Geistige Nahrung

Von Werner Hörtner ·

Eine beispiellose Kultur-Sozial-Initiative breitet sich von Wien wie ein Flächenbrand über Österreich aus.

„Ohne Geld ka Musi“ – unter diesem Motto fanden sich an einem kalten windigen Vormittag Ende Februar vor dem Parlamentsgebäude in Wien an die 70 Menschen zusammen, NGO-Leute, JournalistInnen – und BesitzerInnen eines merkwürdigen Ausweises: des Kulturpasses. Sie nehmen gemeinsam ein Frühstück zu sich, Kaffee und Brioche, Auftakt für einen Aktionstag zum Thema.
Mittlerweile besitzen an die 18.000 Personen in Wien dieses Dokument. Es berechtigt zum kostenlosen Eintritt in über 100 Kulturinstitutionen in und um Wien. Und auch außerhalb der Bundeshauptstadt kommen immer mehr Menschen in den Genuss, gratis Museen, Konzerte, Lesungen usw. genießen zu können. Nach dem Vorbild Wiens wurde diese Initiative bereits auf Salzburg, Steiermark, Oberösterreich, Tirol und Vorarlberg ausgeweitet. Ausgestellt werden die Ausweise an circa 100 Ausgabestellen von sozialen und karitativen Einrichtungen, dem Arbeitsmarktservice (AMS) und den Sozialzentren der Stadt Wien.
Entstanden ist die Idee Ende 2003 am Wiener Schauspielhaus unter dem damaligen künstlerischen (Co-)Leiter Airan Berg, unterstützt von Martin Schenk von der Armutskonferenz. Der Sozialexperte dieses Netzwerkes erinnert sich: „Wir wurden oft dahingehend angesprochen, dass arme Mensche gerne ins Theater, in die Oper, ins Kino gehen, aber dass das Geld dafür nicht ausreicht.“ Die entsprechenden Zahlen sind erschreckend: In ganz ÖsterREICH sind 420.000 Menschen von akuter Armut betroffen, in Wien sind es 91.000. Dazu kommen noch 130.000 Personen mit prekärer oder geringfügiger Beschäftigung und einem Einkommen von unter € 1.000,- brutto.

Martin Schenk liest vor dem Sitz der VolksvertreterInnen Briefe von Kulturpass-BesitzerInnen vor, die sich bedanken, die Möglichkeit gehabt zu haben, nach Jahren wieder einmal ein Konzert, ein Theater, eine Musikveranstaltung zu besuchen. Es wird beklemmend klar, wie wichtig es für viele Menschen ist, über das physische Überleben hinaus auch geistige Nahrung zu sich zu nehmen. Und wie wichtig diese Initiative ist, die den „Hunger auf Kunst und Kultur“ – so der volle Name der mittlerweile als Verein konstitutierten Bewegung – kostenlos stillt.
Anspruchsberechtigt sind Menschen, die Sozialhilfe oder Mindestrente beziehen, Arbeitslose und Flüchtlinge. Die Zahl der Interessierten wächst kontinuierlich. Zum Glück auch die Zahl der kulturellen Einrichtungen, die ihre Pforten für Kulturpass-BesitzerInnen öffnen, und die der Sponsoren. Es handelt sich dabei um keine Freikarten; die Kulturveranstalter müssen selbst entscheiden, wie sie die Eintritte mit Kulturpass finanzieren.
In Wien haben SPÖ und Grüne eine Arbeitsgruppe zur Unterstützung und Begleitung der Initiative gebildet, die seit Anfang 2007 auch von der Kulturabteilung der Stadt unterstützt wird. Monika Wagner, früher am Schauspielhaus tätig, verließ sozusagen mit diesem Projekt das Theater und ist nun die Geschäftsführerin des prosperierenden Vereins. Und kennt den „Fluch“ jeder erfolgreichen Tätigkeit: das Arbeitspensum wird immer größer.

www.hungeraufkunstundkultur.at

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