Etwas radikal Anderes wagen

Zombie-Alarm in Buchform: Wie der Kapitalismus uns zu Untoten macht, beschreibt Autor Raul Zelik in seinem neuen Werk. Im Interview spricht er darüber, was uns retten kann.

Raul Zelik, Schriftsteller und Politikwissenschaftler, publiziert seit vielen Jahren zu den sozialen Konflikten in Lateinamerika.© privat

Sie sehen die derzeitige Pandemie als einen möglichen Wendepunkt in Bezug auf Neoliberalismus. Wie lässt sich verhindern, dass es danach wieder so weitergeht wie vorher?

Die Pandemie macht uns die Zerstörungskraft des Kapitalismus deutlich. Neoliberale in den USA haben offen argumentiert, man müsse Menschenleben opfern, um die Wirtschaft zu retten. Schöner kann man das Grundprinzip der kapitalistischen Produktionsweise nicht resümieren: Kapital versus Leben.

Zu erkennen, dass wir die Zombies des Kapitals sind, bedeutet aber noch lange nicht, daran etwas ändern zu können. Wir entscheiden uns ja nicht frei bei Wahlen dazu, im Kapitalismus zu leben. Der Kapitalismus ist ein Macht- und Zwangsverhältnis, und die Vermögenden, die von diesem Zwangsverhältnis profitieren, tun alles, um es aufrecht zu erhalten. Nur wenn es gesellschaftliche Kämpfe gibt, die sich der Verwertungsmaxime widersetzen, kann es besser werden. Das unmittelbare Ziel muss lauten: eine Stärkung der Gemeingüter, eine Ökonomie, die die Sorge um soziale Beziehungen und das Leben in seiner Vielfalt („die Natur“) in den Mittelpunkt stellt, und eine gemeinsame, demokratische Gestaltung der Wirtschafts- und Arbeitsprozesse. Bisher entscheidet allein der Markt.

Durch Ihr neues Buch zieht sich die Metapher der Untoten. Auch das politische System als solches erscheint zunehmend wie ein wandelnder Toter. Welche Alternativen braucht es?

Die politische Macht konzentriert sich in den Händen von Besitzenden, denen wiederum Medienkonzerne, Stiftungen, Umfrageinstitute und vieles andere zur Verfügung stehen. Das ist der Grund, warum wir zwar wählen, aber zentrale Fragen nicht entscheiden können.

Der Verfall der Demokratie in vielen Ländern hat genau damit zu tun: Die ökonomische Ungleichheit ist groß und wächst unter kapitalistischen Marktbedingungen immer weiter.

Genau deshalb brauchen wir das Gemeineigentum: Gleichheit ist die Voraussetzung demokratischer Deliberation (demokratietheoretischer Ansatz, der auf Austausch von Meinungen und Argumenten als Form der BürgerInnenbeteiligung setzt, Anm. d. Red.). Und zur Gleichheit gehört selbstverständlich auch ökonomische Gleichheit.

Die Ideologie rechter, populistischer Staatsmänner breitet sich wie eine Zombie-Epidemie aus und infiziert immer mehr Lebende, schreiben Sie. Wie erklären Sie sich deren Erfolg?

Viele Menschen spüren, dass mit der bürgerlichen Demokratie etwas nicht stimmt. Es beschleicht sie das Gefühl, sich in den Händen von Eliten zu befinden. Die meisten Menschen ziehen daraus aber keine linken, gesellschaftskritischen Schlussfolgerungen. Das hat auch damit zu tun, dass es viel bequemer ist, rechts zu protestieren. Wenn ich auf die Straße gehe, um gegen „internationale Eliten“ oder „die Liberalen“ zu demonstrieren, werde ich dafür nicht von der Polizei verprügelt. Wenn ich hingegen, wie bei den Klimaprotesten, Förderbänder von Konzernen blockiere, bekomme ich das „Gewaltmonopol“ des Staates sofort zu spüren.

Es scheint gemütlicher zu sein, zum politischen Anhänger eines Donald Trump oder Viktor Orban zu werden, als sich mit den realen Machtverhältnissen anzulegen. Und schließlich hat der Rassismus der extremen Rechten ganz real etwas zu bieten, zumindest kurzfristig. Der kapitalistische Wachstumszyklus der vergangenen 200 Jahre beruhte auf fossiler Energie und gewaltsam angeeigneten Naturressourcen. Wenn sich letztere erschöpfen und knapper werden, gibt es weniger zu verteilen. Der rassistische Autoritarismus hält uns die Milliarden von Armen erst mal vom Leib. Dass die Logik des „My Nation First“ sehr schnell in Krieg münden dürfte, ist vielen Menschen erst mal egal.

Einige linke Ideen der politischen Transformation gelten als gescheitert. Waren die Erwartungen zu groß?

Nein, in den vergangenen 200 Jahren wurden sehr viele gesellschaftliche Errungenschaften durchgesetzt. Fast ausschließlich übrigens durch soziale Kämpfe. Dass Arbeiterinnen und Arbeiter, Frauen und Schwarze in den westlichen Staaten heute wählen dürfen, verdanken sie nicht Staatenlenkern und liberalen Theoretikern, sondern den Arbeiterinnen und Arbeitern, Frauen und Schwarzen, die für ihre Rechte kämpften.

Was bedeutet das für Veränderungen in der Zukunft?

Wir sollten bedenken, dass alle sozialen und demokratischen Errungenschaften drohen, in der heraufziehenden großen Krise verloren zu gehen. Wir brauchen bewusste und gleichberechtigte Kooperation. Der Klimawandel ist das beste Beispiel dafür.

Doch in einer Ordnung, die nur die Konkurrenz der Marktteilnehmer und Staaten kennt, ist genau das unmöglich. Wenn eintritt, was die Umweltforschung vorhersagt, werden ganze Regionen auf der Welt unbewohnbar und Lebensmittel für viele unbezahlbar. In der Menschheitsgeschichte mündeten solche Krisen bisher immer in großen Kriegen. Wir müssen etwas radikal Anderes wagen, wenn wir dieser Zerstörung entkommen wollen.

Wer könnte diese Gegenentwürfe umsetzen?

Ökosozialistinnen und Ökosozialisten wie Birgit Mahnkopf oder Jason Moore betonen immer, dass wir Gesellschafts- und Naturverhältnisse nicht als zwei Bereiche, sondern als einen einzigen Zusammenhang sehen müssen. Wir brauchen ein Bündnis sozialer und ökologischer Akteure. Also einen Pakt von denen, die Gesellschaftsverhältnisse egalitärer machen, und jenen, die die Naturverhältnisse weniger „produktivistisch“ gestalten wollen. Das steht bisher im Widerspruch, denn Gewerkschaften haben das produktivistische, destruktive Naturverhältnis aktiv mitgetragen.

Und auch umgekehrt sind sich die Umweltbewegungen zwar der globalen Ungerechtigkeit bewusst, aber waren lange relativ blind für Klassenverhältnisse. Ich denke, wir müssen das aktiv und sehr schnell zusammenbringen. Ich nenne das grünen Sozialismus.

Viele Menschen verspüren gerade angesichts großer Krisen eine Ohnmacht und verlieren gleichzeitig das Vertrauen in die Politik. Was kann man dagegen tun?

Wenn mit Politik die Vorstellung gemeint ist, Probleme würden durch Regierungen gelöst, dann scheint es mir sehr erfreulich, wenn das Vertrauen schwindet. Wenn sich Hunderttausende in Klima- und Solidaritätsbewegungen engagieren, ist das auch ein Ausdruck der Politisierung. Wir müssen unsere Gesellschaften radikal verändern, und dafür brauchen wir mobilisierte Gesellschaften, die das Bestehende grundsätzlich infrage stellen, sich den Mächtigen widersetzen, aber auch mit Lösungen im Kleinen und im Alltag experimentieren. 1968 war als Bewegung so wichtig, weil es genau das war: eine Verbindung von Kritik, Widerstand und Emanzipationsversuchen im eigenen Leben. Genau das können wir also tun: Kritisch sein, uns der Macht „der Wirtschaft“ widersetzen – mit Streiks, Umweltprotesten, aber auch durch die Politik linker Parteien – und durch Solidarität im Alltag dafür sorgen, dass ein anderes Leben vorstellbar wird.

Interview: Marina Wetzlmaier

Raul Zelik, Schriftsteller und Politikwissenschaftler, publiziert seit vielen Jahren zu den sozialen Konflikten in Lateinamerika. Er ist Mitglied im Bundesvorstand der deutschen Partei Die Linke.

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