Genug von Stigmatisierung und Opferrolle

Afrikanische Stimmen, etwa in Form der „I am a Liberian. Not a virus“-Initiative, fordern differenzierten Umgang mit Ebola, nicht zuletzt in den Medien.

Von Richard Solder
Der Videoclip mit Shoana Clarke Solomon ging um die Welt. Viele Menschen schlossen sich ihrer Botschaft an.

"Vergiss nicht, wir sind Menschen.“ Shoana Clarke Solomon, eine Fotografin und Fernsehmoderatorin aus Liberia, spricht – unaufgeregt und sachlich – in einem Videoclip direkt in die Kamera. Dann hält sie ein Schild hoch, auf dem steht: „I am a Liberian. Not a virus“ (Ich bin Liberianerin, kein Virus). Die gleichnamige Kampagne verbreitete sich im Web 2.0 ab Mitte Oktober – und war ein Volltreffer.

Während die mediale Berichterstattung über die Ausbreitung der Krankheit in den vergangenen Monaten weltweit einen neuen Höhepunkt erreichte, stießen sich viele, vor allem in Afrika selbst, am Umgang mit dem Thema und den betroffenen Gebieten.

Die Ebola-Hysterie war in den USA besonders groß. Mitunter auch in pauschalisierender Weise: Medien berichteten von Schulen, die temporär schlossen, weil MitarbeiterInnen oder SchülerInnen von einer Reise aus Afrika zurückkamen – und sei es auch aus einem Land ohne einen Fall von Ebola und weit entfernt von den betroffenen Staaten.

Menschen aus diesen Ländern wurden immer wieder stigmatisiert: Egal ob Schulkinder in der Schule oder Erwachsene am Arbeitsplatz – in verschiedenen Ecken der Welt wurde um gebürtige LiberianerInnen, GuineaerInnen und Sierra LeonerInnen plötzlich ein großer Bogen gemacht, selbst wenn sie seit Jahren nicht mehr in ihrem Geburtsland waren.

Initiativen und Einzelpersonen aus Afrika machen ihren Unmut darüber Luft. Comfort Leeco, Katurah Cooper, Aisha Bruce und Shoana Clarke Solomon wollten etwas unternehmen. Die vier Frauen aus Liberia starteten die Multimedia-Kampagne -#IAmALiberianNotAVirus: „Ziel dieser Bewegung ist, einfach den Menschen bewusst zu machen, dass auch wenn der Virus in unserem Land existiert, wir nicht alle infiziert sind“, betonen sie in einer gemeinsamen Erklärung.

Die vier nehmen dabei nicht zuletzt die Medien-Berichterstattung in die Verantwortung: „Radio- und Fernseh-Sender bombardieren uns im Minutentakt mit Nachrichten über Ebola, begleitet von dramatischer Musik und beängstigenden Bildern. Die Menschen hören so viel über die Todesfälle durch Ebola, dass sie gar nicht mehr darauf Acht geben, wie man den Virus überhaupt bekommt. Die Stigmatisierung passiert in Wahrheit aufgrund eines Informationsdefizits.“

Auch die Wahrnehmung der Rollen bei der Bekämpfung von Ebola wird in Frage gestellt. Sind es westliche internationale ExpertInnen und Institutionen, die die betroffene Region in Afrika retten müssen? Robtel Neajai Pailey sieht das anders. Die liberianische Autorin und Forscherin von der School of Oriental and African Studies der University of London spricht in einem Kommentar für die Website von Al Jazeera von einem „Mythos der weißen Retter“: Während sich zum Beispiel die USA Fehltritte beim Umgang mit den wenigen aufgetretenen Fällen von Ebola auf eigenem Territorium geleistet hätten, habe Nigeria gezeigt, dass „es auch ein afrikanisches Land auf sich allein gestellt schaffen kann“. Nigeria wurde am 20. Oktober von der Weltgesundheitsorganisation für Ebola-frei erklärt.

Zudem würden, kritisiert Pailey, westliche Medien über das internationale Engagement berichten und dabei oft lokale Bemühungen und Leistungen übersehen.

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