Endlich was tun

Eine Gruppe von ÖsterreicherInnen wollte in den 1980er Jahren echte Solidarität leben. Der Dokumentarfilm „Einmal mehr als nur reden“ zeigt Archivmaterial von damals und Gedanken dieser Menschen von heute.

Von Michaela Krimmer
Nicaragua, Anfang der 1980er: Österreichische BrigadistInnen unterstützen die SandinistInnen.

Eines Tages stöbert die junge Anna Katharina Wohlgenannt im Internet. Sie ist an menschlichen Utopien interessiert. Dabei stößt sie plötzlich auf altes Filmmaterial, in dem eine Gruppe Österreicherinnen und Österreicher Anfang der 1980er Jahre nach Nicaragua aufgebrochen war. Die Aufnahmen zeigen, wie sie im tropischen Dschungel ein Kommunalzentrum und eine Anlegestelle bauen, in Hängematten schlafen und versuchen, mit Händen und Füßen mit Bäuerinnen und Bauern zu reden. Anna Katharina Wohlgenannt machte sich auf die Suche nach diesen Menschen. Aus deren Erinnerungen entstand der Dokumentarfilm „Einmal mehr als nur reden“.

1979 hatte die sandinistische Befreiungsbewegung FSLN die Somoza-Diktatur in Nicaragua gestürzt und war seitdem an der Macht. Als die USA einen Krieg der Contras gegen die sandinistischen Regierung aufzubauen begannen und der Einmarsch US-amerikanischer Truppen kurz bevorzustehen schien, wandten sich die SandinistInnen 1983 an die internationale Solidarität. Weltweit formierten sich Arbeitsbrigaden, die das Land unterstützen wollten.

In Österreich beschloss eine Gruppe von Menschen, nach Nicaragua zu reisen, um als menschliche Schutzschilde zu dienen. Ausländische Präsenz sollte dem Drama in Nicaragua mehr Öffentlichkeit bieten. In Erinnerung an den Bürgerkrieg in Österreich 1934 nannte sich die Gruppe „Februar ´34“. Innerhalb kürzester Zeit hatte man sich darauf geeinigt, einmal mehr als nur zu reden, man wollte handeln. An die 50 sehr unterschiedliche Menschen brachen nach Nicaragua auf: Ein katholischer Priester war ebenso vertreten wie ein kommunistischer Arbeiter; Mitglieder der SPÖ und der Alternativen Liste, GewerkschafterInnen, ChristInnen und AktivistInnen autonomer Basisbewegungen.

In politisch linken und christlichen Kreisen galt Nicaragua damals als Hoffnungsträger. Wie es eine der TeilnehmerInnen ausdrückt: „In Nicaragua sind von Österreich aus gesehen die Fronten zwischen ‚Feind‘ und ‚den Guten‘ klar erschienen. Und diese scheinbare ‚Klarheit‘ löste eine große Sehnsucht, eine Hoffnung aus – danach für sich selbst auch klarer zu sehen und weiterzukommen.“

Der Dokumentarfilm „Einmal mehr als nur reden“ zeigt das alte Filmmaterial von Helmut Stockhammer und Ilse Stockhammer-Wagner. ORF-Archivmaterial der Diskussionssendung Club 2 über Nicaragua spiegelt den Geist der Zeit wider. Die damaligen BrigadistInnen erzählen von damals – und es wird nie langweilig, in die Gedanken dieser Menschen zu tauchen. Weiterhin begleitet die meisten BrigadistInnen die Sehnsucht nach einer anderen Welt, nach solidarischem Handeln. Aber auch Ernüchterung ist zu erkennen. Und wer sich den Film genau anschaut, wird auch jemanden aus der Südwind Redaktion erkennen …

Kinostart 1.10.2010

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