Fairrückt

Georg Bauernfeind ist unser Reporter des Wahnsinns

Reporter – das war schon immer mein Traumjob. Schon als Kind habe ich die Fußball-Reporter der Sendung „Sport und Musik“ geliebt. Sie konnten so spannend erzählen, dass ich das Gefühl hatte, der Elfmeter gegen den LASK wird bei uns im Wohnzimmer geschossen. Reporter sind am Weltgeschehen dran, wissen was los ist und halten das Publikum in Atem. Und jetzt habe ich es geschafft: Ich bin Reporter des Wahnsinns! Wahnsinn!

Und das kam so: Jede Redaktion erhält eine Menge an Einladungen und Aussendungen. Überall soll man sein, jeden Abend findet der wichtigste Event des Jahres statt. Da in der Südwind-Redaktion bisher niemand die Gabe der Bi-Lokation vorweisen konnte, meinte die geschätzte Frau Chefredakteurin, sie brauche jemanden für Veranstaltungen. Ich soll überall dorthin gehen, wo sich der normale Mensch denkt: „Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass es so etwas gibt! Das klingt so unglaublich, dass wir dort keinen normalen Journalisten hinschicken können!“ Außer mich natürlich.

Vor Weihnachten zum Beispiel, da war diese Pressekonferenz der Hilfsorganisationen: „NGOs geben dem Außenministerium EZA-Geld zurück, weil sie nicht mehr wissen, wohin damit.“ Klar. Ich war selbst lange bei NGOs tätig und kann mich noch zu gut an diese Probleme erinnern. Immer dieses mühsame Abwehren von aufdringlichen Spenderinnen und Spendern. Und dann kommen die von der ADA auch noch, also wirklich …

Die Pressekonferenz hätte mich wirklich interessiert, aber leider schaffte ich es nicht hin, weil an diesem Tag die Charity-Veranstaltung war: „Rumänische Straßenkinder singen und spielen für österreichische PR-Manager, die es derzeit echt nicht leicht haben.“ Wegen der steuerlichen Absetzbarkeit verhandeln sie gerade mit dem Finanzminister. Aber dann traf ich auf der Straße einen Bekannten, der mich unbedingt überreden wollte, mit ihm eine neue Workshop-Reihe zu begründen: „Von afrikanischen Hausfrauen lernen, wie man arbeitet, obwohl man dauernd von heißer Luft umgeben ist.“ Er hätte da eine große Zielgruppe vor Augen …

Verrückt sagen Sie? Oder doch fairrückt? Das hätte ich auch für einen passablen Namen für diese Kolumne gehalten. Aber die Frau Chefredakteurin meinte: Sie findet diese Vorsilbe „fair“ nicht mehr witzig. Wieso? fragte ich. Warst du nicht letzte Woche fairkühlt? Und brauchen wir nicht dringend eine Fairwaltungsreform? Und das ganze Land überhaupt mehr Fairantwortung? Sie hat gemeint ich möge fairschwinden und der Kolumnenname ist sicher nicht fairrückt. Aber als erste Überschrift habe ich das dann doch durchgesetzt.

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien.
www.georg-bauernfeind.at

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