Fundstücke

Rachid Boudjedra: Die Zerfaserung. Aus dem Arabischen von Farid Benfeghoul. Verlag Donata Kinzelbach, Mainz 1997, 292 Seiten.

Von Karl-Markus Gauß
Nicht weniger als zwölf Bücher hat der Verlag Donata Kinzelbach bisher von Rachid Boudjedra auf deutsch aufgelegt. Ein aufwühlender, sprachgewaltiger Erzähler, der die Sätze wie atemlos gehetzt dahinschießen läßt - doch der 1941 geborene Algerier ist bei uns dennoch ein Geheimtip geblieben.

"Atafakkuk" (Die Zerfaserung) war 1981 der erste Roman, den Boudjedra auf Arabisch verfasste. Vorher hatte sich der Absolvent der Sorbonne mit etlichen französischen Büchern den Ruf eines glänzenden jungen Autors der frankophonen Welt erworben. Dass er jetzt anstatt des Französischen das Arabische als Literatursprache wählte, war ein politischer Akt, der einer ganzen Generation zum Signal wurde.

"Die Zerfaserung" spielt in Algier und führt zwei denkbar gegensätzliche Figuren zusammen. Der alte Tahar el Gomri verkörpert in seiner Integrität die Würde des algerischen Befreiungskampfes und in seinem Scheitern den abschüssigen Weg, auf den die neuen Machthaber ihr Land gezwungen haben. Eines Tages entdeckt Selma, eine junge Bibliothekarin aus der Oberschicht, den abgehausten Revolutionär. Was sie von Tahar, dem Helden, der zum Paria wurde, erfährt, ist die verdrängte, vertuschte Geschichte des Landes. Schon damals, 1981, berichtete Boudjedra vom geheimen Bürgerkrieg in Algerien, von der Anmaßung der Nomenklatura, die die Revolution in Besitz nimmt, und den religiösen Fanatikern, die sich im Besitz der Wahrheit und des unbezweifelbaren Rechts wähnen, jedem, der sich ihrer Wahrheit verschließt, die Kehle durchzuschneiden.

Karl-Markus Gauß, geboren 1954, lebt in Salzburg als Autor und Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik". Zuletzt erschien von ihm "Der Mann, der ins Gefrierfach wollte" im Zsolnay-Verlag, Wien.

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