Freie Flüsse für freie Völker

Von Georg Schön ·

In Lateinamerika organisieren sich immer mehr Betroffene gegen die Auswirkungen von Staudämmen und kämpfen für den Erhalt der natürlichen Ressourcen.

Tragische Berühmtheit erlangte das Projekt von Baja Verapaz in Guatemala. 1985 wurde dort der Staudamm Chixoy eingeweiht. Mit technischer Hilfe und Darlehen der Weltbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank realisiert, betrugen die Endkosten schließlich 40 Prozent der gesamten Auslandsschuld Guatemalas jener Zeit. Der Widerstand der direkt betroffenen Menschen wurde von der Militärdiktatur niedergeschlagen, 444 von ihnen bezahlten dafür mit dem Tod. Zahlreiche Konzerne aus Europa und den USA waren am Bau beteiligt. Bis heute übernahm niemand die Verantwortung für die Verbrechen. Eine Vereinigung der Geschädigten hat mittlerweile eine Klage gegen die guatemaltekische Regierung am Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht, um für Gerechtigkeit und für Entschädigungszahlungen zu kämpfen.
Mitte Oktober des Vorjahres fand in Baja Verapaz das „3. Lateinamerikanische Treffen des Netzwerkes der Betroffenen von Staudammprojekten“ statt. 400 Delegierte von 112 Organisationen aus 25 Ländern nahmen daran teil. Der Kongress stand ganz im Zeichen der zunehmenden Mobilisierung gegen neoliberale Entwicklungsstrategien. Neben dem Erfahrungsaustausch der Betroffenenvereinigungen und einer Analyse des Ist-Zustandes ging es vor allem um die Erarbeitung eines kontinentalen Aktionsprogramms. Kampagnen gegen internationale Finanzinstitutionen und transnationale Unternehmen wie die spanischen Energiekonzerne Union Fenosa und Endesa sind geplant.

Angesichts der Herausforderungen scheinen diese Anstrengungen als unumgänglich. Der chilenische Ökologe Juan Pablo Orrego skizziert die Energieproblematik seines Landes folgendermaßen: „Die Energiegewinnung in Chile erfolgt zentralistisch, durch die traditionelle Wasserkraft aus Staudämmen und thermoelektrische Generatoren. Es gibt keine Entwicklung erneuerbarer Energien. Nach der Liberalisierung des Energiemarktes hat der spanische Energiekonzern Endesa den gesamten energiewirtschaftlichen Komplex aufgekauft.“ Die Wirtschaft des neoliberalen Musterschülers basiere zum Großteil auf der Ausbeutung und Weiterverarbeitung natürlicher Ressourcen, so der chilenische Ökologe. Dieses System verschlingt viel Strom und Wasser. Die Weiterverarbeitung der Rohstoffe für den globalen Markt verschlimmert noch die Situation.
„Plan Puebla Panama“ lautet der Name der Entwicklungsstrategie für Zentralamerika. Neben der Liberalisierung der Märkte sollen im Großraum von Mexiko bis Panama die Verkehrsinfrastruktur und die Energieversorgung ausgebaut werden. Der Bau von 330 Staudämmen ist geplant. Sie bedrohen 170 Flüsse, unzählige Ökosysteme, Land, Kultur und Leben der bäuerlichen und indianischen Bevölkerung. Die Errichtung eines zentralamerikanischen Stromnetzes, das alle Länder von Mexiko bis Panama verbinden soll, ist im Gange. Nach der Privatisierung des Energiesektors wird Strom für die Industrien in den Freihandelszonen und den Export in die USA erzeugt. Genauso wie in Chile ist auch in diesem Projekt der Energiekonzern Endesa aktiv. Die Verwaltung des Stromnetzes wurde an das spanische Unternehmen vergeben, das viele Millionen US-Dollar in das Mega- Projekt investiert hat.

Der stärkste Widerstand entsteht genau dort, wo die Bedrohung am offensichtlichsten ist. In den letzten Jahren konnten mittels Straßensperren, Streiks, Besetzungen, öffentlicher Anzeigen, Volksabstimmungen und internationaler Solidarität viele Staudammprojekte verhindert werden. So wurden in Costa Rica, Guatemala und Argentinien durch massive Proteste und Volksabstimmungen Wasserkraftprojekte am Río Pacuare, Río Hondo und Río Paraná (Corpus Christi) zurückgewiesen. Die lateinamerikanische Anti-Staudammbewegung ist weltweit einzigartig. Ihr Ursprung liegt in São Paulo, Brasilien. Dort fand 1999 das erste Treffen des erwähnten Netzwerkes statt. Seit damals lautet die Devise: Freie Flüsse für freie Völker! Wasser für das Leben und nicht für den Tod!
Die Zukunft bleibt bewegt: Fast auf den Tag genau fällt der 14. März, der „Internationale Tag gegen Staudämme“, mit dem 4.Weltwasserforum in Mexiko-Stadt zusammen, einem Stelldichein der Wasserindustrie. Kontinentale Mobilisierungen, alternative Veranstaltungen und Massenproteste gegen die Privatisierung natürlicher Ressourcen werden bereits vorbereitet.

Der Autor arbeitet seit vergangenem Herbst bei CIEPAC – Center for Economic and Political Research for Community Action – in San Cristóbal de las Casas, Chiapas, Mexiko.

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