobei sich neben der Reihung auch der Inhalt des Wortes „Kredit“ ändert. „Kredit“ als etwas, was jeder schaffen kann, wenn er nur Eigentum hat, um das Vertrauen sicher zu machen. Womit auch „Verschuldung“ seine Bedeutung erhält: Nicht krankhafte Erscheinung, sondern konstituierendes Element des Geldsystems.

„Credo“ – ich vertraue. Interessant, dass dieser Konnex den Verfassern nicht verborgen geblieben ist, wie Kitzmüller anderswo bekundet. Und wenn es auch so noch nicht in den Lehrbüchern steht, so pfeifen es die Spatzen doch schon von den Dächern der Querdenker: Das Geld entsteht aus dem Kredit. Und die Vermittler dieses Kredites sind die Geschäftsbanken. Dazu brauchen sie kein Geld, eben nur Vertrauen.
Die Sache fängt also nicht erst bei der „Finanzindustrie“ an. Die „Kreditindustrie“ wirkt schon lange vor dieser. Ist die Basis, an der anzusetzen ist. Wir können sehen, wie sie Kredit vor unser aller Augen schafft – wenn wir sie nur aufmachen.
Die Banken haben den Zauberstab für sich selbst schon längst entzaubert. Was dem lieben Bankenpublikum aber noch immer vorgeführt wird, ist Religion. Orthodoxie. Wenn wundert es dann, wenn der ehemalige Chefökonom der Österreichischen Nationalbank das Buch als Ť außerordentlich wichtigen Beitrag ť würdigt.

Aber wollten die Verfasser diese „Rechtgläubigkeit“? Beide sozialkritische Intellektuelle, Kitzmüller als Gründervater der Grünen, Büchele als ehemaliger Präsident der Katholischen Sozialakademie, Verfechter eines Grundeinkommens? Sicher nicht. Dagegen spricht auch ihre Suche nach Lösungsvorschlägen. Dagegen spricht, dass ich in Kitzmüller plötzlich einen sehr aufmerksamen Zuhörer fand, als ich anderen in einer kleinen Runde meine obgenannte Umreihung der Worte vermittelte. Denn der so kurze Satz stellt alles vom Kopf wieder auf die Beine, wenn man ihn nur einmal so richtig „kapiert“ hat. Dann ist er eine große Botschaft.

Keine freundliche Rezension. Gewiss! Doch muss es der Sache willen so sein. Gerade weil ich vor allem Erich Kitzmüller freundschaftlich verbunden bin, sind offene Worte gefordert. Meine ich.

Ernst Dorfner, 23.12.05






Ernst Dorfner
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