Entwicklungskultur – Kulturentwicklung

Petra Navara

Der Kenianer Tee Ngugi, politischer Kommentator von The EastAfrican, behauptet: „Kein Entwicklungsplan wird uns davor bewahren, ewig ein Dritte-Welt-Land zu bleiben.“ Er unterstellt Afrikanerinnen und Afrikanern mangelnde Wissbegier, fehlende Gewissenhaftigkeit und ein lethargisches Sich-Ausliefern an ein (gottgegebenes, WTO-bestimmtes oder Geber-definiertes …) Schicksal.

Die Idee, dass sich die Erfolge der internationalen Entwicklungszusammenarbeit nur zögerlich einstellen, weil die Kulturen Afrikas sie hintertreiben, nimmt scheinbar einiges an Verantwortung von den Schultern der HelferInnen. Es sind demnach endogene Faktoren wie Korruption, Schludern und das lähmende Vertrauen auf Hilfe von außen, die Afrika trotz intensiver EZA-Bemühungen immer noch in Armut gefangen halten. Spätestens seit Axelle Kabou vor 30 Jahren äußern sich Afrikas Intellektuelle in dieser Richtung. Die politischen Eliten verhalten sich trotz Appellen, Wege aus solch „entwicklungsfeindlichen“ Gewohnheiten zu bereiten, indifferent.

Und der Westen? Macht einfach weiter. Die Institutionen und AkteurInnen der EZA haben sich der Herausforderung endogener Entwicklungshemmnisse zu wenig ernsthaft gestellt.

Was wir, der Westen, verabsäumt haben, ist die Integration der afrikanischen „Intelligenzija“. Wir haben sie gelesen, zerpflückt und kommentiert, aber wenig ist in die tägliche EZA-Arbeit eingeflossen. Das wäre noch zu leisten: die Verbindung von mutigen Denkerinnen und Denkern aus Afrika mit jenen Kompetenzen, die der Westen einbringen kann, um jene „längst fällige Debatte über eine strukturelle Neuausrichtung“ von Kultur und Geisteshaltung zu führen, wie Ngugi meint, „um sie auf eine Wellenlänge mit dem Streben nach Entwicklung zu bringen“.

Wenn die Entwicklungszusammenarbeit es auch nicht geschafft hat, Afrika der Armut zu entreißen (wir werden erst noch sehen, ob die auf Wirtschaftskooperationen fokussierte Globale Partnerschaft für Entwicklung das vermag), so liegt ihr Potenzial vielleicht eine Ebene tiefer. Fragen wir Afrikas Philosophinnen und Theologen, Kulturanthropologinnen und Psychologen, Soziologen und Politologinnen: Welchen Beitrag erwarten sie vom Westen? Wo sind Good-Governance-Programme sinnvoll? Welche Art der Kooperation mit der Zivilgesellschaft sehen sie als förderlich? Reicht unser Angebot im Capacity Building oder braucht es nicht eher ein Innovation Building?

Die Debatte mit politischen VertreterInnen und BeamtInnen zu führen reicht nicht. Die Herausforderung besteht darin, die Verzahnung von Entwicklungspolitik und kritischen Intellektuellen herzustellen, die Diskussion auf den Boden zu holen, unter die Leute zu bringen, fruchtbar zu machen. Vielleicht gelingt es ja – wer weiß? –, die Herausbildung einer zukunftsorientierten entwicklungsfördernden Kultur in Afrika zu beflügeln.

Petra Navara ist langjährige Praktikerin in der Entwicklungszusammenarbeit und lebt derzeit in Kampala, Uganda. Abwechselnd mit Friedbert Ottacher und Thomas Vogel setzt sie sich an dieser Stelle kritisch mit Theorie und Praxis dieses Arbeitsfelds auseinander.

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