Fischerei - Besiegelte Nachhaltigkeit

Kann ein nachhaltiger Fischfang durch Öko-Labels garantiert werden? New -Internationalist- Autor John Kurien meldet sich dazu aus Indien zu Wort

Von John Kurien
Das Marine Stewardship Council (MSC) wurde 1996 als international tätige, unabhängige Nonprofit-Organisation mit Sitz in London gegründet. Mit einem ungebrochenen Glauben an die Zauberkraft von Marktmechanismen stellt sich das MSC seither der Herausforderung, marktgesteuerte wirtschaftliche Anreize im Hinblick auf einen nachhaltigen Fischfang anzubieten.

Das Hauptinstrument dazu heißt "Fish Forever" - eine Öko-Marke für Fischprodukte. Das Label soll für die KonsumentInnen in den Industrieländern eine umweltverträgliche Fangweise des jeweiligen Fischproduktes signalisieren.

Unilever, einer der größten multinationalen Konzerne mit starkem Interesse am Fisch-Einzelhandel, und der World Wildlife Found (WWF), eine der größten internationalen Naturschutzorganisationen, sind Partner in diesem Joint Venture. Nach mittlerweile vier Jahren Bestand werden die Aktivitäten des MSC sowohl von den nationalen Behörden als auch von den vielen Interessensgruppen im Fischereiwesen aufmerksam verfolgt.

In fast allen Ländern der Dritten Welt richten sich üblicherweise die Märkte nach dem Bedarf der Gesellschaft und nicht umgekehrt. Der Ansatz des MSC, dass der so genannte "freie Markt" eine Regulierung durch demokratische Institutionen ersetzt und dieses Prinzip weltweit anwendbar ist, erscheint für die Bevölkerungen des Südens als ein bedrohliches Szenario.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig sich zu erinnern, wie die Entwicklung verlaufen ist: Auf Ertragsmaximierung abzielende Fangtechnologien haben nicht nur zu einem Rückgang der weltweiten Fangerträge, sondern auch der maritimen Lebensräume geführt.

Die Länder des Südens haben diese überhaupt nicht nachhaltigen Fangmethoden ja ursprünglich auch von den Fischereiflotten aus dem Norden übernommen. Mit Entwicklungshilfegeldern wurden westlichen Errungenschaften wie Grundschleppnetze eingeführt und die damals als ineffizient angesehenen, von Hand ausgeführten und im Rhythmus der Jahreszeiten stehenden "Passiv-Fangtechniken" in der Dritten Welt ersetzt.

Die neuen Technologien wurden von einer neuen Gruppe von Unternehmern kontrolliert, die den maritimen Raum als freies und unbegrenzt zugängliches Rohstoffdepot betrachteten. Der steigenden Nachfrage aus den USA, Westeuropa und Japan entsprechend gingen die Fangquoten von Tintenfisch, Shrimps und Thunfisch sprunghaft nach oben. Gleichzeitig wurden damit die Ökosysteme der tropischen Gewässer geschädigt. Die Kontrolle der Fischerei durch lokale Gemeinschaften ging verloren.

Mehr als zwei Jahrzehnte lang haben Kleinfischer aus den verschiedensten Teilen Asiens versucht, sich gegen die industrielle Großfischerei und ihre katastrophalen ökologischen und sozialen Auswirkungen zur Wehr zu setzen und um die Durchsetzung und Einhaltung der Fischereigrenzen in ihren Küstengebieten gerungen.

Wenn die Einführung einer Öko-Marke tatsächlich eine nachhaltigere Fischereiwirtschaft zur Folge haben sollte, bedarf es mehr als nur zusammen mit einigen aufgeschlossenen Abteilungsleitern eines international tätigen Fischvermarkters aktiv zu werden: Die Abstimmung und direkte Kooperation mit den Fischern oder einer ihrer Organisationen ist eine unerlässliche Grundbedingung dafür. Solange sie einen der zentralen Konflikte, nämlich die Frage des Zugangs- und Hoheitsrechts in der Küstenfischerei, nicht themastisiert, bleibt jede Kampagne für nachhaltige Fischerei reines Lippenbekenntnis.
Die MSC-Initiative droht aufgrund des Umstands, dass sie von einem so marktdominierenden Fischeinkäufer wie Unilever mitbegründet wurde, zum Fluch für alle ernsthaften Bestrebungen in Richtung Nachhaltigkeit zu werden. Genau betrachtet könnte Unilever über die Aktivitäten des MSC seinen Einflussbereich auf die Fischer derart vergrößern, dass dadurch jeglicher regionaler Kleinhandel mit Fisch ausradiert würde.

Eine Annahme, die immer wieder mit dem Brustton der Überzeugung behauptet wird, lautet: "Wenn Industrie und Markt die Führung übernehmen, folgt der Staat automatisch nach." Nach vier Jahren Tätigkeit steht das MSC immer noch am Anfang solcher Bemühungen. Die Regierungsbehörden üben sich im Norden wie im Süden in zurückhaltender Beobachtung. Von den über hundert Unterstützungserklärungen, die das MSC inzwischen erhalten hat, stammen mehr als 80 Prozent von unterschiedlichen Organisationen aus Industrieländern (die Hälfte davon aus Großbritannien). Mit Hongkong, Pakistan, Simbabwe und Ecuador haben sich bisher erst vier Staaten aus der Dritten Welt zum MSC bekannt, die kaum als repräsentativ für die Küstennationen unter den Entwicklungsländern zu betrachten sind.

Der einzige ausweg für die Fischereiarbeiter in der Dritten Welt besteht darin, die Initiative für eine nachhaltige Fischwirtschaft zu ihrem eigenen Ziel zu erklären und sie zu ihren eigenen Bedingungen und in ihrem Tempo zu realisieren. Das würde bis zu einem gewissen Grad auch die Rückkehr zu einer über Jahrhunderte erprobten Art des Fischfangs bedeuten, die in ihrer behutsamen Ernteweise auf eine ständige Regeneration der Bestände Rücksicht nimmt. Von den KonsumentInnen in den Industrieländern müssten diese Bestrebungen für eine umweltverträglichere Fischerei nicht nur durch ein bewusstes Kaufverhalten, sondern auch durch öffentliche Aktionen und Druck auf nationale demokratische Institutionen und internationale Organisationen wie die UNO und die WTO gestärkt werden.

Inzwischen wird von Fischereivertretern und NGOs auch gemeinsam darüber nachgedacht, wie man Fischer, Händler, Verarbeiter und Vermarkter nach den Prinzipien des Fairen Handels zusammenschließen könnte.

Ein erster Versuch in diese Richtung wurde vor kurzem von der South Indian Federation of Fishermen Societies (SIFFS), einem Netzwerk dörflicher Kleinfischerei-Kooperativen mit deutschen NGOs, gestartet. Durch einen möglichst direkten Kontakt zwischen Fischern in Südindien und KonsumentInnen in Deutschland sollen die Lebens- und Arbeitsbedingungen der indischen Fischereiarbeiter verbessert werden.

Von den Fischereivertretern wurden vier verschiedene Kriterien für eine solche Zusammenarbeit entwickelt: Erstens sollte der eine Partner eine unabhängige, demokratisch strukturierte und transparente Organisation sein, welche die internationalen Prinzipien gewerkschaftlicher Arbeit respektiert. Zweitens sollte der andere Partner eine Fischereigemeinschaft sein, die ausschließlich mit Niedrig-Energie-Ausrüstung und passiven Fangtechniken arbeitet. Drittens sollte der Export nicht die eigene Versorgung bedrohen oder die Frauen vom lokalen Handel mit Fisch ausschließen. Und schließlich viertens sollte der Anteil des für den Fairen Handel in Europa bestimmten Fisches auf maximal 15 Prozent aller angelandeten Fang-Erträge der Gemeinschaft begrenzt bleiben.

Bei den Bremer Fischtagen im März 2000 wurde ein erster Beginn dieser Zusammenarbeit gesetzt. Die Partner hoffen jetzt, sich mit ihrer Initiative in den wichtigsten fischimportierenden Märkten Europas etablieren zu können. Dazu ist allerdings ein neues Konsumentenbewusstsein erforderlich, dass über den rein wirtschaftlichen Aspekt von fair gehandelten Produkten hinausgeht und bereit ist, die Auswirkungen der eigenen Lebens- und Einkaufsgewohnheiten grundlegend zu überdenken.

John Kurien ist Aktivist und Forscher und führender Fischereiexperte am Centre for Development Studies in Trivandrum im südindischen Bundesstaat Kerala.

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