Feindbild Westen

Im Mittleren Osten ist die einhellige Empörung über die Irak-Politik der USA ambivalent: In die Kritik mischen sich Gemeinschafts- und Verschwörungsideologien.

Von Jochen Müller
Verhängnisvoll“ sei es, „wenn mit zweierlei Maß gemessen wird“. So antwortete kürzlich der ägyptische Außenminister Ahmed Maher auf die Frage nach seiner Meinung zu einem möglichen Krieg gegen den Irak. Seine Begründung: „Wenn wir über Massenvernichtungswaffen sprechen, dann müssen wir über alle Länder sprechen, die solche besitzen.“ Der Außenminister spielte darauf an, dass nicht der Irak, sondern Israel der Staat in der Region sei, der mit Sicherheit Atomwaffen besitze. Ebenso wie Maher hatte sich Ende vergangenen Jahres schon sein syrischer Amtskollege Schara geäußert: Er fragte, warum Bagdad bekriegt und es gleichzeitig Tel Aviv gestattet werden solle, Resolutionen des UN-Sicherheitsrates zu verletzen. Ähnliche Töne waren auch von der Arabischen Liga zu vernehmen.
So viel Einigkeit wie in der Ablehnung des Irak-Krieges herrscht selten unter den Führungen der arabischen Staatenwelt. Mehr noch: Diese Einigkeit umfasst auch die Kommentare in den Massenmedien sowie die Stimmung auf den Straßen von Kairo, Damaskus oder Amman. Dabei äußert niemand Sympathien für das Regime von Saddam Hussein – ihm würde auch dort keine Träne nachgeweint. Vielmehr richtet sich der geballte Unmut gegen das, so die Vorwürfe, einseitig pro-israelische und rein machtpolitisch motivierte Auftreten der USA in der Region.

Selbst in Amerika, so etwa der jordanische Kolumnist Fahed Fanek Anfang Jänner in einem Kommentar für die libanesische Zeitung Daily Star, würde doch kaum jemand glauben, dass die USA eines der wichtigsten arabischen Länder „zerstören“ wollten, um Demokratie und einen freien Markt zu errichten – geschweige denn, um die Iraker oder die Nachbarstaaten vor Husseins Massenvernichtungswaffen zu schützen. Vielmehr wäre ein Krieg gegen den Irak „nur ein Schritt im Rahmen einer neuen amerikanischen Strategie, die darauf zielt, die ganze Erde zu beherrschen und das größte Kolonialreich zu errichten, das die Welt jemals gesehen hat“.
Wie Fanek, dessen Kommentar auch auf dem Website der saudischen Arab News erschien, sieht es Moustafa Bakri von der ägyptischen Wochenzeitung Al Usbua: „Wenn der Irak fällt“, erklärte er Ende Dezember am Rande einer internationalen Konferenz in Kairo gegen den Irak-Krieg und für die Unterstützung Palästinas, „dann fallen als nächste wohl Syrien, Saudi-Arabien und Ägypten“. Dieses Bild liegt auch Boykott-Aufrufen in der arabischen Welt gegen US-Unternehmen wie McDonalds oder den Ergebnissen einer Umfrage zugrunde, die von der Zeitung Al Ahram Weekly in Kairo durchgeführt wurde: Danach halten zwei Drittel der Befragten den „Krieg gegen den Terror“ lediglich für ein Mittel, den USA die Weltherrschaft zu sichern, und 50 Prozent waren überdies der Meinung, es handle sich dabei vor allem um einen Krieg gegen die Araber und Muslime.

Über die Hälfte der Befragten dieser Umfrage gaben gleichzeitig an, dass sie am 11.9.2001 das Gefühl gehabt hätten, dass „sie“, die US-Amerikaner, den Angriff auf das World Trade Center „verdient“ hätten. Und 39 Prozent sind bis jetzt der Überzeugung, dass nicht islamistische Terroristen, sondern der israelische Geheimdienst für die Anschläge verantwortlich sei. Spätestens mit solchen Aussagen wird deutlich, dass sich in die unter PolitikerInnen, Intellektuellen und auf den Straßen der arabischen Welt weitgehend einmütig geteilte Kritik an der US-Politik in der Region anti-amerikanische und anti-semitische Verschwörungstheorien mischen.
Hier kommt eine Art Hassliebe zum Ausdruck, die das Verhältnis der arabischen Welt zum Westen und insbesondere zu den USA bestimmt: Gerade die USA werden nämlich einerseits wegen ihres Lebensstils und ihrer weltpolitischen Stärke durchaus bewundert. Wer es sich etwa in Kairo leisten kann, der kleidet sich westlich, kauft ein in den Shopping-Malls der Vorstädte und schickt seine Sprösslinge auf die American University im Zentrum der Stadt. Im Fall einer Konfrontation jedoch, in der sich wie im Fall des Irak-Krieges oder der Palästinafrage die Ohnmacht der arabischen Welt gegenüber der US-Politik erweist, können genau diese bewunderte Lebensart und diese Stärke zum Objekt der Abgrenzung und des Hasses werden.

Diese Form der Kritik an der US-Politik im Mittleren Osten ist ambivalent – und das sollte auch heimische KriegsgegnerInnen vor allzu schnellen Solidaritätsbekundungen zurückschrecken lassen. Aus zwei Gründen: Zum einen dient die Empörung vielen Menschen in den Gesellschaften des Nahen Ostens und Nordafrikas zur Ablenkung davon, dass ihnen Demütigungen nicht etwa seitens der USA oder Israels weit weg in Bagdad oder Ramallah, sondern in Form von Armut und Unterdrückung tagtäglich vor der eigenen Haustür zugefügt werden. In dieser Funktion instrumentalisieren auch die ausnahmslos undemokratischen Regime in der Region sowie Oppositionskräfte wie moderate und radikale Islamisten den Zorn der Massen.

Jochen Müller ist Islamwissenschaftler und in der politischen Bildungsarbeit tätig. Er arbeitet auch als freier Journalist und Redakteur der in Freiburg im Breisgau erscheinenden Nord-Süd-Zeitschrift ?iz3w?.

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