Ganzheitliche Heilung

Traditionelle chinesische Medizin wird in Europa immer populärer. Auch Schulmediziner wenden sie häufig als zusätzliche Heilmethode an.

Von Martin Frimmel
Der zweite europäische Kongreß zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) fand kürzlich in Wien im Schloß Wilhelminenberg statt. 1997 wurde in Wien die erste Schulungseinrichtung für Chinesische Medizin in Mitteleuropa gegründet: "Die TCM-Akademie wird die Ausbildung in der fernöstlichen Heillehre auf ein akademisches Niveau stellen", betonte deren Präsident Andreas Bayer beim Kongreß in Wien. Die Privatuniversität soll in Blumau in der Steiermark eröffnet werden und will höchste Qualitätskriterien bei der Ausbildung achten. Die Studienklassen sollen maximal 20 Hörer umfassen, und Teilbereiche, wie etwa Tuina, auch Nicht-MedizinerInnen zugänglich gemacht werden.

Akupunktur ist sicher die bekannteste Form der traditionellen chinesischen Medizin im Westen. Doch hat die chinesische Medizin weit mehr zu bieten. Insgesamt gibt es fünf Säulen der TCM-Therapie, die die ÄrztInnen kombinieren: Akupunktur, chinesische Heilkräuterkunde, Tuina, Ernährungslehre sowie Qigong.

Akupunktur ist eine sanfte und wirkungsvolle Alternative zur Schulmedizin. Dies gilt vor allem für funktionelle Störungen, chronische Schmerzzustände und eine Vielzahl psychosomatischer Erkrankungen. Mit der Nadel-Therapie können "Qi" wird bei uns oft mit dem Begriff Energie übersetzt - eine substantielle Energie, welche den Körper wärmt, bewegt, aber auch nährt. Nach der Erfahrung von chinesischen ÄrztInnen leiten definierte Bahnen das Qi durch den Körper. Zugang zum energetischen Fließsystem erlauben "Öffnungen" in der Haut, die wir als Akupunkturpunkte bezeichnen.

Vor über 2000 Jahren wurde schon beschrieben, daß eine Einflußnahme auf das Qi durch Einwirken von außen möglich ist. Akupunktur, das Stechen mit der Metallnadel, ist die geläufigste Form der Einflußnahme. Ziel der Behandlung ist, das Qi in seinem Wegesystem zu erreichen und zu beeinflussen.

Seit ältester Zeit ist die Anwendung von Arzneimitteln das mit Abstand wichtigste und vielfältigste Heilverfahren der traditionellen chinesischen Medizin. In TCM-Krankenhäusern in China macht der klinische Einsatz von Heilkräutern etwa zwei Drittel aller Behandlungen aus. "Im Gegensatz zu der weit verbreiteten Meinung, daß die traditionellen chinesischen Arzneimittel sich hauptsächlich aus Schildkrötenpanzern, Bärengallen und Tigerknochen zusammensetzen", so Bettina Fritsch, Lektorin der österreichischen TCM-Akademie, "machen die tierischen Produkte nur einen geringen Prozentsatz aus".

"Tigerprodukte", so Xian Ping, Präsident der TCM-Universität Nanking in China, "sind aus den Lehrbüchern verschwunden. Über 80% der Arzneimittel sind pflanzlicher Natur, und ein weiterer großer Teil besteht aus Mineralien".

Von mehr als 7295 bekannten Kräutern sind nur etwa 500 für die tägliche Praxis relevant. Da sich China über fast alle Klimazonen der Erde erstreckt, gibt es ein große Vielfalt an Heilpflanzen. Viele Heilkräuter der chinesischen Medizin sind auch im Westen bekannt, wie Fenchel, Mohn, Rhabarber und Schöllkraut.

INI=Seit 1949 wurden circa 140 chinesische Heilkräuter systematisch wissenschaftlich untersucht. Die Erforschung der aus diesen Heilkräutern isolierten aktiven Substanzen ist noch nicht abgeschlossen, dennoch wurden bisher 60 neue Arzneimittel daraus entwickelt. Beispiele für aus chinesischen Kräutern stammende westliche Medikamente gibt es in jedem Bereich, etwa die viel eingesetzten durchblutungsfördernden Gingko-Präparate.

Die in China erhältlichen Arzneimittel bekommen im Westen keine Zulassung, weil sie nicht in das westliche Genehmigungsverfahren (das grundsätzlich auf westlichen Diagnosen beruht) passen. Doch es gibt Alternativen: Fast alle diese Medikamente können als Kräuterrezepturen verschrieben und von einem Apotheker gemischt werden.

Die dritte Säule ist Tuina, eine alte chinesische manuelle Methode, die sich aus der chinesischen Heilmassage entwickelte. Hände sind das wichtigste Werkzeug. Meist wird der Patient auf einer Liege oder auf einem Stuhl massiert und manipuliert. Die wichtigsten Griffe: Reiben, Schieben, Kreisen, Drücken, Zwicken, Klopfen, Dehnen und Rotationen.

Es gibt eine Vielzahl an Anwendungsmöglichkeiten, sowohl im Bereich des Bewegungsapparates, wie auch bei Verdauungsstörungen, Kopfschmerzen und Schlaganfällen. "Tuina zählt zu den medizinischen Therapien und wird zur Behandlung manifester Erkrankungen eingesetzt", so Nicola Visjager-Peniston-Bird von der TCM-Akademie in Wien. "Häufig kann man mit Tuina erstaunliche Erfolge erzielen, wo andere Methoden versagen."

Vierte Säule der chinesichen Medizin ist die Ernährungslehre. Die Beschäftigung mit Ernährung und Medizin hat in China eine lange Tradition. Schon von frühester Zeit an war man sich sehr deutlich bewußt, welche Auswirkungen die Nahrung auf den menschlichen Körper hat und wie wichtig eine ausgewogene Ernährung für das allgemeine Wohlbefinden ist. Was gegessen oder gemieden werden soll, wird - nach einer umfangreichen Diagnose - individuell für jeden Menschen zusammengestellt. Man bedient sich der Qi-Kraft eines Nahrungsmittels, um auf das Qi im menschlichen Organismus korrigierend einzuwirken. Diese Aussagen über die Wirkung eines jeden Nahrungsmittels sind wichtige Bausteine der chinesischen Medizin und ermöglichen eine genaue Abstimmung mit anderen Therapieverfahren.

INI=Die fünfte Säule schließlich ist "Qigong", ein Sammelbegriff für über 2000 verschiedene Übungsformen und -stile, die eine Verbindung aus Meditation, Atmung und Körperhaltung und -bewegungen beinhalten. In den buddhistischen Shaolin-Klöstern wurden Meditations- und Atemtechniken mit Übungen der Kampfkunst verbunden, um so den Mönchen Schutz vor Angriffen zu geben. Qigong gilt heute als Ursprung der harten chinesischen Kampfkünste.

Das medizinische Qigong ist ein eigenständiges Gebiet, das sich gezielt mit der Linderung von Krankheit, Gesundung, Rehabilitation und Prävention beschäftigt. Das äußere Qigong ist eher körperbetont. Es beschäftigt sich mit der Ausbildung äußerer Festigkeit durch Zentrierung von Qi an der Körperoberfläche und wird meist in einzelnen Stilen der Kampfkünste geübt. Im Gegensatz dazu steht zum Beispiel das innere, weiche Qigong, das im wesentlichen ruhige Übungsformen mit fließenden Bewegungen, entspannter Körperhaltung und innerer Versenkung bedeutet.

"Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, daß vier Milliarden Menschen, also 80% der Weltbevölkerung, Heilkräuter verwendet," sagt Elizabeth Ohm, Präsidentin der Kyung-San-Universität (Los Angeles). "Die traditionelle chinesische Medizin insgesamt kostet etwa ein Zehntel im Vergleich zur westlichen Medizin. Denn die TCM-Ärzte beschränken sich nicht nur auf die schon ausgebrochene Krankheit, sondern befassen sich auch mit der Gesundheitsvorsorge, was sehr oft kostspielige Behandlungen unnötig macht."

"Während für den westlichen Arzt der Befund die Grundlage für die Behandlung darstellt, ist es für die chinesische Medizin das Befinden des Patienten", charakterisiert Andreas Bayer einen der grundlegenden Unterschiede. Der Mensch werde von der chinesischen Medizin als Ganzes betrachtet und muß aktiv am Heilungsprozeß mitwirken. "Gegen akute Erkrankungen ist die westliche Medizin besser, in der Behandlung chronischer Leiden hingegen die chinesische", so Bayer.

Akupunktur dürfen in Österreich nur ÄrztInnen praktizieren. Aus diesem Grund gibt es noch keine vollständig ausgebildeten TCM-MedizinerInnen ohne Medizinstudium und absolvierten Turnus.

In anderen Ländern des Westens, so etwa in Großbritannien oder den USA, ist das bereits anders: Dort gibt es den eigenständigen Beruf des TCM-Arztes, der unabhängig von der westlichen Schulmedizin ausgebildet wird. "Viele Leute aber sehen die chinesische Medizin noch immer als komplementäre, also zusätzliche Methode an, zusätzlich zu schulmedizinischen Behandlungsmethoden", meint Franz Kreuzer, früherer österreichischer Gesundheitsminister und Präsident der Popper-Foundation: "Doch eigentlich sind das kooperative Methoden". In China arbeiten traditionell und westlich ausgebildete Ärzte sschon seit vielen Jahren Hand in Hand.

Martin Frimmel ist Journalist und Waldexperte bei Greenpeace.

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