Entwicklung als Vorwand für Zerstörung

Vom Gesetz her dürften Außenstehende kein Land der indischen UreinwohnerInnen kaufen oder ökonomisch nutzen – die Praxis sieht allerdings anders aus. Millionen Menschen werden im Namen der Entwicklung vertrieben.

Von Brigitte Voykowitsch
Adivasi-Frauen am Wochenmarkt im Araku Valley.

Zu den Wochenmärkten im Araku Valley kommen Leute aus der ganzen Umgebung: die einen mit größeren oder kleineren Lastwägen, viele aber auch zu Fuß aus entlegenen Dörfern, zu denen nur schmale Waldwege führen. Am Marktplatz befinden sich die Holzstände, an denen Lebensmittel, Gewand, Hausrat, Werkzeug und dergleichen mehr verkauft werden. Entlang der Hauptstraße sitzen die KleinhändlerInnen vor einer Plane, auf der sie ihre Waren ausgebreitet haben. Die Adivasi-Frauen sind sofort an ihren Nasenringen und an ihrer Kleidung, aber auch an ihrem Warenangebot zu erkennen. Zumeist ist es sehr klein und umfasst ein wenig Gemüse, Hülsenfrüchte und Getreide, das sie selbst angebaut haben, daneben Blätter, Wurzeln, Beeren oder andere Früchte, die sie im Wald gesammelt haben. Mit dem Geld, das sie dafür bekommen, kaufen sie Dinge, die sie nicht selbst herstellen können – vor allem Salz, Kerosin, gesalzenen Fisch und Stoff für ihre Kleider. Am späten Nachmittag treten die Frauen dann den langen Rückweg in ihre Dörfer an.

Im Araku Valley leben mehr als ein Dutzend verschiedene tribale Gruppen. In Indien werden sie als Adivasis – Ureinwohner – bezeichnet. Das Araku Valley mit seinen bis zu 900 Meter hohen Bergen und den vielen Tälern liegt nur rund 115 Kilometer von der Hafen- und Universitätsstadt Vishakhapatnam an der indischen Ostküste entfernt; doch kulturell und ökonomisch liegen Welten zwischen der Stadt und den Dörfern der Adivasis. Die tribalen Gruppen, die hier im Bundesstaat Andhra Pradesh, aber ebenso in den benachbarten Bundesstaaten Orissa, Jharkhand, Chhattisgarh und Madhya Pradesh leben, zählen zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen. Die Sozialindikatoren – Bildung, Gesundheit und Lebenserwartung – liegen bei ihnen weit unter dem gesamtindischen Durchschnitt. So können zwar 60 Prozent der Inder und Inderinnen, aber lediglich 25 Prozent der Adivasis lesen und schreiben.

„Man fragt sich wirklich, was der indische Staat in den ersten 63 Jahren der Unabhängigkeit für die Adivasis getan hat“, sagt Somela Bangaramma, die der Adivasi-Gruppe der Konda Dhora angehört und regelmäßig zum Wochenmarkt im Araku Valley kommt. Sie ist gewähltes Mitglied im Gemeinderat und engagiert sich seit Jahren für die Rechte der Adivasis in Andhra Pradesh. „Für uns geht es heute um unser Überleben. In meinem Bezirk Anantagiri sind 24 Dörfer von Bergbauprojekten bedroht. Die Gegend ist reich an Bauxit, das führende indische Stahlunternehmen abbauen wollen. Wenn das geschieht, werden unsere Dörfer, Wälder und sogar die Berge zerstört, und wir selbst werden vertrieben. Deshalb organisieren wir laufend Kundgebungen. Ich war selbst schon in Delhi, um beim Obersten Gerichtshof Zeugnis davon abzulegen, was der Bergbau für die Menschen hier bedeuten würde.” Es gebe Gerichtsentscheide, denen zufolge das Bauxit hier nicht abgebaut werden solle, zugleich kursierten Gerüchte, dass sich die Bergbauunternehmen doch noch durchsetzen werden. Bangaramma ist entschlossen: „Aber wir werden das nicht zulassen!“

Die Adivasis im Araku Valley und in den angrenzenden Bezirken stehen keinesfalls allein mit ihren Sorgen da. In ganz Indien leben die tribalen Gruppen vorwiegend in bewaldeten Regionen, die reich an Bodenschätzen sind. Das ist, wie AktivistInnen immer wieder betonen, ihre Tragödie. Begonnen hat sie bereits unter der britischen Kolonialherrschaft, als die Briten ab 1865 eine Reihe von Forstgesetzen erließen, die die Gewohnheitsrechte der Adivasis nicht anerkannten und die Adivasis als Eindringlinge auf ihrem angestammten Gebiet betrachteten. Immer wieder kam es deshalb im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert zu Revolten. Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1947 behielt der indische Staat diese Gesetze bei oder erließ ähnlich restriktive Regelungen. Die massive Abholzung und die dramatische Vernichtung der Wälder führten schließlich in den 1980er und 1990er Jahren zu einem Umdenken. Zwei neue Konzepte wurden eingeführt – die gemeinsame Forstverwaltung von Staat und Gemeinden sowie die Verwaltung der Forste durch die Gemeinden selbst. Laut dem 2006 verabschiedeten Forstgesetz können Adivasis nun Rechtstitel auf traditionell von ihnen bewohnte und bewirtschaftete Böden erwerben. Darüber hinaus ist rechtlich verankert, dass Außenstehende kein Land von Adivasis erwerben oder ohne deren ausdrückliche Zustimmung ökonomisch nutzen dürfen. In der Praxis werden diese Regelungen aber missachtet.

Von großen Industrieprojekten – seien es Staudämme, Bergbauunternehmungen oder Stahlwerke – haben die lokalen Bevölkerungen in Indien praktisch noch nie profitiert. Die Bilanz der Bundes- und Landesregierungen bei der versprochenen Umsiedlung und Entschädigung von betroffenen Bevölkerungsgruppen ist extrem schlecht. Millionen Menschen wurden im Namen der Entwicklung vertrieben. Selbst staatliche und gerichtlich angeordnete Untersuchungen belegen inzwischen, dass nicht nur von einer Ad Hoc-Politik oder von der Vernachlässigung der Interessen der Adivasis die Rede sein kann. Tausende Bergbaubetriebe in Indien arbeiten ohne jegliche Lizenz, viele andere mit fragwürdigen Genehmigungen. Die korrupten Verbindungen zwischen Politikern und Bergbauunternehmen haben in jüngster Zeit zu mehreren Rücktritten und Gerichtsverfahren geführt, doch laufend werden neue Bergbaubetriebe tätig. Im Namen welcher Entwicklung und in wessen Interesse, fragt sich Narendra Bondla. Er gehört der Adivasi-Gruppe der Valmiki an, hat es mit viel Glück und noch mehr Eigenengagement zu einer guten Bildung gebracht und arbeitet nun für die Adivasis. Mit der Adima Adivasi-Entwicklungsinitiative will er die so genannten primitiven tribalen Gruppen vernetzen, damit sie künftig für sich sprechen können.

„Unsere offizielle Terminologie ist ein Problem. Primitiv ist ein herabwürdigendes Wort. Es wird aber weiterhin in offiziellen staatlichen Dokumenten für jene Adivasis verwendet, die die niedrigsten Sozialindikatoren haben. In Telugu, der Landessprache von Andhra Pradesh, reden wir von den Adima Adivasis. Adima bedeutet ‚ursprünglich, sehr alt‘ und ist daher ein akzeptables Wort“, sagt Narendra Bondla. Seiner Ansicht nach haben die Programme, die Regierungen für die Adivasis verabschiedet haben, kaum etwas gebracht. Zum einen liege das an der bestenfalls halbherzigen Umsetzung, zum anderen daran, dass „niemand je die Adivasis nach ihren Wünschen befragt oder sie gar mitreden lassen hat. Deshalb brauchen wir dringend eine starke tribale Zivilgesellschaft, die ihre eigenen Anliegen vertreten kann.“

Narendra Bondla gehört zu jenen Adivasis, die auch die vielen – echten oder vermeintlichen – Fürsprecher der tribalen Gruppen mit Skepsis betrachten. Zu diesen Fürsprechern zählen Gandhianer, Marxisten und andere Linke, christliche Organisationen, diverse Hindugruppierungen, darunter auch Hindunationalisten, und maoistische Untergrundkämpfer oder Naxaliten, wie sie auch genannt werden. „Es sind so viele Akteure und Ideologien am Werk, doch meistens fehlt die Stimme der Adivasis, die ihre eigenen Kulturen und Sprachen haben“, meint Bondla. Die tribalen Gruppen stehen hier vielfältigen politischen, ökonomischen, aber auch religiösen Interessen gegenüber, wenn etwa hindunationalistische Gruppen die wahren Motive des sozialen Engagements von Christen in den tribalen Gebieten hinterfragen. Immer wieder kam es deswegen zu schlimmsten gewalttätigen Übergriffen, etwa im Nachbarstaat Orissa.

Im Araku-Valley beobachtet Narendra Bondla den wachsenden Einfluss christlicher Kirchen, aber auch die Verbreitung von Hindu-Göttern, die Adivasis manchmal Seite an Seite mit ihren eigenen Gottheiten verehren. Mädchen, die nach der Volksschule im Dorf eine Schule in der Stadt besuchen, legen die Nasenringe ab und knüpfen auch den Sari nicht mehr auf traditionelle Art. Manche dieser Entwicklungen sind wohl unvermeidbar, meint Narendra Bondla, wichtig sei es aber, dass die Adivasis sich bewusst damit auseinandersetzen und weder von externen kulturellen Einflüssen noch von anderen ökonomischen Interessen überrollt werden.

Auch die Adivasis wollen Entwicklung, betont Kunjam Pandu Dora von der tribalen Gruppe der Koya. „Doch das darf nicht die Zerstörung unseres bisherigen Lebensraums und unserer Kultur bedeuten. Jal, Zamin and Jungle – so lautet einer unserer Slogans: Das heißt, unser Land, Wasser und Wald gehören uns, und wir bestimmen über die Nutzung. Wir wollen auch gute Schulen und Kliniken. Doch wir wollen nicht, dass unseren Kindern in den Schulen und am College Verachtung für ihre eigene Kultur eingeimpft wird, weil diese Kultur angeblich so rückständig ist.“ Kunjam Pandu Dora ist seit Jahren als Aktivist für Adivasi-Belange aktiv und daher mit aktuellen Entwicklungsdebatten vertraut. Er verweist auf internationale Bemühungen um den Erhalt der Biodiversität, für die das Wissen der Adivasis von großer Bedeutung sei. Und er ergänzt: „Wie kann unser traditionelles Wissen so primitiv sein, wenn ständig internationale Pharmafirmen an unseren Heilkräutern Interesse zeigen? Wer hat denn das Wissen von diesen Kräutern entwickelt? Das waren doch die Adivasis.“ Deshalb wünscht sich Kunjam Pandu Dora nicht nur Anerkennung, sondern auch die Integration von Adivasi-Wissen und Kultur in die Lehrpläne.

Für die Adima Adivasis im Araku Valley geht es aber auch darum, dass sie ihre ökonomische Basis verbessern können. Denn derzeit bekommen sie nur minimale Beträge für ihre Produkte. Die Adima Adivasi-Entwicklungsinitiative will sie dabei unterstützen, dass sie künftig einen Teil der von ihnen gesammelten Produkte selbst verarbeiten und damit einen Mehrwert erwirtschaften.

Brigitte Voykowitsch ist freie Radio- und Printjournalistin mit Schwerpunkt Südasien und bereiste kürzlich zum wiederholten Mal Indien.

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