Gefundenes Essen

Von Christina Bell ·

Immer mehr Menschen kochen und leben gut mit Nahrungsmitteln aus dem Müll.

Die Absurdität der Wegwerfgesellschaft manifestiert sich jeden Tag vor unseren Augen, z.B. in den überquellenden Müllcontainern der Supermärkte nach Ladenschluss. Tonnen von Brot und Backwaren, Obst und Gemüse werden täglich zu Abfall degradiert – nicht zuletzt deshalb, weil in unserer Gesellschaft das Diktat der Perfektion auch für Lebensmittel gilt. Zusammen mit dem Umstand, dass sich kein Geschäft, auch nicht vor Ladenschluss, bei Frischwaren leere Regale leisten will, ergibt dies eine fatale Kombination. Haben die letzten KundInnen das Geschäft verlassen, wandert ein Teil des Überangebots direkt in den Müll.

Dort muss aber nicht automatisch Endstation sein. Es gibt durchaus Leute, die die Container als Zulieferquelle nutzen: Manche, weil es ihre einzige Option ist, günstig zu Essen zu kommen. Andere, weil sie damit ein Zeichen setzen wollen – ein Zeichen gegen das Wegwerfen großer Mengen von Lebensmitteln. Dumpster Diving, Mülltauchen ist ein verbreitetes Phänomen im urbanen Raum. Meist nächstens ziehen die TaucherInnen los und heben ihre Schätze, oft einwandfreies Obst und Gemüse, das aufgrund abgelaufener Haltbarkeitsdaten, Druckstellen oder einfach als Überschuss aussortiert wurde. Bis zu 45 kg Lebensmittel wirft jede östereichische Supermarktfiliale laut einer Studie der Universität für Bodenkultur weg – täglich. Mehr als genug Beute für Dumpster Diver, eine heterogene Bewegung von kleinen Gruppen und Individualisten. Auch kann das „Containern“ eine Ausdrucksform von „Freeganismus“ sein, einer Lebenshaltung, die Konsum möglichst vermeidet.

„Wir begegnen an den Tonnen Frauen und Männern jeglicher Altersgruppe“, sagt David Gross, Mülltaucher und Aktivist. Hygienische Bedenken? „Der Mist sind nicht die Lebensmittel im Müll, der Dreck ist das System der Verschwendung”, meint Gross. In Österreich stellen die nächtlichen Tauchgänge im Gegensatz zu beispielsweise Deutschland keinen Straftatbestand dar. Müll gilt hierzulande als „herrenlose Sache“. Wird allerdings zunächst ein Schloss auf- oder irgendwo eingebrochen, sieht das eventuell anders aus.

Nun kann man für die eigene Versorgung tauchen, oder mehr draus machen: Hinter dem Namen „Wastecooking“, initiiert von David Gross, versteckt sich konsumkritischer „Artivismus“, der sich mit dem Thema Lebensmittelverschwendung beschäftigt. Das Kollektiv bringt MülltaucherInnen und KöchInnen zusammen und verwandelt „Abfall“ in kreative Gerichte. Wastecooking veranstaltet Aktionen wie einen „Free Supermarket“ im September in Wien und betreibt eine alternative Kochshow, die zeigt, dass Protest auch Spaß machen kann. Gross: „Der schönste Tag wäre für uns, wenn wir in den Tonnen von Supermärkten keine frischen Lebensmittel mehr finden. Wenn die Verschwendung aufhört, haben wir unsere Aufgabe erfüllt.“  cbe

www. wastecooking.com

„One foot in the trash“. Die erste Staffel (5 Episoden) der konsumkritischen Kochshow auf DVD (€ 15 zzgl. Versand). www.freegan.at/basics.htm

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