Genügt Entschuldung?

Von Helmut Creutz ·

Schuldenerlasse verbleiben zwangsläufig im Bereich der Symptombehandlung. Zur Überwindung der Schuldenproblematik brauchen wir einen Ansatz, der die fundamentalen Fehlstrukturen unseres Geldsystems korrigiert

Beim letzten Weltwirtschaftsgipfel in Köln stand auch die Frage der überschuldeten Entwicklungsländer auf der Tagesordnung. Diese längst überfällige Behandlung des Überschuldungsproblems wurde durch eine weltweite Kampagne unter dem Slogan “Erlaßjahr 2000 – Entwicklung braucht Entschuldung” unterstützt.

Zweifellos ist bei den ärmsten Entwicklungsländern ein Schuldenerlaß inzwischen notwendig und letzlich ohne Alternative. Je eher man ihn durchführt, umso leichter ist er für beide Seiten. Und zweifellos haben wir reichen Länder allen Grund, diese Fragen großzügig anzugehen. Zur Überwindung der gesamten Schuldenproblematik brauchen wir aber mehr als nur Entschuldung. Dazu brauchen wir einen Ansatz, der die fundamentalen Fehlstrukturen unseres Geldsystems korrigiert.

INI = Worin diese bestehen, läßt sich einfach zeigen. Schuldenmachen ist im Grunde ähnlich problemlos wie Trinken. Erst die Höhe der damit verbundenen Prozente – des Alkohols wie der Zinsen – lösen jeweils die Probleme aus! Liegen die Zinssätze über den Wachstumsraten, nehmen die Schulden rascher zu als die Wirtschaftsleistung, aus der sie bedient werden müssen. Denn die Zinszahlungen führen nicht nur zu einer tendenziellen Einkommensumschichtung von der Arbeit zum Besitz, sondern auch – was meist nicht beachtet wird – zu einem immer stärkeren Wachstum der Geldvermögen. Und dieser Geldvermögensanstieg ist die eigentliche Ursache der Überschuldungsproblematik.

Bereits 1993 schrieb die Deutsche Bundesbank von der „Selbstalimentation der Geldvermögen“ und errechnete, daß die Zinseinkommen der privaten Haushalte 80 Prozent ihrer Ersparnisse ausmachten. Die Zinseinkommen (in Deutschland tagtäglich bereits 1,3 Milliarden Mark!) werden also überwiegend von den Empfängern nicht ausgegeben, sondern den Geldvermögen zugeschlagen. Damit wird in gleicher Höhe eine Ausweitung der Verschuldung erforderlich, um den Geld- und Wirtschaftskreislauf zu schließen. Denn ohne diese Rückführung der überschüssigen Einkommen käme es zu Geldverknappungen in der Wirtschaft mit schwerwiegenden deflationären Folgen.

Das heißt: Im Umfang der wachsenden Geldvermögen können nicht nur die Schulden ausgeweitet werden, sondern sie müssen in diesem Umfang zunehmen, gleichgültig durch wen und wofür, ob im Inland oder Ausland! Dies zeigt bereits, daß alle Erlasse von Schulden an deren Zunahme in der Welt nichts verändern können. Denn so, wie für die neu hinzukommenden Ersparnisse neue Schuldner gefunden werden müssen, so ist das auch bei allen zurückgezahlten Schulden der Fall.

INI = Und so sind nicht nur die Entwicklungsländer in die Schuldenfalle geraten, sondern inzwischen auch die Industrienationen. In Deutschland wurden mit der Vervierfachung der öffentlichen Schulden seit 1981 lediglich die in der gleichen Zeit gezahlten Zinsen abgedeckt. Die Schuldenexplosion hat dem Staat also nichts gebracht, keine Mark für Investitionen oder andere Ausgaben, sondern lediglich einen viermal höheren Schuldenstand mit entsprechend gestiegenen Zinszahlungen. Damit aber nehmen nicht nur die Löcher in den öffentlichen Kassen zu, sondern über die Zinssubventionierung der Reichen auch die sozialen Spannungen.

Eine Abbremsung der ständig weiter zunehmenden weltweiten Schulden wäre nur möglich, wenn die Zunahme der Geldvermögen abgebremst werden könnte. Das aber wäre wiederum nur zu erreichen, wenn die Zinssätze unter die Wachstumsraten der Wirtschaft absinken und mit ihnen gegen Null fahren würden. Ein solches marktgerechtes Absinken der Zinsen wiederum wäre nur erreichbar, wenn das Geld unter dem gleichen Zwang zum Angebot stehen würde wie die Arbeit und die Güterproduktion.

Solange jedoch das Geld nicht in vollem Umfang den Marktkräften unterliegt bzw. sich diesen durch Zurückhaltung entziehen kann, können auch Schuldenerlasse allenfalls vorübergehende Entlastungen bringen. Diese Entlastungen gehen jedoch durchweg zu Lasten der Allgemeinheit und nicht zu Lasten derjenigen, die jahre- und jahrzehntelang die Zinsen aus den Krediten kassiert haben.

INI = Eine Reduzierung dieser Umverteilungsproblematik, die bei den ärmsten Entwicklungsländern in einer besonders krassen Form zu Tage tritt, ist wirksam und dauerhaft nur durch Zinssenkungen zu erreichen. Mit Zinssenkungen würden die Kredite nicht nur tragbarer, sondern auf Dauer auch rückzahlbar. Zinssenkungen kämen also allen Schuldnern gleichermaßen zugute. Das heißt, der Kampagne “Erlaßjahr 2000” müßte eine Kampagne “Nullzins 2000” zur Seite gestellt werden. Entwicklung bedarf also nicht nur der Entschuldung, sondern auch der Entzinsung, wenn sie nachhaltig und gerecht sein soll.

Alle Problemlösungsversuche, die sich nur auf Schuldenerlasse beziehen, verbleiben zwangsläufig im Bereich der Symptombehandlung. Sie müssen darum ebenso scheitern wie der Versuch, einen Tumor durch Behandlung der Metastasen zu bekämpfen.

Helmut Creutz ist Wirtschaftsanalytiker und Publizist. Zuletzt erschienen 1993 beim Wirtschaftsverlag Langen-Müller/Herbig:

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