Empathiemaschine auf dem Prüfstand

Die NGO-Szene hat sich anfangs voller Begeisterung der neuen Technologie Virtual Reality zugewandt. Was vom Hype der neuen Generation bewegter Bilder bleibt, hat sich Thomas Seifert angesehen.

Das Leben des Ahmed Bilal und seiner Familie stehen im Fokus eines österreichischen VR-Episodenfilms rund um das Thema Flucht und Asyl.© Thomas Seifert

Virtuelle Realitäten (VR), 360-Grad-Filme,  „Augmented Reality“ – so lauten die aktuellen Schlagworte, die die Filmindustrie derzeit beschäftigen. Sie drehen sich rund um die von Computern generierte virtuelle Welt, in denen ZuschauerInnen per VR-Brille alles räumlich erscheint und sie so darin eintauchen lässt.

Denn die 360°-Videos sind mit – heute zumeist stereoskopischen – Spezialkameras gefilmt, die einen vollständigen Rundumblick ermöglichen. Bei der Augmented Reality („augmented“ kann hier mit „erweitert“ übersetzt werden) hingegen werden „reale“ Aufnahmen, also konventionelle Bilder mit computergenerierten Inhalten gemischt – die bekannteste Anwendung ist bis heute das erfolgreiche Spiel Pokemon Go.

Die Technologie entwickelt sich rasant: Sowohl was die Kamera-Technologie als auch was die Brillen betrifft. Vor allem im Bereich Spiele wird der Virtual Reality eine große Zukunft vorhergesagt.  Im journalistischen Bereich eignet sich die Technologie besonders für aus einer Ich- oder klaren Beobachterperspektive erzählten Geschichte oder Reportage und natürlich für optisch opulente und spektakuläre Szenerien.

Die NGO-Szene interessierte sich von Anfang für die VR-Technologie: Die ZuschauerInnen werden schließlich direkt in die Szenerie einbezogen, es entsteht Subjektivität und Nähe und damit kommt die Empathie – sie werden zu Quasi-Beteiligten. Ärzte ohne Grenzen, Greenpeace, Care: NGOs experimentierten mit gutem Grund mit dem neuen Medium. Ob die neue Technologie langfristig für viele oder nur einzelne Organisationen interessant ist, wird sich zeigen. Die Anforderungen sind unterschiedlich, die Produktionen zu einem gewissen Grad aufwändig.

Es entstanden jedenfalls internationale Plattformen, wie etwa „VR for Change“ (heute XR for Change), auf denen Weltverbesserer und Leute aus der Tech-Szene vernetzt werden. Auch VR-ProduzentInnen griffen von Anfang an humanitäre oder Umwelt-Themen auf.

Vorreiter New York Times. In den USA interessierte sich vor allem die New York Times von Beginn an für VR. Die US-Medieninstitution investierte danach weiter beständig in das neue Medium. Das brachte dem Unternehmen viel Erfahrung beim VR-Storytelling.

Im deutschsprachigen Raum widmete sich der stets innovative deutsch-französische TV-Sender Arte früh dem VR-Trend: 2015 kam die Arte360-App in die App-Stores.

Rot-weiß-rote Projekte. Hierzulande experimentierte der ORF mit VR, die Wiener Zeitung hat zwei Produktionen zum Thema Flüchtlinge erstellt.

Beim Europäischen Forum Alpbach wurde 2016 das erste Wiener Zeitung-VR-Projekt vorgestellt: Der Ende 2015 im Flüchtlingslager Moussa Taleb im Libanon gedrehte Dokumentar-Film „360 eXodus“ wurde mit dem Wiener VR-Unternehmen VRisch umgesetzt. Die Caritas war als Projektpartner dabei, half bei den Recherchen vor Ort und setzte das Video im Rahmen der „Young Caritas“ ein.

Schließlich steht – so die Überlegung – eine jüngere, technologieaffine Zielgruppe 360°-Videos besonders aufgeschlossen gegenüber. Das Publikum bleibt länger dran und taucht tiefer in die Materie ein, als das bei herkömmlichem Video-Material der Fall wäre.

Ebenfalls 2016 präsentierte Greenpeace Österreich eine gemeinsam mit der Produktionsfirma Adi Mayer und dem Produzenten Michael Reichenberg gedrehte 360°-Video-Doku über den Amazonas. Greenpeace setzte den Dokumentarfilm als innovatives Fundraising- und Campaigning-Instrument ein.

Es ging darum, den Amazonas-Regenwald für Menschen erlebbar zu machen, ohne dass sie selbst hinreisen müssen. Die Erfahrung damit beschreibt Eva Pell von Greenpeace Österreich als positiv: „Das Video trug dazu bei, dass sich Millionen Stimmen weltweit für den Schutz des Regenwalds erheben. In Österreich waren unsere Leute mit VR-Brillen ausgestattet auf der Straße unterwegs. Die Leute, die sie ausprobierten, waren durchwegs begeistert.“

Diese Szene aus der VR-Produktion „Escape Velocity“ bringt die ZuseherInnen mitten ins Klassenzimmer eines Dorfes in der Nähe eines griechischen Flüchtlingslagers.© Thomas Seifert

Ruhiges Erzählen. Beim Festival des österreichischen Films, der Diagonale im Graz, wurde 2018 das zweite VR-Projekt präsentiert, das mit Beteiligung der Wiener Zeitung entstanden ist. Bei „Escape Velocity“ handelt es sich um vier Virtual-Reality-Episoden, produziert vom Wiener Film- und VR-Unternehmen „Junge Römer“, die sich rund um das Thema Flucht und Asyl drehen. Für den Inhalt von zwei dieser Geschichten zeichneten MitarbeiterInnen der Wiener Zeitung verantwortlich: Hannah Greber und Thomas Seifert (stv. Chefredakteur und Autor dieses Beitrags).

Ein Teil zeigt das Leben des aus Damaskus stammenden Ahmed Bilal und seiner Familie im „LM Village“-Flüchtlingscamp auf dem Peloponnes, der zweite Beitrag erzählt von der Wien-Liebe des afghanischen Flüchtlings Emran.

Neben diesen beiden VR-Dokus wurden zwei weitere Geschichten als VR-Drama umgesetzt: Der aus dem Iran geflüchtete Drehbuchautor und Regisseur Amirabbas Gudarzi erzählt die Geschichte eines iranischen Mädchens, das für seine Eltern übersetzen muss und dabei in ein Dilemma gerät

Florian Binder hat die Story des Palästinensers Jihad Al-Khatib umgesetzt. Der Schauspieler Jihad – der wegen seines Vornamens immer wieder Probleme hat – ist simultan in vier Bühnenbildern zu sehen. Beim Langen Tag der Flucht wurde das VR-Stück vom UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR und vom IOM eingesetzt (siehe Interview S. 40).

Mit der neuen Technologie der 360°-Video lässt sich ein neuer Erzählstil kreieren, eine bestimmte Erzähltemperatur einstellen und ganz unaufgeregt kann das Thema an das Publikum herangetragen werden. Es gibt keine Stakkato-Schnittfolgen, keine rasanten Kamerafahrten und hektischen Zooms oder Schwenks – und es liegt auch keine Klangtapete schwer und bombastisch über der Szenerie. Das ruhige Erzählen, das Sich-Zeit-Lassen und Subtilitäten sprechen lassen macht den Reiz des neuen Mediums aus – und all das macht es wohl auch weiterhin für NGOs interessant.

Thomas Seifert ist stellvertretender Chefredakteur der Wiener Zeitung, für die er bei den 360°-Videodokus „360 eXodus“ und „Escape Velocity“ Projektverantwortlicher war.

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