Europas Sündenfall

Warum der neue Dokumentarfilm „Welcome to Sodom“ mehr als einen Blick hinter die Kulissen von Europas größter Müllhalde mitten in Afrika bietet, erklärt Irmgard Kirchner.

Welcome to Sodom

Bis zur Jahrtausendwende war Agbogbloshie, oder Sodom, wie die Einheimischen den Ort nennen, eine harmlose Lagune am Rande der ghanaischen Hauptstadt Accra. Innerhalb von weniger als 20 Jahren entstand dort eine immer weiter wuchernde Mülldeponie, die heute zu den giftigsten Orten der Welt zählt. In Agbogbloshie landet tonnenweise Elektroschrott aus reichen Ländern. Illegal, denn dessen Export ist seit 1992 verboten (vgl. auch Beitrag auf Seite 18).

Agbogbloshie ist kein Einzelfall. Doch wie kein anderer Ort auf der Welt wurde er zum Symbol für die Perversion einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft in reichen Ländern.

In armen Weltregionen werden wertvolle Rohstoffe aus dem Wohlstandsmüll geholt. Der Wert der Rohstoffe im Elektroschrott wird global auf 55 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Tausende Menschen aus dem Norden Ghanas und den Nachbarländern arbeiten in Agbogbloshie im informellen Sektor. Unter schwerster Schädigung und Gefährdung der eigenen Gesundheit und der Natur holen sie vor allem Eisen, Kupfer und Aluminium aus dem Abfall.

Entdeckungsreise. So weit, so bekannt. Internationale Medien haben bereits in den vergangenen Jahren nach Kurzzeitrecherchen spektakuläre Reportagen verfasst. Die ghanaische Regierung, NGOs und die Entwicklungszusammenarbeit nehmen sich des Ortes an. Doch es ist nicht vordergründig diese Geschichte, die im Film „Welcome to Sodom“ erzählt wird.

Er nimmt die ZuschauerInnen bildgewaltig und wortkarg mit auf eine Entdeckungsreise durch diesen Ort, der „in seiner ganzen Dimension weder in Bildern noch in Worten fassbar ist“, so die Filmemacher Florian Weigensamer und Christian Krönes. Im Mittelpunkt des Filmes stehen Menschen, die in Sodom arbeiten. Zwei Monate lang hat sich das Filmteam Tag für Tag auf der Deponie aufgehalten, um Vertrauen und Nähe zu den handelnden Personen aufzubauen. In der Regel wird BesucherInnen empfohlen, nicht länger als zwei Stunden auf dem verseuchten Areal zu bleiben. Und genau hier liegt die Qualität des Films: in seiner Intensität, in seiner sensiblen und genauen Beobachtung, die einer eigenen Art von Feldforschung entsprungen zu sein scheint.

Auf Kommentare und Interviewsituationen wird verzichtet. Es sprechen die ProtagonistInnen des Filmes aus dem Off.

Rhythmus. Es kracht, scheppert, hämmert und brüllt auf der Deponie. Was man als unerträglichen Lärm hören könnte, wird zum Herzschlag des Ortes. Lange verweilt die Kamera auf den einzelnen Tätigkeiten – wenn etwa ein kleiner Junge mit einem Magneten Metallstücke aus dem Boden fischt. Das vermittelt nicht nur einen Eindruck vom Arbeiten und Leben auf der Deponie. Die unaufgeregte langsame Erzählweise ermöglicht dem Publikum eigene Entdeckungen – wie den Mercedesstern, der vorne auf dem Holzkarren prangt, mit dem alte Bildschirme transportiert werden.

Man taucht in einen Ort von roher Kraft ein, voll unglaublicher Kreativität und unbändiger Lebensfreude.

Leben und Arbeiten in Agbogbloshie sind hierarchisch organisiert, die Tätigkeiten nach Geschlechtern getrennt. Auf jeden Fall ist jeder und jede sein eigener Unternehmer. Ein „Paradies für Geschäftsleute“ ist die Deponie für einen jungen Mann. Agbogbloshie ist ein Ort der Glücksritter, der auch Perspektive und Hoffnung auf ein besseres Leben bietet: für ein Straßenkind aus dem Norden Ghanas ohne Familie, für einen wegen seiner Homosexualität verfolgten Studenten aus einem Nachbarland, für einen jungen Mann, der sich mit dem erhofften Ersparten nach Europa aufmachen will.

Eintauchen. Der Film löst widersprüchliche Empfindungen aus: Sympathie für die ProtagonistInnen, Abscheu über die absurd verschwenderische und zerstörerische Lebensweise in reichen Ländern und ihre Auswirkungen auf Menschen an fernen Orten auf diesem Planeten, die am untersten Ende der globalen kapitalistischen Produktion stehen. Und so etwas wie ungläubiges Staunen einhergehend mit einer tiefen Berührung. Gute Voraussetzungen für die Art von Reflexion, die die Filmemacher auslösen wollen – ohne, wie sie selbst sagen, Teacher oder Preacher zu sein.

Ob man zu denen gehört, die sich für informiert halten oder zu den kompletten Neulingen im Thema Elektroschrott: höchste Empfehlung. Lassen Sie sich überraschen!

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